Gräfin Sophie Kisseleff

Ein historisches Ölgemälde wird in München für 120 000 Euro versteigert

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Sie zählt zu den bekanntesten historischen Frauenfiguren der Kurstadt: die Gräfin Sophie Kisseleff. Kürzlich wurde in einem Auktionshaus ein 1834 gefertigtes Portrait von ihr für viel Geld versteigert.

Die starke und selbstbewusste Frau ist in aktuellen Debatten (zu recht) ein regelmäßig auftauchendes Thema – sei es bei der #MeToo-Bewegung oder sei es die Forderung nach gleicher Bezahlung bei gleicher Leistung. Bad Homburg hat in seiner Geschichte bereits einige starke Frauen erlebt, eine davon war die Gräfin Kisseleff, die nicht wenige Spuren in der Stadt hinterlassen hat. So gibt es nicht nur eine Kisseleffstraße, sondern unter dieser Adresse auch eine Villa Kisseleff, in der heute ein kleines, aber feines Hotel untergebracht ist.

Welche Strahlkraft die selbstbewusste Gräfin auch heute noch hat, zeigt eine Auktion im Neumeister Münchener Kunstauktionshaus. Dort ging kürzlich ein Porträt der Gräfin Sophie Kisseleff unter den Hammer. 1834 war die adelige Dame, damals Anfang dreißig, von Joseph Stieler porträtiert worden, der als Hofmaler nahezu sämtliche Damen-Porträts der Schönheitengalerie König Ludwigs I. von Bayern in Schloss Nymphenburg malte.

Zu sehen ist die junge Gräfin, kostbar in weiße Seide und Spitze gekleidet, die auf einem prächtigen Fauteuil vor einem Spiegel sitzt, der auf seinem Gestell das Allianzwappen der Kisseleff-Potocki trägt. Der Zopf aus kräftigem schwarzen Haar ist geöffnet, die Gräfin schmückt ihn mit einer langen Perlenschnur. Daher auch der Titel: „Gräfin Kisseleff in Bad Homburg: schön, verspielt und unternehmungslustig“. Rechts unten ist das Bild signiert und auf das Jahr 1834 datiert. Auf der Rückseite ist wohl von Stieler (1781, Mainz – 1858, München) eigenhändig notiert worden: „Sophie Kisseleff née Comtesse Potocka / peint par J. Stieler. 1834“. Das Öl-Bild auf Leinwand hat die Maße 110 mal 92 Zentimeter.

Dr. Ulrike von Hase-Schmundt hatte nach intensiver Prüfung die Authentizität des bestätigt. Es sollte auch nicht verwundern, dass sich das Auktionshaus bei der Beschreibung der Gräfin Kisseleff unter anderem auf eine weitere starke Bad Homburgerin berief – natürlich auf Stadthistorikerin Gerta Walsh, in diesem Fall auf ihr Buch „Bad Homburger Fassaden – Geschichten rund um berühmte Häuser der Kurstadt“.

Bereits im Jahre 1832 hatte Stieler eine Studie zu vorliegendem Gemälde gefertigt. Im gleichen Jahr war der Künstler in Wien, wo ihn ganz offensichtlich Rubens „Toilette der Venus“ in den Sammlungen des Fürsten Liechtenstein beeindruckte und die Komposition des vorliegenden Porträts beeinflusste. Sei es Tizians „Venus mit einem Spiegel“ oder auch eine Arbeit wie das „Mädchen mit dem Spiegel – Allegorie der Irdischen Liebe“ von Paulus Moreelse: Das Motiv der sich im Spiegel betrachtenden schönen Frau ist in der Kunstgeschichte allgegenwärtig. Die zu unterstellende Gleichsetzung der attraktiven polnisch-russischen Gräfin mit der Göttin der Schönheit und Liebe – Venus – ist pikant und zeugt vom Selbstbewusstsein der Dargestellten.

Das kam nicht von ungefähr: Als Tochter eines der einflussreichsten Magnaten und einer wegen ihrer Schönheit (aber auch ihres Lebenswandels) berühmten Mutter, zudem Gattin eines ebenfalls mächtigen russischen Grafen, hatte Sophie Kisseleff allen Grund, sich wahrhaft fürstlich darstellen zu lassen. Den Konventionen jedoch widersprach es deutlich, sich bei der Toilette, einer eher privaten Beschäftigung porträtieren zu lassen: Sophie als Venus, als Denkmal der 1834 offenbar noch nicht erloschenen Liebe zu ihrem Mann.

Wenn man der Literatur glauben darf, scheinen sich beider Wege in den folgenden Jahren aber getrennt zu haben. In Gräfin Sophie entbrannte die Spielleidenschaft. In der 1841 eröffneten Spielbank von Bad Homburg war sie nicht nur regelmäßiger Gast, sondern auch an den Geschäften beteiligt. 1842 wurde die Villa Kisseleff erbaut, die wie die Straße bis heute den Namen der Gräfin tragen. Was den literarischen Aspekt anbelangt, so wird stark vermutet, dass der ausgeprägte Charakter Kisseleffs auch als Vorbild für eine der berühmtesten Figuren der russischen Literatur diente: Fjodor M. Dostojewski soll 1863 bei seinem ersten Besuch in Bad Homburg von ihr dermaßen beeindruckt gewesen sein, dass sie ihn zur „Babuschka“, der spielsüchtigen Gräfin in seinem Roman „Der Spieler“ inspirierte. Und Robert L. Stevenson, Autor der „Schatzinsel“, erinnerte sich an die alternde Gräfin: „Nacht für Nacht, Tag für Tag kam die alte Gräfin an die Spieltische, ihr Stuhl war für sie reserviert und dort spielte sie. Ich hörte, sie habe alles verlassen: Ehemann, Familie, Charakter um dieses armseligen Vergnügens willen“.

Die Katalognummer 344 hatte zu Beginn der Auktion einen Schätzpreis zwischen 40 000 und 60 000 Euro. Unter den Hammer kam es letztlich für stolze 120 000 Euro und „ging an einen Kunstsammler aus Süddeutschland“, erklärt Degner.

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