Hoch zu Anton und runter zu Gustav

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Harfe lernen ohne Notenkenntnis? Mit pädagogischen Tricks geht das. Am Ende eines eintägigen Workshops im „Wohlfühlhaus“ wissen die acht Teilnehmerinnen und der eine Teilnehmer zumindest, wie sie fast alles begleiten können.

Zehn Harfen auf zehn Quadratmetern – dies könnte der Übungsraum der himmlischen Engelschar sein, wäre die Decke nicht so niedrig. Unwillkürlich zieht den Kopf ein, wer das „Wohlfühlhaus“ durch seinen Hintereingang betreten hat. Der vielversprechende Name erfüllt sich alsbald (siehe ZUM THEMA).

Zuweilen spähen Spaziergänger durch die Fenster, doch die neun Menschen hinter den formschönen Instrumenten hören gespannt Stefanie Bieber zu. Die in Bad Homburger geborene Musikerin und Instrumentalpädagogin (47) erläutert ihren acht Schülerinnen und dem einen Schüler gerade, wie diese ihren drei Dutzend Saiten eigene himmlische Klänge entlocken.

Die Harfe zählt zu den ältesten Musikinstrumenten der Menschheit. Es sind längst nicht nur die wenigen Orchestermusiker, die lernen wollen, sie zu spielen. Biebers Schnupperkurse sind ausgebucht, und auch für den diesjährigen Harfenfrühling, den sie 13 Jahre lang in Neu-Anspach organisiert hat, gibt es bereits eine Warteliste. Dennoch ist Harfe exotisch; Unterrichtskurse sind nicht leicht zu finden. Heute kommen die Teilnehmerinnen aus Frankfurt, Darmstadt, Bad Nauheim und sogar aus Neuwied.

Patricia (22) muss immer an Engel denken. „Mir gefällt, wie die Harfe aussieht“, sagt die Vilbelerin; Martin (43) mag den Klang, bei Susan (50) geht gar „das Herz auf“, wenn sie Harfe hört. Corinna (45) spricht von einem „seelenvollen Instrument mit himmlischem Klang, das gar nicht schwer zu spielen“ sei – davon wollen sich jetzt alle überzeugen. Die meisten haben sich extra eine Harfe ausgeliehen; die beiden Darmstädterinnen haben ihre Instrumente aus Erlenholz selbst gebaut und mitgebracht. Susan hat den Kurs von ihren Kollegen zum 50. geschenkt bekommen. „Zur Wahl stand noch ein japanischer Trommelkurs“, erklärt sie lächelnd.

Doch wie schafft man es, dass Anfänger am Ende von nur einem Tag mit einem Erfolgserlebnis nach Hause gehen? Gar nicht erst mit Noten herumplagen, lautet Stefanie Biebers Rezept für diesen Workshop. Sie heißt ihre Schüler, den Daumen an die rote Saite zu legen, den Mittelfinger an jene über der dunklen. Zum Glück sind manche Saiten farbig – das dient der Orientierung. Rot ist C und dunkel F; die Nachwuchs-Musiker spielen eine Quinte und damit nur zwei Töne, die aber gut zueinander passen. Vor jedem Harmoniewechsel sagt Bieber an, wohin die Finger wandern, die dafür einen halben Takt Zeit haben. „Hoch zu Anton, runter zu Gustav“, assistiert die Lehrerin. „Bin ich richtig?“, möchte eine Teilnehmerin wissen. „Wenn du dich nicht hörst, bist du richtig“, ruft Bieber lachend in den Gleichklang der Instrumente.

Schon stellt sich jenes Entspannungsgefühl ein, das Harfenmusik oft auslöst; vor dem geistigen Auge flackert das Lagerfeuer inmitten einer romantischen irischen Landschaft auf. „Mit diesen zwei Tönen könnt ihr alles begleiten“, erläutert die Musikerin. Zum Beweis dürfen sich die Schüler ein Lied wünschen. Diverse Volkslieder, den berühmten Pachelbel-Kanon und das Thema der ersten Sinfonie von Mahler versetzt Bieber mit Quinten; selbst das von der elfjährigen Emily gewünschte „Rolling in the deep“ von Popstar Adele wird mit dem Zupfmuster erkennbar.

Nach dem Mittagessen wird das Können noch um Terz und Dreiklang erweitert, und am Ende des Tages wissen die Schüler auch, dass eine Harfe zwischen 2000 und 5000 Euro kostet, wo sie eine kriegen und was sie sonst noch beachten müssen. „Der Kurs hat Einblick in Noten und Netzwerke gegeben und vor allem motiviert, einfach loszuzupfen“, resümiert Corinna.

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