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Ernst Ritter von Marx (links) im Kreise seiner Familie. Neben ihm seine Frau Nellie, dann seine Söhne Herbert, Mathilde und Alexander. Der dritte Sohn der Familie fehlt auf der Aufnahme. Fotos Kreisarchiv des Hochtaunuskreises

Zum 150. Geburtstag

Ernst Ritter von Marx: Visionär, Mäzen und Rennsport-Fan

Ernst Ritter von Marx steckte voller Ideen – die heute nach ihm benannte Brücke über die Altstadt war die wichtigste davon. Am 12. März wäre der Homburger Oberbürgermeister und Landrat des Obertaunuskreises 150 Jahre alt geworden. Sein Todestag (1. Juni) jährt sich zum 75. Mal. Kreisarchivar Peter Maresch blickt zurück auf eine bemerkenswerte Persönlichkeit, deren Visionen Bad Homburg und den Kreis bis heute prägen.

Hochtaunus - Marx kam aus einer vermögenden Familie. Sein Vater Heinrich Ludwig war Bankier in Wien. 1867 erfolgte seine Erhebung in den Adelsstand. Mit der Geburt von Ernst im Jahr 1869 konvertierte die jüdische Familie zum protestantischen Christentum, und 1871 zog sie nach Frankfurt um. Marx, der 1887 sein Studium abschloss, schlug eine Karriere als Verwaltungsjurist ein. Als solcher war er „preußischer Musterbeamter“: Marx schätzte den Reitsport ebenso wie das Militär, war engagierter Reserveoffizier.

Kurz nach seinem Militärdienst duellierte er sich 1888 in Kassel. Der Fähnrich Hans von Meiss hatte „zu wiederholten Malen Anspielungen auf die Abstammung des Angeklagten von jüdischen Vorfahren gemacht und die Meinung ausgesprochen, der Adel deselben werde gekauft sein.“ Marx forderte ihn zum Duell, welches glimpflich ausging: Beide gaben nur einen Schuss ab und blieben unverletzt. Marx erhielt drei Monate Festungshaft in Ehrenbreitstein, die rasch auf die Hälfte reduziert wurde.

Ritter von Marx

In Verbindung mit einem ausgeprägten Mäzenatentum öffneten sich schon bald etliche Türen für ihn. Seit 1891 lebte die Familie in einer Villa in der Kaiser-Friedrich-Promenade. Bereits damals engagierte er sich für die Etablierung einer Pferdezucht in Homburg, die 1901 als „Fohlenweide“ bei Dornholzhausen entstand. Aus dieser entwickelte sich nach dem Verkauf 1922 das Gestüt Erlenhof.

Ebenfalls 1901 benötigte Homburg einen neuen Bürgermeister: Oberbürgermeister Karl Tettenborn wechselte nach Rheydt. Innerhalb der Verwaltung gab es an Tettenborn auch Kritik. Die Einwohnerzahl und Steuerkraft habe nur „eine schwache Aufwärtsbewegung“ gezeigt, die „Schuldenvermehrung ( . . . ) eine bedenkliche Tendenz nach oben“ erkennen lassen, schrieb ein Provinzialbeamter. 

Ernst Ritter von Marx war tüchtig und energisch 

Der junge Beamte kam als Kandidat schnell ins Spiel, und die Stadtverordneten wählten ihn einstimmig als Nachfolger. Verwaltungsbeamte charakterisierten ihn als „tüchtig und energisch“; aber auch sein beträchtliches Privatvermögen, gute Kontakte in Hofkreise und das Wohlwollen der in Kronberg lebenden Kaiserin Friedrich sprachen aus der Sicht der preußischen Beamten für ihn. Marx erwies sich als tüchtiger Finanzexperte. Besonders der Betrieb des Gymnasiums, damals in städtischer Hand, und die Erschließung des Bahnhofsgeländes belasteten die Finanzen. Sein Blick war aber noch langfristiger, visionärer: Homburg werde sich langfristig nicht alleine auf einen prosperierenden Kurbetrieb stützen können, prognostizierte Marx. Die Kurzeit sei „allmählich bis auf drei Monate im Jahr zurückgegangen ( . . . .) neue Existenzmittel waren für die lediglich auf die Kur angewiesenen Bürger nicht zu beschaffen.“

Ein Landrat mit Faible für den Motorsport: Bei der Prinz-Heinrich-Fahrt im Jahr 1910 nahm Ernst Ritter von Marx als Rennfahrer teil.

Er wollte die Stadt auf neue wirtschaftliche Grundlagen stellen. 1904 stellte er den Stadtverordneten den sogenannten großen Plan vor: Um die Einwohnerzahl zu erhöhen, sollte großflächig Wohnraum in Richtung Dornholzhausen geschaffen werden. Gewerbegebiete sollten am neuen Bahnhof angelagert werden, während am Höllstein ein Wohngebiet für begüterte Personen entstehen sollte. All diese Flächen – heute mitten in der Stadt – waren damals unbebaut.

Herzstück des ganzen Konzepts sollte aber die neue Altstadtbrücke werden. Diese verband die künftigen Wohngebiete mit der Stadt und schuf eine zentrale Verkehrsader durch ganz Homburg, die 1904 noch nicht existierte. Auch war die Trassenführung über den Dächern der Altstadt damals innovativ.

Charakteristisch für sein gelegentlich vorpreschendes Wesen überraschte Marx die Stadtverordneten damit, dass er alle nötigen Grundstückskäufe längst getätigt sowie die Kaufsumme vorgelegt habe und auch die Brücke schon fertig geplant sei: „Sie werden ja sagen, wir haben gar kein Grundeigentum. Ich habe mir jedoch erlaubt, im Namen der Stadt in den letzten Monat Grundeigentum zu erwerben,“ legte er der verdutzten Versammlung dar. Es handelte sich um ein Volumen von damals beträchtlichen 850 000 Reichsmark, wovon er – ebenfalls charakteristisch – 198 000 aus dem eigenen Vermögen beisteuerte.

Trotzdem gab es keine Gegenstimmen der Stadtverordneten zu dieser Finanzierung. Marx’ Blick auf die Stadtentwicklung sollte sich langfristig als richtig erweisen, allerdings machte die Bautätigkeit in den genannten Gebieten erst nach 1945 einen großen Sprung. Die Altstadtbrücke hingegen war bis zur Ausweisung der Louisenstraße als Fußgängerzone 1973 die zentrale Achse in Homburg, über die auch die Straßenbahn verlief. Marx, 1902 zum Oberbürgermeister erhoben, blieb nicht lange im Amt. 1905 wechselte er als Landrat zur Kreisverwaltung. Durch die größere Nähe zur preußischen Verwaltung war dies die attraktivere Position. Zudem hielt sich die kaiserliche Familie häufig in Homburg auf. 

Ernst Ritter von Marx als Gastgeber für Kaiser Wilhelm II. 

Wilhelm II. dinierte mehrfach in der Villa Marx, besonders aber zu dessen Bruder Heinrich herrschte ein fast freundschaftliches Verhältnis: Beide verband der Rennsport. Marx setzte sich für die Organisation der großen Autorennen wie das Gordon-Bennett-Rennen 1904 ein und nahm an der Prinz-Heinrich-Fahrt 1910, einer Langstreckenfahrt, im eigenen Opel teil.

In der Villa Marx an der Kaiser-Friedrich-Promenade empfing der Landrrat häufig hohen Besuch. Sogar Kaiser Wilhelm II. war hier öfters zu Gast.

Die Einweihung der Altstadtbrücke 1905, deren Bau nicht mal zwei Jahre lang dauerte, kann als der Höhepunkt seiner Karriere gelten. Als Landrat fiel es ihm zunehmend schwerer, seine Projekte durchzusetzen. Das spektakulärste davon war „Auf zum Taunus!“. Dies war ein 1908 veröffentlichter prächtig bebilderter Katalog, mit dessen Hilfe in erster Linie Frankfurter Stadtbürger dazu animiert werden sollten, sich im Taunus anzusiedeln.

Das Werk, auf dem sich die Orte des Obertaunuskreises auf 150 Seiten ansprechend vorstellten, ist heute ein begehrtes Sammlerstück.

Etwas skurril mutet heute der Versuch an, dem Kreistag und dem Kaiser schmackhaft zu machen, auf dem Feldberg eine „vaterländische Feststätte“ inklusive eines Amphitheaters und eines tempelartigen Gebäudes für „altgermanische“ Altertümer zu schaffen. Die Idee stieß 1908 bei Wilhelm II. nicht auf Interesse und hatte den Schönheitsfehler, dass das Feldbergplateau damals zum Nachbarkreis Usingen gehörte, also gar nicht in die Zuständigkeit von Marx fiel. 

Ernst Ritter von Marx hat eine Vision, doch die Einschienenbahn scheitert

Ernster war es ihm mit einem Projekt, über das sich heute viele Pendler freuen würden: eine Bahnverbindung direkt von Homburg nach Königstein. 1911 trat Marx diesbezüglich in Verhandlungen mit dem Berliner Zeitungsverleger August Scherl, der eine innovative Einschienen-Schnellbahn entwickeln wollte. Die Finanzierung gestaltete sich nicht einfach und der Kreistag verweigerte die Zustimmung, im Notfall für das Projekt zu bürgen – Marx haderte noch Jahre später, dass „durch das Versagen einer Stimme“ die nötige Zweidrittelmehrheit nicht zustande kam.

Während des Ersten Weltkriegs war er überwiegend in der Militärverwaltung in Brüssel eingesetzt. Er kehrte einige Monate vor Kriegsende 1918 ins Landratsamt zurück.

Als Landrat wollte Ritter von Marx eine Einschienenbahn von Homburg nach Königstein bauen lassen.

Die Zeiten hatten sich gewandelt. Marx nahm kaum noch am öffentlichen Leben teil. Im Sommer 1920 gab es Ermittlungen gegen Beamte im Lebensmittelamt des Kreises, die sich mit dem Verkauf der dort gelagerten Waren bereicherten. Marx ging in dieser Affäre ungeschickt vor. Als das Landratsamt im November 1920 deswegen unter Zwangsverwaltung kam, rückte das Ende seiner Karriere näher. Er ließ sich bald krankschreiben und hielt am 17. März 1921 seine Abschiedsrede vor dem Kreistag. Es war ein bitterer Rücktritt. Marx selbst sprach von einer „seelischen Depression“, die ihn befallen habe und rechnete mit seinen Kritikern ab. Im Anschluss musste er sich einer Befragung durch die Abgeordneten unterziehen, in der er selbst bezichtigt wurde, sich durch die Unterschlagung von drei Gespannen mit Kondensmilch bereichert zu haben.

Marx verließ kurz danach die Stadt und verkaufte seine Villa in der Promenade. Nachdem er sich einige Jahre in der Schweiz aufhielt, kehrte er 1929 nach Frankfurt zurück. Vermutlich die Verabschiedung der Nürnberger Gesetze – aus Sicht der Nazis war Marx trotz christlicher Taufe Volljude – bewog ihn dazu, nach England zu emigrieren, wo er am 1. Juni 1944 in Oxford verstarb.

Nach dem unglücklichen Abschied aus Homburg war es Oberbürgermeister Karl Horn, der Marx „wiederentdeckte“ und 1955 die Altstadtbrücke zu seinen Ehren umbenennen ließ.

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