Sabine Kuhlmann in ihrer Buchhandlung, der Homburger Bücherstube in der Haingasse.
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Sabine Kuhlmann in ihrer Buchhandlung, der Homburger Bücherstube in der Haingasse.

Das Ende einer Ära

Aus nach 32 Jahren: Beliebte Buchhandlung schließt - Stammkunden entsetzt und traurig

Die Bad Homburgerin Sabine Kuhlmann hat das Ende des Ladens kommen sehen, denn in jedem Jahr starb eine Generation von regelmäßigen Lesern weg.

  • Die "Homburger Bücherstube" in Bad Homburg schließt nach 32 Jahren
  • Stammkunden sind entsetzt und traurig über das Ende
  • Für die Betreiberin wurde der Druck jedoch zu groß

Bad Homburg - Für die Stammkunden ist die "Homburger Bücherstube" in all den Jahren immer mehr als ein Buchladen gewesen. Sie können es kaum glauben, dass die gelbe, etwas antiquiert wirkende Marquise über dem kleinen Laden in der Haingasse ihnen nicht mehr als Wegweiser dienen wird. 

Ein paar Stufen hinauf ins Buchglück, schmale Eingangstür, wenn sie offenstehen soll, gibt es ein Eisengewicht, das sie hält. Ja, man könnte vorbeigehen an der schlichten Fensterfront, wenn da nicht die gelbe Marquise wäre und meist ein kleiner Büchertisch. Dahinter 18 Quadratmeter Buchwelt ohne Kaffeeküche, die Toilette im Hof. Sabine Kuhlmanns Welt seit 32 Jahren, Ende Juni wird diese kleine besondere Welt geschlossen.

Bad Homburg: Beliebte Buchhandlung schließt - Tränen und Entsetzen bei Stammkunden

So krachend gelb wie die Marquise und die Decke im Laden über dem roten Teppichboden ist der kurze Brief zum langen Abschied, den Sabine Kuhlmann den rund 400 Stammkunden geschickt hat, deren Namen sie alle kennt. Ein paar werden es geahnt haben, man spricht ja viel miteinander im Laden. Nicht nur über Bücher. Es gab auch Tränen, Entsetzen, "man will's nicht wahrhaben", sagt eine ältere Dame kopfschüttelnd, die einen kleinen Stapel schön verpackter Bücher abholt. 

Auch sie über 70 Jahre alt, die treuen Bücherseelen, die persönliche Beratung und ein Gespräch beim Einkauf dem anonymen Online-Handel vorziehen, werden älter und weniger. "Leider bricht jedes Jahr ein Jahrgang weg", hat Sabine Kuhlmann beim 25. Jahrestag einer Chronistin geflüstert. Es ist kein plötzlicher Tod, den die Buchhändlerin mit der schwäbischen Geschäftsseele im Brief und auf gelben Zetteln verkündet, die im Laden ausliegen.

Bad Homburg: Ende nach 32 Jahren - Für Inhaberin kein Beruf, sondern Berufung

Es ist der Schlusspunkt unter einer nur in den Geschäftszahlen aufgeschriebenen Chronik eines angekündigten Todes. Sabine Kuhlmann aus Heilbronn hat ihren Beruf lange als Berufung gelebt und geliebt. Hat den Miniladen übernommen, der von einem Lehrer und der Frau eines Ex-Oberbürgermeisters der Kurstadt gegründet wurde, als es sie nach Bad Homburg verschlug. Mit Liebe zum Buch, Freude am Austausch über die Bücher, die über den schmalen Ladentisch in der bescheiden eingerichteten Stube gehen. Platz nur für einen kleinen Tisch, zwei Sessel und etwa 4000 Bücher im Rundum-Regal.

Nein, Corona ist nicht der Killer einer verlöschenden Welt, wie sie in der Bücherstube gelebt wurde. Allenfalls der Schlusspunkt. "Nach 32 Jahren muss ich meine Buchhandlung leider aus finanziellen Gründen schließen." Der erste Satz im Abschiedsbrief von Sabine Kuhlmann, der trocken nüchtern alles sagt, was zu sagen ist. 

Beliebte Buchhandlung in Bad Homburg schließt: Druck und finanzielle Last wurde zu groß

Viele Jahre hat der Laden die Bücherfrau recht ernährt, später schlecht, zuletzt nicht mehr. Nicht mal mit schwäbischer Sparsamkeit. Vor allem die letzten zwei Jahre waren keine Spaßjahre mehr. Immer verfügbar sein, immer funktionieren müssen, steter Druck als Einzelkämpferin und darüber das ewige "Damoklesschwert, ich darf nicht krank werden". 

Der Druck hat sie ausgelaugt, erschöpft, in die Enge getrieben. Bis 2008 lief das Geschäft noch normal, seitdem zeigt die Kurve stetig bergab. Der Feind sitzt in veränderten und vor allem größeren digitalisierten Buchwelten. Demnächst wird Sabine Kuhlmann 60, es ist Zeit die Reißleine zu ziehen.

Bad Homburg: Auch Buchladen in Oberursel schließt - Geschäftsmodell ist aus der Zeit gefallen

Auch bei Marion von Nolting in Oberursel hat das Virus allenfalls den Abschied vermasselt. "Buchhandlung & Antiquariat" steht noch auf einem schlichten Schild an der Hauswand in der Kumeliusstraße, auch dieser Ort für Bücher war bis vor ein paar Wochen immer mehr als ein Buchladen. "Gäste" wurden hier die Kunden seit 1961 genannt, es war ein besonderes Ambiente im engen Laden, der den Charme der 60er-Jahre verströmte. 

Fast 71 ist Marion von Nolting geworden in den 25 Jahren mit ihrem Laden, bewusst hat sie sich gegen eine Weitergabe entschieden. "In meinem Sinn würde das keiner schaffen", das Geschäftsmodell ist aus der Zeit gefallen. Der Räumungsverkauf hat durch Corona stark gelitten, Sabine Kuhlmann muss ihn auf ihren knappen 18 Quadratmetern in Zeiten des Abstandhaltens unter noch einmal erschwerten Bedingungen über die Bühne bringen. "Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir helfen würden, mein Lager zu räumen", schreibt sie an die Kunden.

Von Jürgen Streicher

Nur wegen Bürokratie: Auch die Bäckerei "Franz Ruppel Bäckerei und Konditorei" in Oberursel bei Frankfurt muss komplett dicht machen.

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