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Im Notfall ist der Rettungswagen zur Stelle. Wenn es sich aber um sogenannte Bagatellverletzungen handelt, können Verletzte auch aufgefordert werden, mit dem Taxi in die Klinik zu kommen. Ansonsten könnte es sein, dass sie auf den Transportkosten sitzen bleiben. 

DRK will zukünftig sensibel sein

Fahrt in Klinik fast verweigert: Verletzten wurde geraten, ein Taxi zu nehmen

Der Bad Homburger hatte einen Streit schlichten wollen – und wurde dabei selbst verletzt. Aber nicht nur das machte ihm zu schaffen, sondern auch der folgende Umgang mit ihm.

Bad Homburg - In der Nacht vom Freitag auf Samstag kam es in einer Kneipe in Oberursel zu Handgreiflichkeiten. Ein Bad Homburger wollte die Sache schlichten und ging dazwischen, wurde allerdings von einem der beiden Kontrahenten mit der Faust niedergeschlagen. Er krachte mit dem Hinterkopf an eine Dart-Maschine und stürzte benommen zu Boden. Der junge Mann erlitt unter anderem eine stark blutende Platzwunde über der linken Augenbraue und ein Hämatom und klagte über Erinnerungslücken.

Verletzten wurde gedroht, 750 Euro zahlen zu müssen

Die herbeigerufenen Rettungskräfte teilten ihm mit, die Wunde müsse genäht werden. Allerdings bewerteten sie die Verletzungen eines anderen Mannes schwerer und nahmen diesen mit und nicht den Bad Homburger. Der hatte Verständnis – allerdings nicht dafür, dass für ihn kein weiterer Rettungswagen (RTW) kommen sollte. Der Mann rief daraufhin seinen Vater an, der ein weiteres Rettungsfahrzeug anforderte. Das kam auch. Aber, wie der junge Mann in einem Schreiben an den Rettungsdienst, das dieser Zeitung vorliegt, sagte, zeigte sich „die Besatzung des RTW unfreundlich und zeigte kein Interesse daran, mich einer ärztlichen Versorgung zuzuführen“. Sie „drohte damit, dass ich 750 Euro zahlen müsse, wenn mich der RTW ins Krankenhaus fahren würde“.

Am Ende wurde der Mann dennoch in die Klinik gebracht. Dort habe er vier Stunden gewartet und sei weder angeschaut noch behandelt worden, wie er sagt. Im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt er weiter: „Zivilcourage lohnt sich offenbar nicht. Ich wurde verletzt, von Rettungskräften schlecht behandelt und soll jetzt möglicherweise noch Kosten dafür tragen, dass ich versorgt wurde – von der Warterei in der Klinik ganz abgesehen. Ich habe den Eindruck, ich bin im falschen Film.“

Beschwerde eingereicht

Der Hochtaunuskreis nimmt die Beschwerde zum Anlass, „den Einsatz im Rahmen unserer Aufsichtspflicht als Rettungsdienstträger vom Ärztlichen Leiter des Rettungsdienstes überprüfen zu lassen“, erklärt Kreissprecherin Andrea Herzig. Dies bedürfe „der Stellungnahmen des Leistungserbringers“. Dies werde etwa zwei Wochen in Anspruch nehmen.

Was das Warten im Krankenhaus betrifft, erklärt Dr. Cornelius Gurlitt, Chefarzt des Notfallaufnahmezentrums der Hochtaunus-Kliniken: „Wir nehmen bei jedem Patienten eine Ersteinschätzung vor, die sogenannte Triage, die die Patienten nach Dringlichkeit einstuft.“ Die Verletzungen des Bad Homburgers seien mit der niedrigsten Dringlichkeit eingestuft worden. Und da sei eine längere Wartezeit „absolut vertretbar“. Gurlitt weiter: „Das ist für den Betroffenen natürlich immer schwierig zu verstehen, weil er sich selbst und seine Wunde anders einschätzt. Zumal, wenn es sich um eine klaffende, blutende Wunde handelt, wie bei dem Bad Homburger. Das verstehe ich auch. Nichtsdestotrotz müssen wir in solchen Situationen natürlich immer erst Fälle mit höherer Dringlichkeit behandeln.“

Das klinge nachvollziehbar, sagt auch der Bad Homburger, aber: „Wie eine Einstufung erfolgt sein soll, ohne dass ich als Patient überhaupt angesehen wurde, ist mir doch schleierhaft.“

Rettungskräfte raten Verletzten ein Taxi zu nehmen

Felix Seegert, Rettungsdienstleiter beim Deutschen Roten Kreuz (DRK), sagt dazu: „Der Bad Homburger hatte eine sogenannte Bagatellverletzung am Auge.“ Die Besatzung des ersten RTW hätte ihm geraten, die Wunde versorgen zu lassen und selbst mit einem Taxi ins Krankenhaus zu fahren. „Die Kollegen des zweiten RTW hatten die Sache genauso bewertet.“ Der Homburger gibt allerdings zu bedenken: „Taxifahrer nehmen keine blutenden Menschen mit.“

Verordnung der Rettungskräfte eine erforderliche Maßnahme 

Was nun die Sache mit der „Gebühren-Androhung“ betrifft, sagt Seegert: „Wie die Einsatzkräfte auf mögliche Kosten – es handelt sich um 710 Euro – aufmerksam machten, könnte in der Tat künftig eleganter erfolgen. So etwas müssen wir noch sensibler angehen.“ Tatsache sei aber, dass die Rettungskräfte Verletzten mitteilen müssten, dass Kosten auf sie zukommen könnten – sofern der Notarzt keine nachträgliche Verordnung ausstelle. Seegert: „Man muss sich das so vorstellen, wie wenn man Medizin in der Apotheke kauft und erst dann zum Arzt geht. Stellt der Arzt fest, dass das Medikament nötig ist, stellt er ein Rezept aus, das man nachträglich einreicht und das Geld von der Kasse erstattet bekommt. Wenn nicht, bleibt man auf den Kosten sitzen.“ Derweil sagt der junge Mann, er ziehe aus den Erfahrungen seine Lehre: „Ich werde mir das nächste Mal genau überlegen, ob ich persönliche Risiken auf mich nehme, um anderen zu helfen.“

von Sabine Münstermann

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