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Mit einer Art Improvisationstheater machten die Humboldtschüler auf die prekären Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie aufmerksam. Nach diesem Auftritt dürfte keiner ihrer Mitschüler mehr einfach mal eben losziehen und Klamotten kaufen.

Unesco-Projekttag

Humboldtschüler machen auf Missstände in der Bekleidungsindustrie aufmerksam

Kleidung ist gerade für junge Menschen identitätsstiftend. Aber was ist, wenn das Outfit zwar cool ist, dafür aber an anderer Stelle in der Welt Menschen ausgebeutet werden? Die Schüler der Humboldtschule machten gestern mit Blick auf ihren heutigen Unesco-Projekttag darauf aufmerksam. Und wie!

Bad Homburg - Am 25. April 2013 stürzte in Bangladesch eine achtstöckige Textilfabrik ein und begrub unter sich Hunderte von Menschen. Über 1100 Arbeiterinnen und Arbeiter starben, über 2400 wurden zum Teil schwer verletzt. Katastrophen wie diese richteten seither den Blick auf die menschenunwürdigen Bedingungen, unter denen ein großer Teil der weltweit getragenen Mode entsteht.

Ein solches Thema allerdings für Kinder und Jugendliche aufzubereiten, in deren Leben Mode oft wichtig für die eigene Identität ist und noch mehr eine Rolle spielt, ob das begehrte Kleidungsstück eben auch bezahlt werden kann, ist keine leichte Aufgabe. Die Humboldtschule (HUS) hat sie allerdings mit Bravour gemeistert. Am gestrigen Montag nämlich hat sie mit Blick auf den heutigen Unesco-Projekttag, der unter dem Motto "Gerechtigkeit in einer globalen Welt" steht, eine Kick-Off-Veranstaltung initiiert, die berührte.

Bewusst kaufen

Unter dem Titel "Cool, aber tödlich. Wie fair ist dein Outfit?", hatten Schüler verschiedener Kunstkurse unter der Leitung von Lehrerin Inken Dietrich mit XXL-Requisiten auf die Missstände in der Textilindustrie aufmerksam gemacht, auf dem Schulhof wurden die dann von Oberstufenschülern des Darstellenden Spiels unter der Leitung von Andrea Günther kreativ in Szene gesetzt.

Zum Beispiel so: Da waren etwa die "Fashion Victims", also die, die stets nach der aktuellen Mode gekleidet sind und jeden Trend mitmachen. Sie standen vor Kleiderständern und brachen in Laute des Entzückens aus, wollten jede der dort hängenden Klamotten gleich anprobieren. Ob jene, die diese Kleidungsstücke gefertigt haben, für ihre Arbeit auch angemessen entlohnt wurden, ob sie unter menschenwürdigen Arbeitsbedingungen arbeiten, kurzum, ob sie als wichtiger Teil der Produktionskette fair behandelt werden, das interessierte die "Fashion Victims" nicht. Zumindest nicht gleich. Das änderte sich, als die "Reminder", also die Mahner, mit Transparenten kamen, auf denen Worte wie "Blutige Mode" und "Fast Fashion" - letzteres weist auf die Kurzlebigkeit von Mode hin - standen. Und die "Mode-Revolutionäre", die mit ihnen über Nachhaltigkeit, soziale und ökologische Ausbeutung, prekäre Arbeitsbedingungen und damit eben die Schattenseite der Mode- und Textilindustrie diskutierten.

Nachhaltigkeit zählt

"Das profitorientierte Geschäftsmodell der globalen Bekleidungsindustrie bedingt Niedriglöhne unter schrecklichen Arbeitsbedingungen und hat massive Auswirkungen auf die Ökologie, auf die Gesundheit der Textilarbeiter und der Verbraucher", sagen Marina und Carlotta (15), die beide in der Unesco-Projektgruppe der HUS engagiert sind. Mit der Kunst-Performance wolle man ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die tatsächlichen Kosten für ein Billigprodukt höher seien als der Preis, den man im Geschäft zahle.

Ins Bewusstsein der HUS-Schüler ist das sofort vorgedrungen. Am Rande der 15-minütigen Veranstaltung diskutierten die Mädchen und Jungen jedenfalls angeregt darüber, ob es nicht in der Tat sinnvoller sei, sich mal Gedanken darüber zu machen, ob man jeden Modetrend mitmachen muss und eben unbedingt die Turnschuhe haben muss, die jeder trägt. Und darüber nachzudenken, wer die Klamotten, die man trägt, eigentlich unter welchen Bedingungen fertigt.

Die Schule selbst macht sich darüber übrigens schon lange Gedanken: Schulleiter Stefan Engel sagte: "Unsere Schul-Shirts werden nachhaltig produziert."

Die Humboldtschule ist seit dem Jahr 2000 anerkannte Unesco-Projektschule und lehrt das Zusammenleben in einer pluralistischen, kulturell vielfältigen und nachhaltigen Welt. In diesem Sinne fördert sie die Menschenrechtsbildung und Demokratie-Erziehung, Bildung für eine nachhaltige Entwicklung und beleuchtet Freiheit und Chancen im digitalen Zeitalter, Menschenrechte im Zeitalter der Globalisierung, Geschlechterrollen, Migration und Integration.

Im Rahmen ihrer Unesco-Arbeit pflegt sie auch seit vielen Jahren eine intensive Schulpartnerschaft mit der Mwanga-High-School in Tansania.

Alljährlich organisiert sie auch einen Unesco-Projekttag, so wie am heutigen Dienstag. Aktuell steht er unter dem Oberthema "Gerechtigkeit in der globalen Welt". "Wir werden über 70 Workshops zu diesem Thema haben", erklärt Alexander von Edlinger, Fachbereichsleiter für das gesellschaftswissenschaftliche Aufgabenfeld an der HUS.

Viele der Workshops oder Exkursionen haben Bezüge zu den 17 Entwicklungszielen der sogenannten Agenda 2030, unter anderem die Bekämpfung von Ungleichheiten, menschenunwürdiger Arbeit, Armut, Hunger, aber auch Teilhabe an Bildung. Von Edlinger: "Der Unesco-Projekttag bietet unseren Schülern die Möglichkeit, sich mit aktuellen gesellschaftlichen Problemen - vom Klimawandel bis zu Menschenrechten - auseinanderzusetzen." sbm

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