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Ein Mitarbeiter steht unter Verdacht, der Spielbank in Bad Homburg 1,1 Millionen Euro geklaut zu haben. 

Angestellter bestiehlt Bad Homburger Spielbank

Die Suche nach den 1,1 Millionen Euro läuft – das sagt der Kurdirektor

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1,1 Millionen Euro sind weg. Trotzdem habe das Sicherheitskonzept der Spielbank gegriffen sagt Kurdirektor Holger Reuter. Warum sich der Mitarbeiter in einem Raum bereicherte, der videoüberwacht wurde, bleibt jedoch ein Rätsel.

Bad Homburg - Die Nachricht, dass ein Spielbank-Mitarbeiter 1,1 Millionen Euro unterschlagen haben soll und deswegen derzeit in Untersuchungshaft sitzt, zog gestern deutschlandweit Kreise - und die Stadt reagierte prompt. Nachdem man sich am Tag vor der Veröffentlichung durch diese Zeitung noch zugeknöpft gegeben hatte, standen Kurdirektor Holger Reuter, Spielbank-Geschäftsführer Lutz Schenkel und der Wirtschaftsstrafrechtsanwalt Dr. Christian Schoop gestern im Kaiser Wilhelms Bad der Presse Rede und Antwort. Man habe die für Donnerstag angesetzte Sondersitzung des Verwaltungsrates abwarten wollen und ohnehin geplant, die Vorfälle öffentlich zu machen, so die Begründung.

Nein, erklären könne er sich wirklich nicht, warum ein Mitarbeiter der Spielbank in einem Raum zuschlägt, der von Kameras überwacht wird - "und zwar nicht nur von einer", sagte Kurchef Reuter. "Wenn es ein Ortsunkundiger gewesen wäre, der nicht an die Decke guckt, vielleicht . . ." Aber so blieben Fragen offen, man müsse die weiteren Ermittlungen und den Prozess abwarten.

Mitarbeiter nutze interne Schnittstelle für den Raub

Mit dem Hinweis auf die laufenden Ermittlungen blieben auch andere Fragen zumindest gegenwärtig unbeantwortet, etwa die nach dem genauen Tathergang. "Es ist es nicht so, dass morgens ein Mitarbeiter die Einnahmen aus dem Tresor holt und zu Fuß durch den Kurpark zur Bank bringt", umschrieb Reuter die Komplexität und Sicherung der Geldtransporte. Der mutmaßliche Täter, der seit viereinhalb Jahren im Betrieb tätig gewesen sei, hat demnach wohl eine interne "Schnittstelle" genutzt, um in den Besitz des Geldes zu gelangen.

Die Kur- und Kongreß-GmbH, zu der auch die Spielbank in Bad Homburg gehört, hat an drei Fronten zu kämpfen: Denn neben der strafrechtlichen hat der Fall auch noch eine arbeitsrechtliche Dimension - und auch die Frage nach der Haftung stellt sich.

Doch der Reihe nach. Nachdem die Stadt am Donnerstag mitgeteilt hatte, dass der mutmaßliche Haupttäter nicht mehr für die Spielbank GmbH arbeite, erklärte Schoop nun, dass auch die beiden anderen Angestellten der Spielbank, gegen die wegen einer möglichen Mittäterschaft ermittelt wird, nicht mehr im Unternehmen tätig seien. Ob diese, sollten die Ermittlungen eingestellt werden oder es zu einem Freispruch kommen, wieder für das Unternehmen arbeiten können, ließ der Kur-Chef offen.

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Was den finanziellen Schaden angeht, muss die Spielbank abwarten, ob und wie viel Geld bei den mutmaßlichen Tätern zu holen ist. "Wir sind aber auch versichert, und unsere Versicherung wurde früh in das Verfahren einbezogen", betonte Reuter.

Innterhalb von 48 Stunden wurde der mutmaßliche Täter geschnappt – doch wo ist das Geld?

Neue Details gab es auch zu den Taten selbst. Laut Kur-Chef Reuter war im Januar ein erster Vorfall im Bereich Devisen passiert - Schaden: 300 000 Euro. Da der Kreis an möglichen Tätern groß war und auch nicht ausgeschlossen werden konnte, dass ein Externer an das Geld gelangt war, stellte man zwar Strafanzeige, ließ das Geschäft jedoch vordergründig ganz normal weiterlaufen. Im Hintergrund tat sich dafür umso mehr. Reuter: "Wir haben eng mit Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft zusammengearbeitet, unser internes Kontrollsystem angepasst sowie eine Top-Forensikerin und eine renommierte Kanzlei einbezogen."

Offenbar mit Erfolg. Der Kreis der Verdächtigen schrumpfte. Und als ein weiterer Vorgang - diesmal fehlten 800 000 Euro im Tresor - entdeckt wurde, sei es dann dank der Vorarbeit schnell gegangen. "Innerhalb von 48 Stunden erfolgte der Zugriff", berichtete Reuter und schob nach: "Das Sicherheitssystem hat funktioniert, aus dem Verdächtigen wurde ein mutmaßlicher Täter."

Der zweite Vorfall soll sich im März ereignet haben, die Verhaftung des Mitarbeiters geschah allerdings erst Ende April. Dass das Fehlen der Summe erst einige Zeit nach der Tat zu Konsequenzen führte, liegt möglicherweise mit daran, dass es nach Informationen dieser Zeitung keine tägliche Abrechnung gibt. Im Übrigen gebe es bei der Auswertung von Videomaterial in Deutschland hohe rechtliche Hürden, wie Anwalt Schoop erklärte. "Nach der Tat im März konnten wir uns dann allerdings auf einen Verdächtigen fokussieren." Bilder, wie man sie aus amerikanischen Filmen kennt und die zeigen, wie jeder Quadratmeter eines Casinos quasi live an Monitoren überwacht wird, entsprächen nicht der Spielbank-Realität in Deutschland.

Reuter erklärte, dass es in seiner 33-jährigen Zeit bei der Kur einige kriminelle Machenschaften gegeben habe und man beileibe nicht die erste Spielbank sei, die sich mit solchen Vorfällen auseinandersetzen müsse. "Wir sind auch ein Spiegelbild der Gesellschaft, allerdings geht es bei einem solchen Unternehmen mit rund 240 Mitarbeitern nicht ohne Vertrauen." Zudem gelte in Deutschland zunächst die Unschuldsvermutung.

Mutmaßlichter Täter ist mit "hochkrimineller Energie" vorgegangen

Auch wenn der mutmaßliche Täter in diesem Fall mit "hochkrimineller Energie" vorgegangen sei, dürfe man nicht "hinter jedem Busch einen Verbrecher" sehen. Stattdessen müsse man immer wieder daran arbeiten, mögliche Schlupflöcher zu schließen. Laut Geschäftsführer Schenkel sei das bei zahlreichen der früher häufig angewandten Maschen der organisierten Kriminalität schon passiert. Der Poussette-Betrug, bei dem die Croupiers abgelenkt werden, um die Spieleinsätze noch schnell auf das Gewinner-Feld zu verschieben, spiele dank der Videotechnik heute keine Rolle mehr.

"Aber man wird immer wieder mal ein faules Ei im Körbchen haben", sagte der Spielbank-Chef. Auch nach den jüngsten Vorkommnissen werde daher das Kontrollsystem auf den Prüfstand gestellt. Schenkel und Reuter legten bei ihren gestrigen Ausführungen zudem Wert auf die Feststellung, dass den Casino-Gästen kein Schaden entstanden sei.

Das Sicherheitssystem hat funktioniert, aus dem Verdächtigen wurde ein mutmaßlicher Täter.

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