Moritz Dick tritt gleich vom Start weg kräftig in die Pedale, um Anschluss an die Spitzengruppe zu bekommen. Am Ende ging er als 99. aus dem Rennen.
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Moritz Dick tritt gleich vom Start weg kräftig in die Pedale, um Anschluss an die Spitzengruppe zu bekommen. Am Ende ging er als 99. aus dem Rennen.

Kurpark-Rennen virtuell

Bad Homburg: Knüppelharter Sport am Hometrainer

  • vonAlexander Schneider
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Das 40. Kurpark-Radrennen in Bad Homburg wurde in diesem Jahr nicht auf der Straße ausgetragen. Spannend war der Grand Prix trotzdem.

Bad Homburg -Ja, wo fahren sie denn. . ? Üblicher Weise stehen beim Bad Homburger Kurparkrennen rund um die kurstädtische Prachtanlage die Menschen in Dreierreihen. Sie jubeln Hunderten Zweiradathleten aus aller Herren Länder zu, derweil die sich bei hurtigster Gangart die Lungen mit Champagnerluft vollpumpen. Gestern war das anders. Stell dir vor, es ist Radrennen und keiner geht hin. . . Bei der immerhin 40. Auflage des Radklassikers, herrschte eher die Ruhe eines ganz normalen Sonntag Vormittags. Keiner da, außer ein paar Gassigängern und einigen wenigen Freizeitradlern, die es aber nicht besonders eilig hatten.

In Corona-Zeiten ist eben alles ein wenig anders. Da finden nicht nur Tagungen und Feuerwehrübungen virtuell am Bildschirm statt, sondern auch ganze Radrennen: Die knapp 120 Kombattanten gestern maßen sich miteinander gewissermaßen im Homeoffice. Auf der Terrasse, im Wohnzimmer oder im Keller. Sie saßen bei sich daheim in Italien, Lettland, Südafrika, Liberia, Korea, Belgien, Polen, Tschechien, Frankreich, Irland und anderswo auf ihren Hightech-Hometrainern oder auch auf normalen Rennrädern, die auf Rollenprüfständen montiert sind. Hauptsache, die Geräte sind internetfähig. Das war nämlich die Grundvoraussetzung für den ersten virtuellen "Grand Prix Bad Homburg", auf den OB Alexander Hetjes (CDU) mächtig stolz ist: "Absagen kann jeder, der Bad Homburger Radportclub hat sich von Corona aber nicht unterkriegen lassen und das Rennen kurzerhand ins Netz verlegt, coole Sache", meinte er, ganz sportlich mit einem Rennrad auf dem Buckel, im Einspieler vor dem Start um Punkt 11 Uhr. 26 Runden, knapp 40 Kilometer lagen vor den Radlern. Angeführt wurden sie von den Profis Nils Politt (Team Israel Start up), Simon Geschke (Team CCC) und Georg Zimmermann (Pro Cycling Stats). Lokalmatador John Degenkolb aus Oberursel wäre auch gerne dabei gewesen, hatte von seinem Team aber keine Startfreigabe bekommen. Mit ein paar Minuten lockerem Frühsport hatte das, was gestern Hunderte YouTube-User live begeisterte und schier von der Couch holte, etwa so viel zu tun wie Burgenbau am Strand von Langeoog mit der Errichtung der Pyramiden von Gizeh.

Täuschend echt: Strecke zuvor gefilmt

"Von wegen locker, das ist knüppelharter Sport", keucht Moritz Dick vom Bad Homburger Radsportclub RSC. Er ist Mitorganisator und sitzt im Renndress auf seinem Rad, mit dem er aber nicht, wie auf dem Bildschirm zu sehen, am Kurhaus ins Rennen gestartet ist, sondern daheim im Keller seines Hauses vor dem Flatscreen. Viel Zeit zum Einfahren hatte er nicht, musste er doch erst Sohnemann Jakob zujubeln. Für den 6-Jährigen Blondschopf war es das erste Radrennen überhaupt, "und dann gleich virtuell, wie cool ist das denn", freute sich der stolze Papa, bevor er selbst in den Sattel stieg.

Nach dem Start am Kurhaus stürzten sich die Fahrer virtuell den Schwedenpfad hinunter, bogen unten im Park rechts ab, Richtung Thai-Sala, bis zum Kaiser-Wilhelm-Bad, vorbei an der Spielbank, hinauf zum Steigenberger, dort rechts auf die Promenade. 26 Runden.

Die Organisatoren, ein Team von 20 IT- und Radsportexperten, hatten die Strecke gefilmt und täuschend echt in das Programm implementiert. Schon nach den ersten Minuten hatte man fast den Eindruck, einer Liveübertragung beizuwohnen. Nur die Zuschauer an der Strecke musste man sich dazudenken. Das Programm ist so genial gestrickt, dass sich beim Überholen der Tretwiderstand automatisch erhöht und beim Fahren bergab oder im Windschatten verringert. "Profis" wie Moritz Dick übertragen sogar noch ihre Herzfrequenz ins Rechenzentrum in Tschechien. Dort wird dann das gefahrene Tempo errechnet und das Gebläse eines Ventilators gesteuert: Je flotter man unterwegs ist, desto heftiger fegt der Fahrtwind. . .

Sieger war am Ende wenig überraschend Nils Politt in einer überragenden Zeit von 51:56,6 vor Marius Lau von Eintracht Frankfurt (53,24,4) zeitgleich mit Marius Overdick (Eintracht Frankfurt Triathlon). Der Bad Homburger Simon Hahnenbruch (Cycling Team Rhein-Main) rollte nach 53:35,5 Minuten als Vierter durchs Ziel. Mitorganisator Moritz Dick wurde 99..

VON Alexander Schneider

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