Bad Homburg, New York, Tokio

Der Auftakt zum Lied- und Kammermusikfestival in der Schlosskirche ist mehr als geglückt – und das, obwohl ein Star absagen musste.

Für Alexander Hetjes ist klar: „Bad Homburg darf in einem Atemzug mit Städten wie New York, Madrid oder Tokio genannt werden, wenn als Maßstab die Stars dienen, die Christian Elsner und Karl Werner Jörg für das 5. Lied- und Kammermusikfest verpflichten konnten“, schreibt der OB im Grußwort des Programmheftes. Ja, an acht aufeinanderfolgenden Tagen werden in der Schlosskirche internationale Musikergrößen mit jungen Nachwuchskünstlern konzertieren, wenn das kein Fest ist! Und dass das keine Übertreibung ist, bewies schon das erste Konzert mit der Sopranistin Christiane Oelze und dem Pianisten Gerold Huber.

Beide Künstler sind international geschätzte Musiker, Christiane Oelze als Opern- und Liedsängerin, Gerold Huber als gefragter Liedbegleiter und brillanter Solist. Der Publikumsmagnet Christian Elsner musste leider krankheitsbedingt absagen. Dafür hat er seinen besten Meisterschüler geschickt, Virgil Mischok, man durfte also gespannt sein.

Erste Überraschung: Das Programm sah unter dem Titel „Von Liebe und Leid“ ausschließlich Werke von Johannes Brahms vor, also von jenem Komponisten, der sich selbst mit der Liebe so schwer tat und der doch die schönsten Liebeslieder geschrieben hat. Unter seinen 200 Liedern nehmen die „Deutschen Volkslieder“ eine besondere Stellung ein. Es sind „Original-Weisen“, zu denen Brahms einfühlsame, ausdrucksstarke Klavierbegleitungen geschrieben hat, sie gehen in ihrer kunstvollen Schlichtheit einfach zu Herzen.

Jeweils umrahmt oder unterbrochen von einem Walzer aus op.39, sah die Auswahl einen Spannungsbogen vor, der über vergebliche, dann geglückte Werbung zur Erfüllung und Beglückung führte. Im 2. Teil die Kehrseite – das Scheiden, Leid und Tod.

Zum Lieben gehören bekanntlich zwei, und, das war dann die nächste Überraschung: der Bariton Virgil Mischok sang die Tenorpartie seines Lehrers mühelos in der Höhe, mit klarer, voller und flexibler Stimmgebung und interpretatorischer Artikulation, bestens verständlich und ebenbürtiger Partner von Christiane Oelze. Diese wiederum, als erfahrene Opernsängerin mit großem Stimmvolumen und farbiger Gestaltung der Texte, unterstrich die theatralische Seite. Sie gab die Kokette („Vergebliches Ständchen“), die Abweisende („Jungfräulein, soll ich mit euch gehn“), auch die Schmollende („Feinsliebchen, du sollst nicht barfuß gehen“). Viele der Lieder sind dialogisch, und von der Intensität, mit der die beiden über die Musik Gefühle lebendig werden ließen, war man als Zuhörer gebannt.

Die dritte Person auf der Bühne war Gerold Huber. Begleiter übersieht man in der Regel. Sie sind verdeckt durch die Solisten, sie sollen ihnen dienen, sie tragen und stützen. Aber sie sollen natürlich auch perfekte Klavierspieler sein. Huber konnte beides unter Beweis stellen: Mit einem furiosen Einstieg langte er zu Beginn temperamentvoll in die Tasten, energiegeladen, und trotzdem mit ausgefeilter Anschlagskultur. Mit gespannter Konzentration meißelte er aus den „kleinen unschuldigen Walzern“ (Brahms) überschwängliche Leidenschaft, später ließ er sie zärtlich, melancholisch oder erinnerungsselig aufleuchten. Zwischen diesen Eckpfeilern war er Begleiter, symbiotisch, so schien es, völlig eins mit den Solisten, deren Partie er durch die raffinierte Begleitstimme grundierte, umspielte, umwarb. Ganz großartig! Der Auftakt verspricht eine Folge von besonderen Konzerten. Man sollte hingehen; auch dieses Konzert hätte noch mehr Besucher verdient.

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