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Dr. Rolf Densing, Direktor für Missionsbetrieb European Space Agency (ESA) und Leiter des Raumfahrtkontrollzentrums ESOC in Darmstadt, erläutert, was im Jahr 2016 bei der Landung der Mars-Sonde Schiaparelli schiefging.

Griff nach den Sternen

ESA-Direktor Rolf Densing spricht beim Neujahrsempfang in Bad Homburg

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In unendliche Weiten entführte am Samstag ESA-Direktor Rolf Densing die Bad Homburger Entscheidungsträger. Es war ein besonderer Neujahrsempfang der Stadt, der den Horizont erweiterte.

Bürger haben entschieden, dass die lange geplante U-Bahn-Verlängerung kommt, 1400 Domizile für Neu-Bad-Homburger sind im Entstehen, beim Kino-Projekt soll es einen Neustart geben, und in kultureller Hinsicht erwartet die Menschen in der Kurstadt in diesem Jahr mit „Blickachsen“, einer neuen Jazz-Reihe und einem besonders großen Poesie-Festival noch einmal mehr als sonst. Der Ausblick von Stadtverordnetenvorsteher Dr. Alfred Etzrodt (CDU) beim Neujahrsempfang der Stadt am Samstag im Kurhaus klang frohgemut; „aber wir greifen nicht nach den Sternen“, sagte er, „und den Blick von den Sternen auf die Erde überlassen wir anderen.“

Warum sollte eine Stadt, der auch in schwierigen politischen Zeiten so vieles gelingt, nicht mal ganz weit über den Horizont schauen? Als Hauptredner eingeladen war der Raumfahrt-Experte der Region, Dr. Rolf Densing. Er ist Direktor für Missionsbetrieb European Space Agency (ESA) und Leiter des Raumfahrtkontrollzentrums ESOC in Darmstadt. Sein Thema „Europa im All“ war packend und nah. Chinesen auf der Mondrückseite und jetzt das Blutmond-Wochenende, vor allem aber die Volkssternwarte, die in diesem Jahr in Dornholzhausen begonnen werden soll: Gründe, sich für den Weltraum zu interessieren, gibt es für Homburger derzeit ja einige.

Tolle HUSsiten

Es war ein bisschen wie ein Countdown, als die HUSsiten, die Big-Band der Humboldtschule, schwungvoll-optimistisch „No Moon at all“ darboten. Densing betrat die Bühne, und eine Ariane-Trägerrakete startete geräuschvoll – auf der Leinwand. „Es ist eine große Ehre, in dieser schönen, bunten, weltoffenen Stadt zu sein“, sagte der ESA-Direktor. „Ist ja ganz schön was los hier.“ Es folgte ein kurzweiliger Rundflug durchs All, indem Densing in aller Rasanz die derzeit relevanten Weltraumthemen streifte.

Großes Publikum im Kurhaus. Viele Entscheidungsträger – auch ehemalige – lauschten interessiert dem kurzweiligen Vortrag des Wissenschaftlers.

Erstes Problem: der Start. Ariane 5 wiegt 580 Tonnen; nur 11 Tonnen davon sind Nutzlast. Die Trägerrakete darf nicht zu schwer sein, sonst hebt sie nicht ab; sie braucht aber genug Treibstoff, um ihr fernes Ziel zu erreichen. Bei der ESA arbeitet man da mit Tricks: Die Sonde Rosetta etwa flog zehn Jahre lang durchs Universum, bis sie nach 7 Milliarden Kilometern den Orbit des Zielkometen erreichte und 2014 dort landete. Dass das klappen könnte, hatten ESA-Wissenschaftler zuvor ausgerechnet. Applaus im Homburger Publikum.

Dann Landungen auf dem Saturnmond Titan, wo bei minus 180 Grad Schneebälle aus Methan aufgenommen wurden; die Mars-Mission 2016, bei der wegen eines Computerfehlers der Flugkörper aus vier Kilometer Höhe ungebremst auf die Oberfläche des Roten Planeten stürzte und einen kleinen neuen Krater schuf – aus allem, so Densing, habe man etwas gelernt.

Merkurs gigantische Hitze

2020 will die ESA erneut zum Mars – mit einem kleinwagengroßen Gefährt, das Proben nehmen soll. Die spannende Frage, ob es dort Leben gibt oder gab, ist noch nicht beantwortet. Mögliche spätere Ziele könnten die noch weiter entfernten Jupiter oder Saturn sein. Näher, aber wegen der Nähe zur Sonne schwieriger ist die derzeit laufende Merkur-Mission. Die gigantische Hitze wirkt sich auch auf die Flugbahn aus; hier sind die Rechenkünstler aus Darmstadt besonders gefragt.

Raumfahrt, so könnte man sagen, kostet viel Geld. Doch der Mensch könne nicht auf sie verzichten, betonte Densing. „Würden wir alle Satelliten für eine Stunde abschalten, gäbe es kein Wetter, kein Fernsehen, keine Handys, keine Börse, und unsere Stromnetze würden zusammenbrechen“, skizzierte der Wissenschaftler, wie eng die Arbeit im Weltraum mit der heutigen Welt verknüpft ist.

Info: ESA und ESOC

Die Europäische Weltraumorganisation ESA koordiniert die Raumfahrtaktivitäten Europas. 22 Nationen sind Mitglied. Das Europäische Raumflugkontrollzentrum (ESOC) mit Sitz in Darmstadt ist das Missionskontrollzentrum für die meisten ESA-Weltraumprojekte. Die ESOC hat knapp 900 Mitarbeiter und steuert derzeit 24 Satelliten, berechnet Flugbahnen und überwacht Gefahren durch Weltraummüll. Mehr und mehr Aufgaben übernimmt die künstliche Intelligenz.

Nicht zuletzt sieht man aus dem All, wie es um die Erde bestellt ist. Schon die Worte von Alexander „Astro-Alex“ Gerst (den Densing kürzlich vom Kölner Flughafen abholte und der bekannte, sich auf der ISS nach irdischem Glühwein gesehnt zu haben) machen nachdenklich, und auch der ESA-Chef bekräftigte: „Der Meeresspiegel steigt jedes Jahr um 3,1 Millimeter, das kann man politisch nicht wegdiskutieren.“

Doch das All birgt auch Gefahren für die Menschheit. Die Sonne kann mit Auswürfen die Erde gefährden, und auch die Menge an Weltraumschrott wird zunehmend kritisch. 4500 Satelliten, so Densing, sausen derzeit wie ein Mückenschwarm um die Erde. In Darmstadt wird bereits überlegt, wie man Satelliten baut, die zur Erde zurückkehren. Oder in fremde Orbits abheben, weg von der Erde.

Keineswegs Produkte der Fantasie sind auch „Near Earth Objects“ (NEO) – Asteroiden, die mit unvorstellbarer Wucht auf die Erde prallen. Das passiere immer wieder, so der ESA-Direktor. „Es ist nicht die Frage, ob, sondern wann.“ Gemeinsam mit US-Forschern seien Auslenk-Missionen in Vorbereitung, zudem entstehen auf Sizilien und in Chile zwei riesige Teleskope, die „den Himmel durchscannen“.

Zurück zur Erde und nach Dornholzhausen: In der dortigen Volkssternwarte soll ebenfalls ein Teleskop entstehen. „Unsere Kinder sollen die Sterne ja nicht nur aus Fernsehserien kennenlernen“, hatte Etzrodt zu Beginn gesagt. Doch weil dies noch Zukunftsmusik ist, lud Densing die HUSsiten nach ihrem eindrucksvollen Spiel ins ESOC ein – zu einer Chefführung.

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