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Im Mörtel einer Wand im Ankleidezimmer der Kaiserin zeigt Bauexperte Nils Wetter jüngst entdeckte Abdrücke von Fliesen. Hier stand eine Badewanne.

Sanierung

Wie die Kaiserwohnung im Bad Homburger Schloss wieder entsteht

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Die statischen Maßnahmen im Schloss sind abgeschlossen; bis Ende Oktober 2020 sollen die kaiserlichen Räume wieder wie 1918 eingerichtet sein. Bei den Restaurierungsarbeiten trat auch Überraschendes zutage.

Bad Homburg - Seit 2011 ist der Königsflügel mit der einzigen in Deutschland original erhaltenen Kaiserwohnung geschlossen. 2013/14 wurde ein Stahlbauwerk ins Dach eingebaut, um die Statik zu sichern. Im Herbst 2020 – nach den Herbstferien und vor der Adventszeit – soll der Trakt wieder für öffentliche Führungen freigegeben werden. Bis dahin will die Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen (VSG) die Räume restauriert und wieder so eingerichtet haben, dass Besucher eine Idee davon bekommen, wie Wilhelm II. und seine Gattin Auguste Viktoria in Homburg gewohnt haben.

In den vergangenen vier Jahren liefen weitere substanzerhaltende Baumaßnahmen, zudem haben die Restauratoren die Gemächer im Königsflügel genau unter die Lupe genommen und analysiert, was dort wie gemacht werden muss. „Wir sind im Zeit- und im Kostenrahmen“, erläuterte Thomas Platte, Direktor des Landesbetriebs Bau und Immobilien Hessen (LBIH).

Technische Finesse: Per Klingelknopf riefen „Seine“ oder „Ihre Majestät“ nach den Dienstboten.

Reklame aus de Kaiserzeit

Insgesamt wird das Land Hessen 7,7 Millionen Euro in die Schloss-Sanierung stecken. Hinzu kommen werden rund 1,5 Millionen für die Restaurierung von originalen Einrichtungsgegenständen aus der Kaiserzeit. Dieser Betrag wäre noch höher, hätte nicht die Stiftung Erhaltung Bad Homburger Schloss seit fünf Jahren knapp 80 000 Euro an Spenden gesammelt.

Jetzt, im dritten und letzten Bauabschnitt, laufen in den Räumen die Ausbauten an Wänden, Decken und Böden. Handwerker und Restauratoren entfernen alte Farbe, bessern den Putz aus, ergänzen Fehlstellen und streichen die Wände neu mit Leimfarbe, wie sie auch früher benutzt wurde. Auch Stucke, Putze, Tapeten, Fliesen und Wandbespannungen werden rekonstruiert.

Bei Abnahme der historischen Oberflächen kam so manche Überraschung zutage. Beispielsweise im Ankleidezimmer der Kaiserin: Neben dem Eckschrank, in dem Auguste Viktoria ihr Wasserklosett benutzte, stand einst eine von einem großen Schrank eingehauste Badewanne. Nachdem die Wand freigelegt war, stießen die Restauratoren auf eine alte Mörtelschicht, die charakteristische Abdrücke aufwies. „Hier waren einst Fliesen im Delfter Stil verlegt, die teilweise noch erhalten sind“, erläuterte Nils Wetter, Mitarbeiter der VSG-Bauabteilung.

An den Wänden der kaiserlichen Räume im Königsflügel sind derzeit Restaurateure tätig. Putze und Stucke werden erneuert.

Mehr als 100 Jahre alte Zeitungen fanden die Restauratoren im Arbeitszimmer der Kaiserin. Das nur leicht vergilbte Papier diente als Unterbau der Stoffbezüge an den Wänden. „Man sieht, dass es außer Nachrichten auch 1896 schon Reklame und Kontaktanzeigen gab“, erklärte Ulrich Haroska, Leiter der Restaurationabteilung im Schloss. Die Zeitungen werden dort verbleiben und wieder mit grün gestreiftem Seidenstoff bespannt.

2020 sollen Räume präsentiert werden

Wie die kaiserlichen Räume von 2020 an präsentiert werden sollen, werde derzeit noch diskutiert, sagte VSG-Direktorin Kirsten Worms. Sie würden auf jeden Fall vollständig eingerichtet gezeigt; Vorbild ist der Zustand von 1917/1918. „Die hervorragende Quellenlage erlaubt uns, den damaligen Zustand eindrucksvoll darzustellen“, erklärte Worms. Einerseits sollen sie die überbordende Ausstattung zeigen, in der die kaiserliche Familie lebte; andererseits müssen in den Räumen auch 20-köpfige Gruppen Platz finden.

Zudem soll es laut Worms „didaktische Räume“ geben, in denen die Besucher auf moderne Weise Aspekte der damaligen Zeit erfahren können, auch in Verbindung mit geschichtlichen Informationen, die die Besucher online finden, etwa in der geplanten Kaiser-App. „Nur Führungen anbieten reicht nicht“, ist die Direktorin überzeugt. „Wir wollen Geschichten erzählen.“

Gerade die Technik-Begeisterung des Kaisers lässt sich anschaulich erläutern. Diese ist abzulesen an den elektrischen Leitungen im Schloss, die teilweise bis heute funktionieren, aber nun im Zuge des Umbaus mit erneuert werden. Oder aber an den beiden Knöpfen im Empfangszimmer mit der rätselhaften Aufschrift „S.M.“ und „I.M.“ – was für „seine“ sowie „ihre Majestät“ steht. Es war der Alarmknopf fürs Personal. Doch auch den Epochen vor dem Kaiserzeit soll Rechnung getragen werden. „Wir wollen Zeitspuren zeigen“, so Haroska.

Der Königsflügel wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder überbaut und den jeweiligen Ansprüchen an Repräsentation und Funktionalität angepasst. Im 19. Jahrhundert ließ Hofbaumeister Georg Moller eine tragende Wand entfernen, um einen großen Speisesaal einzurichten, eine Prachttreppe einzubauen und ein Stockwerk zu ergänzen. So wurde der Gebäudetrakt im Laufe der Zeit instabil.

Box: Wilhelm II. als Filmheld oder als Ausgräber

Die Vortragsreihe über „Des Kaisers Spuren – Wilhelm II. im Schloss Bad Homburg“ geht weiter:

Donnerstag, 14. Februar, 19 Uhr, Weißer Saal: Saalburg-Direktor Dr. Carsten Amrhein spricht über „Macht & Pracht – Wilhelm II. und die Archäologie“ und stellt die Bedeutung des Römerkastells zur Kaiserzeit dar. Einlass: 18.30 Uhr.

14. März, 18 Uhr, Vestibül: Baustellenführung mit den Leitern der Bau- und der Restaurierungsabteilungen in der Schlösserverwaltung (VSG). Dr. Anja Dötsch und Ulrich Haroska geben einen Einblick ins aktuelle Baugeschehen.

4. April, 19 Uhr, Louissaal: Der Historiker Torsten Riotte erläutert einzelne Fundstücke aus dem Königsflügel als Beispiele für Geschichte, die danach fragt, wie es gewesen ist. Yannick Philipp Schwarz liefert Bilder dazu. Dadurch erhält der Besucher einen neuen Einblick in die Kaiserzeit.

15. Mai, 19 Uhr, Weißer Saal: Wilhelm II. nutzte den Film regelmäßig für die Inszenierung seiner Person. Die Filmhistorikerin Claudia Dillmann zeigt Beispiele, in denen der Monarch im Mittelpunkt steht.

6. Juni, 18 Uhr, Vestibül: Baustellen-Führung mit Ulrich Haroska, Leiter der Restaurierungsabteilung, und Nils Wetter, in der VSG zuständig für Bauangelegenheiten und Denkmalpflege.

Der Eintritt zu allen Führungen ist kostenfrei. Jedoch ist eine Anmeldung bei der VSG erforderlich – entweder unter Telefon (0 61 72) 92 62–1 22 oder per Mail an museumspaedagogik@schloesser.hessen.de. ahi

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