Erzpriester Dimitri Graf Ignatiew in der prachtvollen Umgebung seiner russischen Kirche.
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Erzpriester Dimitri Graf Ignatiew in der prachtvollen Umgebung seiner russischen Kirche.

Jubiläum 50 Jahre

Homburgs russischer Erzpriester Ignatiew feiert morgen Priesterweihe

  • Anke Hillebrecht
    VonAnke Hillebrecht
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Seine Familie floh einst vor den Sowjets. Dimitri Graf Ignatiew leitet die russische orthodoxe Gemeinde im Rhein-Main-Gebiet seit einem halben Jahrhundert. In Rente gehen kommt für den 82-Jährigen nicht in Frage. Ein Porträt.

Dem russischen Erzpriester Dimitri Graf Ignatiew gelingt es zuweilen, seinen katholischen Amtskollegen Werner Meuer neidisch zu machen. Nämlich dann, wenn es darum geht, wie viele Taufen jeder in seiner Kirche absolvieren darf. 128 Mal stand Ignatiew im vergangenen Jahr am Taufbecken. Das ist viel – die russisch-orthodoxe Gemeinde in und um die Kurstadt wächst nach wie vor. Vor zehn Jahren waren es noch weniger als die Hälfte an Taufen.

Diese hat eine Konstante: Der Erzpriester steht ihr seit einem halben Jahrhundert vor. Am 9. Oktober 1966 wurde er auf der Mathildenhöhe in Darmstadt – auch dort steht eine prächtige russische Kirche, damals die größte weit und breit – in sein Amt eingeführt. Das Jubiläum seiner Priesterweihe feiert der 82 Jahre alte Bad Homburger am morgigen Sonntag in Frankfurt. Denn die Allerheiligenkirche im Kurpark ist viel zu klein für all die Gäste, die erwartet werden.

Großes Fest in Frankfurt

Deshalb findet der feierliche Gottesdienst von 9.30 Uhr an in der russisch-orthodoxen Kirche des Heiligen Nikolaus in Frankfurt-Hausen statt; gegen 12.30 Uhr geht’s ins Gemeindehaus Am Industriehof zum Speisen. Dass aus Bad Homburg von offizieller Seite wohl niemand kommen wird, könne ihr Mann verstehen, erklärt Monika Gräfin Ignatiew, schließlich seien orthodoxe Gottesdienste lang – etwas enttäuscht ist er aber doch.

Dem betagten Erzpriester gelingt es immerhin, viele Neubürger aus Russland, Weißrussland und der Ukraine zu vereinen. Die Gemeinde, die sich über das ganze nördliche Rhein-Main-Gebiet erstreckt, hat mehr als 100 000 Mitglieder, doch immer wieder tauchen neue Gesichter in den Gottesdiensten auf, die Ignatiew regelmäßig in Bad Homburg und Frankfurt hält. Besonders viele Russen leben in Bad Homburg und Eschborn.

Ganz anders sah es noch aus, als Ignatiew die Gemeinde 1974 von seinem Vater Leonid Ignatiew übernahm. Damals stand die Mauer noch, und die Zahl der Russen im Rhein-Main-Gebiet war überschaubar. Der Erzpriester selbst reiste erst im reifen Alter nach der Wende nach Russland.

Geboren wurde er in Paris; sein Großvater war der letzte Gouverneur der Ukraine. Seine Eltern waren noch Kinder, als sie vor den Sowjets flohen. Als sein Vater im Zweiten Weltkrieg in der Armee kämpfte, war für die Familie ein Verbleib in Frankreich undenkbar. 1944 zog sie zu einem Verwandten nach Bayern – Dimitri Graf Ignatiew war zehn Jahre alt. 1951 übernahm sein Vater die Gemeinde in Bad Homburg, wo seit 1899 die Allerheiligenkirche an der unteren Promenade steht. Die Familie zog in die Kurstadt.

Romanze am Flughafen

Als junger Mann begann Ignatiew in Darmstadt ein Elektrotechnikstudium, merkte aber bald, dass das nichts für ihn war. Er sattelte auf Theologie um, studierte in Paris und wurde orthodoxer Priester. Im Gegensatz zu katholischen Geistlichen ist ein Zölibat für deren orthodoxe Kollegen nicht verpflichtend. Somit stand der folgenden Romanze am Frankfurter Flughafen nichts im Wege. Dort verdiente sich der junge Dimitri Anfang der 1960er Jahre ein wenig Geld dazu. Auch seine heutige Frau jobbte damals am Airport, beim Bodenpersonal der heute nicht mehr existierenden Fluglinie British European Airways. Man lernte sich kennen, verliebte sich, und 1965 wurde geheiratet – kurz vor seiner Priesterweihe.

Heute – 50 Jahre später – absolviert der Homburger noch immer Gottesdienste, Taufen, Beerdigungen, Krankenbesuche und Religionsunterricht. Zumindest, solange es die Kräfte des 82-Jährigen zulassen.

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