Um den Kopf freizukriegen, läuft Claudia Müller-Eising manchmal rund ums Ärztehaus an der Klinik. Möglichst vielen Menschen einen Schnelltest anzubieten, hält sie für ihre gesellschaftliche Verantwortung.
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Um den Kopf freizukriegen, läuft Claudia Müller-Eising manchmal rund ums Ärztehaus an der Klinik. Möglichst vielen Menschen einen Schnelltest anzubieten, hält sie für ihre gesellschaftliche Verantwortung.

Powerfrau aus dem Taunus

"Ich bin jemand, der treibt"

  • Anke Hillebrecht
    vonAnke Hillebrecht
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Erst kämpfte Claudia Müller-Eising in der Finanzkrise, jetzt in der Corona-Krise

Bad Homburg -Sie hat ein neurologisches Rehabilitationszentrum gegründet, war bei der Testaktion in den Altenheimen vorne dabei. Kürzlich hat sie das Corona-Testcenter am Homburger Kurhaus mit ins Leben gerufen und berät nun den Oberbürgermeister in Sachen Teststrategie für die Modellstadt. Dabei ist Claudia Müller-Eising gar keine Medizinerin. Ihre persönliche Geschichte hat die kundige Juristin zu dem gemacht, was sie heute ist: eine treibende Kraft, die Menschen helfen will und die im Kampf gegen die Pandemie immer einen Schritt vorauszugehen scheint.

Der Beginn der Geschichte ist traurig. 2005 wurde ihre Tochter in Oberursel frontal von einem Auto erfasst. Die 14-Jährige erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. "Ich hatte damals keine Ahnung, was das ist", erinnert sich die Weißkirchenerin. Sie war zu der Zeit als Richterin tätig und Vorsitzende einer Kammer für Handelsrecht; bisher hatte die Finanzkrise sie beschäftigt. Doch nun lag ihr Kind im Koma. Für die Mutter änderte sich plötzlich alles.

Sie reduzierte ihre Arbeitszeit, um bei der Tochter sein zu können - sie hat drei weitere Kinder, das jüngste war zu dem Zeitpunkt zweieinhalb -, und machte sich auf die Suche nach einer geeigneten Therapie, um dem Mädchen zurück ins Leben zu verhelfen. "Da wurde mir bewusst, dass wir im Rhein-Main-Gebiet keine Versorgung haben", erklärt sie.

Ihr unternehmerisches Verständnis half ihr, als sie 2010 "neuroneum" gründete, das genau dies anbietet: Therapie für Menschen mit Hirn- oder Rückenmark-Schädigungen. 2017 zog das Unternehmen von Offenbach nach Bad Homburg ins Ärztehaus neben den Hochtaunus-Kliniken, es hat heute 30 Mitarbeiter. Es treibt an, wenn es das eigene Kind betrifft - "ich bin aber ohnehin jemand, der treibt", erklärt sie.

Den Willen und die Energie, etwas zu verändern, braucht sie dort, wenn es darum geht, dass Verunfallte so versorgt werden, dass sie wieder laufen lernen. Dass die Krankenkassen diese Therapie übernehmen, ist bei jedem Menschen ein neuerlicher Kampf. "Durch die Intensiv-Medizin können heute mehr Menschen als früher am Leben erhalten werden", sagt die 57-Jährige. Doch müssten die Patienten nach der Klinik-Entlassung sehen, wie sie klarkommen.

Dass Müller-Eising sich in der Pandemie pionierartig aufs Feld des Testens begab, hatte zunächst unternehmerische Gründe. "Im September hatte einer meiner Mitarbeiter Kontakt zu einer Corona-positiven Person", berichtet sie. Quarantäne und das Warten aufs Ergebnis des PCR-Tests dauerten lang - Schnelltests waren noch nicht im großen Stil verfügbar. Seither wird in dem Therapiezentrum hochfrequent getestet, denn ein Patient ist bei bis zu sechs Therapeuten pro Tag in Behandlung. "Brechen mehrere zugleich weg, fallen viele Therapiestunden aus - das kann schon mal an die 500 Stunden pro Monat ausmachen, dann schwankt die wirtschaftliche Stabilität meines Unternehmens."

"Viele können sich gar nicht isolieren"

Auch ihre Patienten sah Müller-Eising als gefährdet - mehr als 90 Prozent sind Hochrisikopatienten, etwa nach einem Schlaganfall. Viele werden von Pflegediensten betreut oder leben im Altenheim, wo sich das Virus immer wieder ausbreitet. Sie nahm Kontakt zum Gesundheitsamt auf. Aufgrund ihrer Erfahrungen war sie mit freiwilligen Mitarbeitern bei Testaktionen in Heimen dabei; inzwischen konnte sie die Pflegekräfte schulen. "Wir wissen, wie man eine große Zahl von Personen schnell testet und positive Befunde nachfolgt."

Die (fehlenden) Strategien im Kampf gegen Corona sieht Müller-Eising kritisch. Die Berichte über Infizierte erzeugten ein "diffuses Angstbild"; "die Gesellschaft nimmt Schaden". Dabei sollte die Inzidenz nicht der Maßstab sein, ob Geschäfte oder Theater öffnen dürfen.

"Eigentlich müssten Regionen mit hoher Inzidenz öffnen, damit dort besonders viel getestet wird", sagt die 57-Jährige. Man müsse genauer schauen, wo sich Menschen anstecken, meint sie. Sind es die Kitas, der Arbeitsplatz, die Familie?

Im Testcenter zeige sich, dass drei Viertel derer, die einen positiven Befund haben, Menschen "aus sozial schwachen Schichten" sind. "Viele Familien haben bei einer Infektion gar keine Möglichkeit, sich einzeln zu isolieren." Es komme auch häufig vor, dass keine Informationssendungen im Fernsehen geschaut werden. "Wir brauchen eine tiefere Datenlage", sagt sie. "So wie jetzt kann es nicht weitergehen." Von Anke Hillebrecht

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