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Die Spiel- und Lernstube in Gonzenheim ist einer von vier Standorten, in denen das Integrationsbüro und der Internationale Bund Deutschkurse speziell für Frauen

Integration

Integrationsbüro und Internationaler Bund helfen Frauen, mit ihren Familien in der Kurstadt heimisch zu werden

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Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Die Stadt Bad Homburg bietet deswegen in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Bund mehrere Deutschkurse speziell für Frauen mit Migrationshintergrund an. Zwei Mal in der Woche werden dort Vokabeln und Grammatik gepaukt. Vor allem aber wird viel gelacht.

„Verb“ steht links, in der Mitte „heute“, rechts daneben „gestern“. Darunter hat Brigitte Cranz Worte geschrieben, etwa „machen“, „joggen“ oder „fahren“. Ihre Schülerinnen sollen auf diese Weise ein Gespür für das Präsens und das Perfekt bekommen – und zugleich, wann ein Verb mit „sein“ und wann mit „haben“ in der abgeschlossenen Vergangenheitsform konjugiert wird.

Lavanya Rajkumar macht ihre Sache schon ziemlich gut. Die 32 Jahre alte Inderin greift sich den blauen Filzstift und schreibt zur Präsens-Form von „machen“ richtig „ich mache“ und zur Perfekt-Form „ich habe gemacht“. Jayanthi Karthikeyan, 35 Jahre alt und ebenfalls aus Indien, muss schon etwas länger überlegen, wie sich das bei „joggen“ in der Vergangenheitsform verhält. „Ich bin gejoggt“ ist richtig. Rosa Pires, 51 Jahre alt und aus Portugal, schreibt für die Perfekt-Form von „fahren“ allerdings „Ich habe gefahrt“. Ist aber auch kompliziert, die Sache mit den Endungen und dem Sein und dem Haben. Pires lacht trotzdem, Fehler gehören dazu, und hier, in der Gruppe der Deutsch-lernenden Frauen muss sich ohnehin niemand dafür schämen, sie zu machen.

Kinderbetreuung inklusive

Zwei Mal in der Woche, dienstags und donnerstags, von 8 bis 10.15 Uhr, kommen die drei Frauen und fünf weitere in der Spiel- und Lernstube Gonzenheim zusammen und pauken mit Cranz Deutsch. So lange, bis sie ein Sprachzertifikat bekommen.

Ihre Männer sind berufstätig, die Kinder kommen oder sind schon in der Schule – und sie wollen ihnen und sich selbst dabei helfen, sich zu integrieren. Zielsetzung ist, die Frauen in einen regulären Integrationskurs zu bringen, Zielgruppe des Kurses sind aber eben nicht die Neuzuwanderer, sondern Frauen, die schon länger in Deutschland leben. „Deutsch ist dafür wichtig“, sagt zum Beispiel Sharro Eglontino aus Albanien und schaut auf ihre kleine Tochter Eliso (1). Für den von der Stadt und dem Internationalen Bund Südwest angebotenen Kurs hat sie sich deswegen entschieden, weil während der Kurszeiten Kinderbetreuung angeboten wird. Dass Eliso auf die Betreuung pfeift und lieber bei Mama bleiben möchte, hat der Sache keinen Abbruch getan. Sie bringt sie einfach mit.

An den Kursen nehmen Frauen mit unterschiedlichen Bildungs-Voraussetzungen teil. Manche waren nur drei Jahre in der Schule, andere sind in ihrer Heimat Akademikerinnen. „Uns ist wichtig, dass sie alle die Alltagskommunikation lernen“, sagt Alexandra Kirschner-Wedell vom Integrationsbüro der Stadt. Dazu gehört dann auch ein Besuch in einem Museum oder einer Galerie – etwa den Jakobshallen in der Dorotheenstraße, ein Ausflug, der aktuell ansteht. „Alles, was deutsche Frauen eben auch ab und an machen“, sagt Kirschner-Wedell. Dazu gehört natürlich auch das Arbeiten. Einige der Gonzenheimer Teilnehmerinnen haben bereits ein Praktikum im Schloss-Café absolviert und gelernt, Cappuccino und Chai Latte, Suppe und Currywurst zuzubereiten.

An insgesamt vier Standorten in der Kurstadt bietet die Stadt seit 2016 diese „Wir lernen gemeinsam Deutsch“-Kurse speziell für Frauen an: Außer dem Standort in Gonzenheim lernen Frauen auch im Stadtteil- und Familienzentrum Berliner Siedlung, in der Maria-Scholz-Schule und in der Ketteler-Francke-Schule an zwei Tagen in der Woche vormittags. „Es geht aber um bedeutend mehr, als das Erlernen einer Sprache“, sagen die Koordinatorinnen Alexandra Kirschner-Wedell und Sofia Nurhusien vom Internationalen Bund. „Wir bieten ein Beziehungsangebot.“

Mund-zu-Mund-Propaganda

Die Resonanz sei in den vergangenen Jahren immer „sehr gut“ gewesen, dieses Jahr ruht allerdings einer der Kurse, weil sich bislang nicht genügend Teilnehmerinnen gefunden haben. Kirschner-Wedell ist aber davon überzeugt, dass auch dieser Kurs schnell wieder belegt sein wird. „Das läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda.“ In der Tat: Eine Teilnehmerin in Gonzenheim hatte vom Arbeitskollegen ihres Mannes davon gehört, eine andere von der Nichte einer Freundin.

Auch Lehrerin Brigitte Cranz weiß es zu schätzen, dass sie nur Frauen unterrichtet, vor allem, weil sie alle auch kulturell voneinander lernten. Das zeigt sich unter anderem, wenn Cranz montags fragt, wer denn was am Wochenende gemacht hat. „Die eine sagt dann, sie hat das ganze Wochenende über gekocht, gewaschen und geputzt. Die andere sagt, sie ist mit ihrem Mann und den Kindern nach Frankfurt gefahren und war dort am Main spazieren. Die Dritte war mit ihrem Mann abends aus. Cranz: „Und wenn ich gefragt werde, dann ist die Antwort auch klar: Deutsche Frauen putzen in der Regel am Sonntag ja nicht.“

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