Amtsgericht

Jahrzehntelanger Prozess: Zum Schluss ein Freispruch

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Richterin Gudrun Kurschat verlässt nach 22 Jahren das Amtsgericht Bad Homburg. Sie geht zum 1. Juni mit 63 Jahren in den vorgezogenen Ruhestand. „Ich finde, es ist genug“, sagt die scheidende Juristin. Weit mehr als 5000 Strafverfahren hat sie durchgeführt. Und dabei nicht nur Urteile gesprochen, sondern auch deutliche Worte gefunden.

Richterin Kurschat konnte – wenn nötig – in der Verhandlung schon deutlich machen, wer „Chef im Ring“ ist. Da gab es auch schon mal klare Worte von ihr – „reden Sie kein dummes Zeug“ – wenn ein Angeklagter zu viel Unglaubhaftes vortrug, um der drohenden Strafe zu entgehen oder sie zumindest abzumildern. Wer wegen „Verletzung der Unterhaltspflicht“ vor Gericht stand, weil er meist gezielt versuchte, sich seinen väterlichen Zahlungspflichten zu entziehen, musste sich dabei auch anhören, dass nicht die Allgemeinheit, sondern er für die finanzielle Unterstützung seines Kindes zuständig ist.

Vorhalte gab es auch vor allem an jüngere arbeitslose Angeklagte, wenn sie vorgaben, dass sie zurzeit auf Arbeitssuche seien – aber sich diese „Suche“ schon über viele Monate und manchmal auch Jahre hinzog. „Sie sind jung und gesund, da können Sie auch arbeiten“, bezog die Richterin dann klar Stellung.

Dennoch: Ihre Urteile, so die Einschätzung des TZ-Mitarbeiters, der unzählige Verhandlungen miterlebte, waren ausgewogen und der Situation angepasst, wie im richterlichen Sprachgebrauch häufig angeführt wird. Kurschat konnte es auch ertragen, wenn verurteilte Personen gegen ihre Entscheide Rechtsmittel einlegten und vor der nächst höheren Instanz in Frankfurt manchmal günstiger davon kamen. Dafür seien solche Einrichtungen ja geschaffen worden, sagt die Richterin ohne Groll.

Natürlich hat sich in den zurückliegenden 22 Jahren auch einiges bei Gericht verändert. „Es gibt viel mehr Gewaltdelikte, es wird schneller zugeschlagen“, zieht Gudrun Kurschat ihre richterlicher Bilanz. Auch gebe es jetzt viel mehr Verhandlungen mit Dolmetschern, beschreibt sie die „neue Zeit“. Wer dennoch glaubt, dass Gudrun Kurschat die vielen Jahre bei Gericht negativ bewerten könnte, liegt hier falsch. „Ich war gerne Richterin, ich habe hier gerne Dienst verrichtet, ich würde jederzeit wieder Richterin werden“, lautet ihr positives Resümee im Rückblick.

Anfang 1996 hatte sie als Vollzeitkraft beim hiesigen Amtsgericht ihren Dienst als Strafrichterin angetreten und war dazu viele Jahre ein Viertel ihrer Dienstzeit auch im Bereich Betreuung und Vormundschaft tätig. Trotz dieser zusätzlichen Aufgaben hat die in Oberursel wohnhafte Richterin beim Amtsgericht Bad Homburg weit mehr als 5000 Strafverfahren durchgeführt und mit Urteilen „im Namen des Volkes“ abgeschlossen.

Ihre ersten Erfahrungen als Richterin machte Gudrun Kurschat in Wiesbaden, als sie beim dortigen Amtsgericht eineinhalb Jahre Dienst versah. Hinzu kommen noch etliche Berufsjahre als Rechtsanwältin.

Ihr dienstlicher Tätigkeitsbereich in Bad Homburg war ein kleines Ein-Personen-Büro im ersten Stock des Amtsgerichts – und etwa 30 Meter davon entfernt „ihr“ Gerichtssaal Nr. 105 in der gleichen Etage. Ihre letzte Verhandlung führte die „Bald-Pensionärin“ vor wenigen Tagen. Dabei ging es um ein Alltagsdelikt: „Fahren ohne Fahrerlaubnis“. Neben dem Angeklagten mussten noch fünf Zeugen angehört werden. Das Verfahren endete mit einem Freispruch – wie ihn die Vertreterin der Anklage gefordert hatte. Nicht, weil das Gericht von der Unschuld des Angeklagten überzeugt war. Die Beweise reichten jedoch nicht aus für eine Verurteilung.

Nun ist ihr Blick in die Zukunft gerichtet. Anfang nächsten Jahres will sie mit ihrem Ehemann nach Süd-Amerika reisen. Den asiatischen Raum liebt sie ebenfalls als Urlaubsziel. Aber auch die Insel Sylt hat es ihr angetan. Dort war sie schon oft, letztmals vor wenigen Wochen.

Die Pensionärin „in spe“ hält sich mit Besuchen im Sportstudio und mit Joggen fit. Und zum Schluss verrät die Mutter einer Tochter noch ein bevorstehendes erfreuliches Ereignis. „Ich werde in wenigen Wochen erstmals Großmutter“, sagt sie nicht ohne Stolz.

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