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Verena Himmelreich hofft auf eine ambitionierte Umsetzung des Pariser Klimaabkommens.

Interview

Im Kampf gegen die Erderwärmung

Tausende Menschen sind derzeit anlässlich der Weltklimakonferenz in Kattowitz. Mit dabei ist die Bad Homburgerin Verena Himmelreich. Die 26-Jährige gehört zu einer Gruppe von rund 100 jungen Menschen, die im Rahmen der Kampagne „Change for the planet – care for the people“ der in Brüssel ansässigen Organisation „Internationale Kooperation für Entwicklung und Solidarität“ (CIDSE) für vier Tage Veranstaltungen rund um die Konferenz besuchen und gestalten.

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sieht die Erderwärmung als „Überlebensfrage der Menschheit“ an und erwartet von der Weltklimakonferenz mehr Entschlossenheit im Kampf gegen den Klimawandel. Spüren Sie die geforderte Entschlossenheit?

VERENA HIMMELREICH: Unter den Aktivisten und den Organisationen der Zivilgesellschaft ist von der Entschlossenheit auf jeden Fall jede Menge zu spüren. Aufseiten der Politik sieht das leider noch etwas anders aus . . .

Wie nah kommen Sie an die offizielle Konferenz ran?

HIMMELREICH: Vereinzelt gibt es auch innerhalb unserer großen Gruppe der „Change for the planet – care for the people“-Kampagne Personen mit Akkreditierung und Zugang zur Konferenz sowie Vertreter von den teilnehmenden zivilgesellschaftlichen Organisationen wie Misereor, die durchgehend auf der Konferenz anwesend sind. Sie können uns also berichten und Aktuelles auf sozialen Medien teilen, aber in der Regel verlaufen die Verhandlungen recht zäh, so dass man nicht unbedingt minütlich ein Update braucht. Soll heißen, auch wenn wir vor Ort sind, konzentrieren wir uns nicht nur darauf, was gerade im Konferenzsaal passiert, sondern wollen vor allem weiter die Zivilgesellschaft mobilisieren und vernetzen. Wir wollen Präsenz als globale Klimabewegung zeigen, um politisches Handeln einzufordern, damit am Ende der Konferenz hoffentlich ambitionierte Ziele und konkrete Maßnahmen zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens von 2015 stehen.

Haben Sie schon mit Menschen aus Ländern sprechen können, die unter den Folgen der Erderwärmung besonders zu leiden haben? Was fordern sie?

HIMMELREICH: Sie fordern eine klare Reduzierung von klimaschädlichen Emissionen und mehr Geld für den internationalen Klimafonds. Auch Deutschland darf sich nicht nur mit Zertifikaten aus der Reduzierung „rauskaufen“, sondern muss aktiv etwas tun. Gleichzeitig wäre es natürlich schön, ein „Überspringen“ von fossilen Brennstoffen direkt hin zu erneuerbaren Energien in Ländern des globalen Südens mit anzuregen und zu finanzieren. Doch das muss man dann als Industrieland auch selbst machen und nicht nur von anderen verlangen.

Die Verbrennung von Kohle schadet dem Klima extrem. Nun findet die Konferenz in einer Region statt, in der viele Menschen von der Kohle leben. Haben Sie die Möglichkeit, mit Kattowitzern darüber zu sprechen?

HIMMELREICH: Sehr viele Gelegenheiten hatten wir bisher leider noch nicht, aber bei den Gesprächen, die wir hatten, klang durch, dass das Verhältnis zur Kohle kompliziert und ambivalent ist. Wir waren beispielsweise in Nikiszowiec, einem Ort, der ursprünglich für Kohlearbeiter errichtet wurde und damals zu Preußen gehörte. Auch heute ist Kohle für die Leute nicht nur Energiequelle, sondern auch Familiengeschichte. Dennoch wünschen sie sich, in einem Land mit sauberer Energie zu leben, und leiden unter der schlechten Luft. Gerade im Winter, wenn viel geheizt wird. Ich denke, mit Weiterbildungsmöglichkeiten wäre ein Umbau von Arbeitsplätzen nicht das Hauptproblem, solange man niemandem eine „Verbundenheit“ zur Kohle abspricht. Man muss die Menschen mit ins Boot holen, indem man sie von den langfristig entscheidenden Vorteilen des Kohleausstiegs und von erneuerbaren Energien überzeugt.

Sie selbst leben sehr nachhaltig. Inwieweit ist Ihnen dies auch während Ihres Aufenthalts in Kattowitz möglich? Gibt’s nun den Kaffee ausnahmsweise doch aus dem Wegwerfbecher?

HIMMELREICH: Ich lebe leider auch noch nicht so nachhaltig, wie ich gerne würde, und möchte daher zu schrittweisen Veränderungen motivieren. Es ist es auch hier so, dass viele ihren nachhaltigen Kaffeebecher, selbst gemachtes Deo aus Natron und etwas Kokosöl und die Holzzahnbürste dabei haben und man unterwegs doch auch mal in Plastik verpackte Sandwiches isst. Getränke und Essen, das über die Kampagne organisiert ist, war bisher jedoch komplett vegetarisch und plastikfrei. Außerdem sind fast alle mit dem Zug angereist.

Sie werden noch bis Montag in Kattowitz sein. Können Sie schon jetzt sagen, ob sich die Reise gelohnt hat?

HIMMELREICH: Hierher zu kommen und dabei zu sein, hat sich bereits jetzt gelohnt. Zu Hause ist es manchmal entmutigend, wenn man seine Blase verlässt und sich mit seinen Anliegen in der Minderheit fühlt. Hier merkt man, so wenige sind es gar nicht. Im Gegenteil: Es sind viele, und es werden immer mehr, die sich eine Veränderung für eine sozial gerechtere und ökologisch verträglichere Gesellschaft und Welt wünschen, sie leben und verbreiten. Im Endeffekt geht es nicht „nur“ um Klimaschutz, sondern um eine sozial-ökologische Transformation und um den Traum von mehr Gerechtigkeit, der im Kampf nicht nur gegen die Klimakrise, sondern gegen Rechtsextremismus, Gefährdung von Frieden und Demokratie und Diskriminierung ganz wichtig ist. Dafür bin ich hier, dafür lohnt es sich, und dafür werde ich weiterhin bei Demos und sonstigen Aktionen dabei sein.

von Nadine Klein

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