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Für diesen Job muss man mit Flammen umgehen können: Heiko Schulz bringt den Unterflurbrenner zum Einsatz.

Stolperfallen

Das Kopfsteinpflaster am Landgrafenschloss wird geebnet

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Auch Menschen mit Beeinträchtigungen sollen künftig barrierefrei in das Bad Homburger Schloss gelangen können. Dafür wird das Kopfsteinpflaster am Eingang Herrengasse stark erhitzt, geschliffen und anschließend neu verfugt – eine neue Technik, um alte Oberflächen zu gestalten und zu glätten.

Mit einem Zischen züngeln die rot-gelb-grünen Flammen aus dem Gerät, das aussieht wie ein entschlackter Rasenmäher. Tatsächlich handelt es sich um einen Unterflurbrenner, der dem Kopfsteinpflaster am Eingang zum Landgräflichen Schloss mit Temperaturen von bis zu 3200 Grad im Flammkern zuleibe rückt. Sobald der Brenner über das Pflaster rollt, hört man die Steine darunter knacken und kleine Splitter fliegen umher. Zwei Spezialfirmen sind seit gestern dabei, das bislang noch holprige Kopfsteinpflaster zu glätten und Stolperfallen zu beseitigen. Hintergrund ist ein Gesetz der Bundesregierung, das vorsieht, dass bis 2022 alle öffentlichen Einrichtungen für Menschen mit Einschränkungen barrierefrei zu erreichen sind.

Kopfsteinpflaster zu bearbeiten war bislang eine aufwendige Arbeit, in der jeder einzelne Stein aus dem Pflaster genommen, geschliffen und wieder eingesetzt werden musste. Die Charisius & Kau Strahltechnik GmbH wendet gemeinsam mit BBK-ASP Spezialtechnik GmbH aus Neu-Anspach eine völlig neue Methode an – das Flammscanverfahren. Dieses soll nicht nur weniger zeitaufwendig, sondern auch um ein gutes Drittel kostengünstiger sein als die gute alte Handarbeit. Für Denkmalpfleger Nils Wetter von der Bauabteilung der Hessischen Schlösser und Gärten gab es noch einen weiteren Grund, das neuartige Verfahren am Bad Homburger Schloss ausprobieren: „Die historische Substanz bleibt erhalten.“ Das ist dem Denkmalpfleger wichtig, schließlich ist bereits der Kaiser über die im 19. Jahrhundert verlegten Steine gelaufen.

Grundsätzlich soll vom Schlosseingang an der Herrngasse durch die beiden Torbögen bis hoch zum großen Schosshof eine Art Gasse geschaffen werden, die es auch Rollstuhlfahrern, Personen mit Rollatoren, Menschen an Krücken oder ältere Mitbürger, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, ermöglichen soll, ohne Probleme ins Schloss zu gelangen. Die Maßnahme soll in drei Phasen erledigt werden, wobei der erste Abschnitt vom Eingang Herrengasse bis hinter den ersten Torbogen quasi als Musterfläche gilt, um das neue Verfahren zu testen. „Dann sehen wir weiter“, so Wetter.

Für Oliver Baumann, Geschäftsführer der BBK-ASP, und Mark Bender von der Charisius & Kau GmbH ist das keine Frage, denn sie sind überzeugt von ihrer Vorgehensweise, die deutschlandweit einmalig sei. Und so waren gestern zunächst sechs Mann damit beschäftigt, 37 Laufmeter (insgesamt rund 230 Quadratmeter) Pflaster mit dem Unterflurbrenner einzuheizen – der sogenannte Flammscan. Das ultraheiße Sauerstoff-Acetylen-Gemisch sorgt dafür, dass an der Oberfläche der Granitsteine eine Bruchzone entsteht. „Dabei brechen bereits erste Unebenheiten aus der Oberfläche“, erklärt Bender. In einem zweiten Schritt wird dann die nun brüchige Oberfläche des Kopfsteinpflasters mit einem Diamantschleifer gearbeitet und geebnet. Die Kubatur der Steine wird dabei in der Regel um zwei bis fünf Millimeter abgetragen. Die Kunstdiamanten lässt das Unternehmen eigens in Wunsiedel herstellen.

Heute folgt der dritte Arbeitsschritt: Die Fugen werden mit einem Druck von 16 Bar bis zu einer Tiefe von vier Zentimetern gereinigt. Dazu greift Baumann zur Fugenhexe. Mitunter müssen auch noch Unkraut und Verwachsungen nachgeflammt werden. Anschließend werden die Fugen mit Epoxitharz wieder gefüllt. Hier mit Zement zu arbeiten käme Baumann nicht in den Sinn, „schließlich wollen wir im Anschluss wieder eine offenporige Pflasterung“. Die Harz-Masse „sumpft“ dann noch um zwei bis drei Millimeter ein, so dass die alte Kopfsteinpflaster-Optik erhalten bleibt. „Durch dieses Prinzip schaffen wir eine insgesamt geschlossene Fläche“, erklärt Baumann. Eventuelle Unebenheiten wegen der Geländebeschaffenheit – wie zum Beispiel Wellen – bleiben erhalten, nur mögliche Stolperfallen sind dann verschwunden. Und rutschig sei der neue Belag trotz der intensiven Politur auch nicht, „die Oberfläche der Steine bleibt angeraut“.

Rund 17 000 Euro kostet die erste Phase – rund ein Drittel weniger als für die herkömmliche Verfahrensweise veranschlagt werden müsste. Das liegt vor allem daran, dass das Flammscanverfahren wesentlich weniger Arbeitszeit in Anspruch nimmt.

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