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ARCHIV - ILLUSTRATION - Eine Prostituierte wartet am Mittwoch (20.12.2006) in einem Bordell auf Kunden. Foto: Boris Roessler/dpa (zu dpa "Gegen Zwangsprostitution: Kabinett beschließt Strafen für Freier" vom 07.04.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Die Qual junger Frauen

Kriminalinspektor spricht über Zwangsprostitution

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„Deutschland als Puff Europas“? Das meint ein ehemaliger Kriminalinspektor. Schuld daran seien unter anderem lasche Gesetze. Die Sensibilisierung der Bevölkerung für Zwangsprostitution könnte helfen.

Statistiken gehen seit den 1980er Jahren von der gleichen Zahl aus: von rund 400 000 Prostituierten in Deutschland. Schon das zeigt Manfred Paulus, dass da etwas nicht stimmen kann. Denn die Zwangsprostitution, die er im Blick hat, hat dramatisch zugenommen. „Dafür gibt es keine richtige Statistik.“ Er muss es wissen, war er doch als Leiter einer Ulmer Kriminalinspektion über 30 Jahre mit Prostitution und Frauenhandel befasst. Die Qualen der Mädchen und Frauen lassen ihn auch im Ruhestand nicht los.

In der Reihe „Forum Kurpark“ des Rotary-Clubs Bad Homburg-Kurpark berichtete er vor rund 30 Zuhörern von den Methoden vor allem osteuropäischer Banden und Clans, Frauen aus ihrer armen Heimat in Bulgarien, Moldawien, der Ukraine, den albanischen Bergen, dem Kosovo, den Roma-Ghettos in Rumänien, aus Nigeria oder Thailand nach Deutschland zu locken – in ein nur scheinbar reiches und sorgenfreies Leben.

Ein hoher Prozentsatz der Prostituierten seien Ausländerinnen. In Deutschland warteten nicht Freiheit, Arbeit in der Gastronomie oder als Models auf die Mädchen, sondern Jobs in der Zwangsprostitution auf unterstem Niveau. „Deutschland ist zum Puff Europas verkommen“, sagte Paulus.

Was sich hart anhört, hat seiner Meinung nach einleuchtende Gründe: Hier stehe auf Zwangsprostitution eine Mindeststrafe von sechs Monaten, in Frankreich seien es fünf Jahre. „Das macht schon klar, warum bulgarische Banden oder albanische Clans zu uns kommen.“

Außerdem liege Deutschland zentral, die wirtschaftliche Lage sei gut, und viele Freiheiten machten das Risiko gering. Verschärft habe sich das Problem, als 2007 Rumänien und Bulgarien in die Europäische Union aufgenommen wurden. Deshalb muss für Paulus die EU in der Bekämpfung eng zusammenarbeiten.

Er machte deutlich, dass die Frauen meist nicht älter als 17, 18 oder 19 Jahre, kaum eine Chance haben. Eingeschüchtert, ohne Pass, ohne Sprachkenntnisse und Geld geraten sie in eine Schuld- und Schuldenfalle. „Dass die Polizei ihnen helfen könnte, ist für sie unvorstellbar.“

An die Hintermänner sei kaum heranzukommen. „Sie sitzen auf Ehrentribünen und lassen sich feiern.“ Arbeiteten als Anwälte, drückten als Amtsträger manches Auge zu. Die Drecksarbeit machen laut Paulus gewalttätige Banden oder Rockergruppen, hinter denen sich oft ausländische Verbrecher versteckten. „Eine bessere Investition gibt es für sie nicht“, ist sich der Kriminalist, der heute in die Herkunftsländer der Frauen reist, um zu informieren, sicher. Sie kommen freiwillig mit, kosten nichts, und seien anders als Waffen und Drogen noch lange auszubeuten.

Um aus dem Ruf, das Bordell Europas zu sein herauszukommen, sieht Manfred Paulus nur eine Chance: „Die Gesetze müssen verschärft werden.“ Prostitution unter 21 Jahren müsse verboten werden. Nur bessere Gesetze böten der Polizei die Möglichkeit effektiv zu ermitteln, und lasse den Ermittlungen auch Taten, sprich Strafen, folgen. Für ein generelles Verbot von Prostitution ist er nicht. Die gebe es seit Jahrtausenden. Ein Verbot sei schon anderen nicht gelungen.

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