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Die beiden 9.-Klässlerinnen Svea (li.) und Mina bemalen eine der 40 Holzbretter, die zu dichtes Sitzen auf den Bänken in der Fußgängerzone verhindern. Foto: Reichwein

GaG-Schüler bringen Farbe ins Spiel

Die Kunst des Abstandhaltens

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Louisenstraße: Abgesperrte Bänke werden verschönert

Bad Homburg -Fünf Menschen dürfen bald gleichzeitig ins Gotische Haus, zehn in die Englische Kirche. Wer dieser tage Kunst und Kultur live erleben will, braucht Glück, Geduld und natürlich eine Maske.

Auf der Louisenstraße entwickelt sich eine Alternative. Zwar dürfen sich vor dem Kurhaus streng genommen nur Gruppen bis zu zwei Personen aufhalten, jetzt gab's eine Ausnahme: Schüler einer neunten Gymnasialklasse der Gesamtschule am Gluckenstein hatten sich mit Farbe an den dortigen Sitzbänken zu schaffen gemacht. Das lockte auch Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) an. Der hatte - gemeinsam mit dem städtischen Krisenstab - für die Absperrung der innerstädtischen Sitzbänke mit Brettern in den sozialen Netzwerken und den Meiden zum Teil heftigen Spott kassiert.

Doch in Homburg ist man es gewohnt, aus nicht ganz so hochwertigem Rohstoff Gold zu machen - und so wird aus den hässlichen Brettern echte Kunst, die, so betonte es Stadtsprecher Marc Kolbe, "nicht einfach auf dem Bauhof landen soll", wenn die Bänke wieder freigegeben werden können. "Ob es dann eine Ausstellung oder eine Versteigerung gibt, müssen wir dann sehen."

Die Initiatoren des Projekts, GaG-Kunstlehrerin Antje Klaus und Veranstalter und Moderator Enrico Josche, zeigten sich gestern zufrieden mit der Resonanz. "Es gibt 40 Holzplatten - von klein bis Panorama-Format. Nach und nach sollen alle mit Kunstwerken verziert werden." Damit das klappt, hat Josche ("als Veranstalter hatte ich in den vergangenen Monaten viel Zeit . . .") akribisch erfasst, wo welche Bänke stehen. Er hat sie fotografiert und alles in eine Datenbank eingepflegt. Jetzt werden die Sitzmöbel sukzessive abgearbeitet. Mitmachen kann jeder, per Mail an spanplatten@mainslam.com kann Kontakt zu den Organisatoren aufgenommen werden.

Die Schüler haben sich freiwillig gemeldet. In den kommenden Tagen werden sich weitere Jugendliche künstlerisch engagieren. "Wir wollen das an vielen kleinen Terminen machen, damit auch hier der Abstand gewahrt bleibt", erklärt Klaus. So widmen sich immer zwei Kinder einer Platte, es gibt Regeln für den Umgang mit Materialien und Farben und natürlich werden Masken getragen. Allerdings zeigte sich auch: Das mit dem Abstandhalten ist eine Kunst für sich, wenn alle begeistert bei der Arbeit sind.

Die Kunstwerke, die allesamt eine positive Botschaft transportieren sollen, können sich sehen lassen, die Schüler waren äußerst kreativ. Vom strahlenden Regenbogen bis zur starken Faust, die einem überdimensionalen Virus den Garaus macht, reicht das Spektrum. Die beiden 14 Jahre alten Schüler Jan und Andrej haben sich für ein Bild mit drei Weißen Türmen entschieden. Alle sind sie mit Masken ausgestattet, einer hält, einem Schülerlotsen gleich, ein Schild in die Höhe, das Abstand einfordert. Nach zweieinhalb Stunden ist ihr Beitrag zum "Corona-Memorial Bad Homburg", wie es GaG-Schulleiterin Ursula Hartmann-Brichta die Installation spontan taufte. Und auch Enrico Josche ist sich sicher: "Hier entsteht ein Stück Zeitgeschichte - wie bei der Berliner Mauer, die ja auch bemalt wurde.. Für Antje Klaus ist das Projekt vor allem ein Zeichen, dass das Leben zurückkehrt. Die Resonanz auf die Kunstaktion sei in jedem Fall positiv, hat Antje Klaus beobachtet. "Die Leute sehen,. dass das Leben zurückkommt." Harald Konopatzki

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