Alina Hills Projekt „Touching I“

Die Kunst, auf Tuchfühlung zu gehen: Die Straße wird zur Bühne

Mit ihrem internationalen Performance-Projekt „Touching I“ lädt die aus Bad Homburg stammende Schauspielerin Alina Hill Menschen auf der Straße ein, sich berühren zu lassen. Und nicht nur das: Die Menschen dürfen auch Alina Hill berühren. Nach London ist die nächste Station Israel.

Einen anderen berühren? Ist doch eigentlich einfach, will man meinen. Wirklich? Genau diese Frage stellte sich die aus Bad Homburg stammende Schauspielerin Alina Hill. In unserer digitalen Welt sind wir zwar ständig in Verbindung mit allem und jedem. Aber „wer sind wir, wenn wir täglich mehr Zeit damit verbringen, unsere E-Mails und Smartphone-Nachrichten zu checken als damit, unsere Familie zu erleben“?

Die Antwort der Schauspielerin, die in Hamburg lebt und dort im Februar ihr Schauspielstudium abgeschlossen hat, ist ganz bewusst eine künstlerische. „Bei meiner Performance Touching I geht es um echte Berührungen und Begegnungen“, sagt sie.

Dafür hat die 26-Jährige im August mitten in London die Bühne mit der Straße getauscht. Vor den Kunststätten der Tate Modern und der National Gallery hat sie einen Kreis auf den Boden gezogen und sich selbst hineingestellt. Die zufällig vorbeikommende Menschen durften in diesen „Forschungsraum“ eintreten. Zuvor wurden sie von Hills Assistenten angesprochen und über das Berührungs-Projekt aufgeklärt.

Viele blieben stehen, fotografierten und filmten. Andere nahmen die Einladung an. Es wurden Hände geschüttelt, getanzt oder nur Augenkontakt gehalten. „Ein kleines Mädchen ist mir besonders in Erinnerung. Wir haben kein Wort miteinander gesprochen und wussten aber sofort, was wir tun wollten. Schließlich berührten sich unsere Köpfe und Hände. Das war sehr intim und zugleich voller Respekt.“ Dann war da noch die Frau, die lange nur zuschaut hatte. „Sie kam zu mir in den Kreis und umarmte mich mit Tränen in den Augen, bevor sie wegging.“

Alina Hill geht es genau um solche Momente. Dabei nimmt sie die Menschen so, wie sie sind. „Ich gucke mit Liebe auf die Menschen und versuche zu spüren, was an Kontakt möglich ist.“ Angst vor unangenehmen oder gar übergriffigen Berührungen habe sie nicht. „Ich weiß, dass das passieren kann, da bin ich nicht blauäugig. Ich verlasse mich aber auf meine Assistenten, die mit den Menschen sprechen und das Ganze etwas kanalisieren.“ Außerdem könne sie jederzeit Stopp sagen. Bis jetzt sei das aber noch nicht nötig gewesen.

Alina Hill finanziert „Touching I“ noch aus eigener Tasche und zahlt die Flüge selbst. Jeweils an Ort und Stelle versucht sie in der lokalen Kunst- und Kulturszene Unterstützer und Assistenten zu finden. Wenn sie ab dem 23. November in Israel ist, wird sie für die Zeit bei einem Uni-Dozenten wohnen und außerdem von Musikern unterstützt, die auch die Musik zu dem Video liefern werden, das von diesem Aufenthalt entstehen soll.

Jerusalem und Tel Aviv hat sie sich deshalb als nächste Stationen ausgesucht, „weil ich ein Ziel außerhalb Europas gesucht habe. In Israel leben viele verschiedene Kulturen zusammen, das macht es für mich so interessant.“ Natürlich wisse sie um die Konflikte zwischen der arabisch und jüdischen Bevölkerung.

Als junge Deutsche sei es ihr außerdem bewusst, dass der Holocaust plötzlich Thema werden könne. „Dagegen möchte ich das Verbindende meiner Performance setzen. Mein Projekt ist frei von Politik, Religion und ethnischer Abstammung. Es geht um die reine Berührung – körperlich wie seelisch.“

Mit den Auftritten in London und Israel ist „Touching I“ nicht zu Ende. Es soll weiter gehen. Vielleicht in Afrika, wenn Hill Sponsoren findet. Die Ergebnisse ihrer künstlerischen Forschungsreisen sollen später in Videodokumentationen in Galerien oder ähnlichen Orten gezeigt werden. Auch dafür sucht sie noch Möglichkeiten und Unterstützung.

Bis dahin konzentriert sie sich drauf, als Schauspielern Fuß zu fassen. „Ich stecke gerade mitten in Bewerbungen für die Bühnen in Deutschland.“ Sie geht zu Castings und Vorsprechen und arbeitet als Dozentin für Tanz. „Außerdem gehe ich brav kellnern. Aber das gehört für junge Schauspieler einfach dazu“, lacht die junge Frau, die gerade ein Engagement an der Hamburger Staatsoper abgeschlossen hat.

Auch nach Bad Homburg wird es sie wieder führen. Mit ihrem Gonzenheimer Theater-Tanz-Jugendensemble „TVG Kittens“, mit dem sie im vergangenen Jahr erfolgreich „Windmädchen“, eine Adaption des Disneymusicals „Pocahontas“, auf die Bühne gebracht hat, soll es im Frühjahr weitergehen. Dann will sie sich den Klassiker „Alice im Wunderland“ von T.S. Eliot vornehmen.

Fest steht schon jetzt, dass das Publikum bei dieser Reise ins Wunderland stark beteiligt werden soll. Die Themen Begegnung und Berührung lassen Alina Hill offenbar nicht los.

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