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Lage wie verwunschen, Verkauf wie verhext

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Von: Anke Hillebrecht

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Idyllische Lage, aber dennoch nicht von Interesse für Investoren: Das nun leerstehende ehemalige Schulungszentrum der Deutschen Bahn in der Herderstraße.
Idyllische Lage, aber dennoch nicht von Interesse für Investoren: Das nun leerstehende ehemalige Schulungszentrum der Deutschen Bahn in der Herderstraße. © ahi

DB-Schulungszentrum steht bis auf weiteres leer - Deal mit Pflegefirma geplatzt

Bad Homburg -Das Jahr ist vorbei, und damit endete im Hardtwald auch eine Ära: Der Mietvertrag der Deutschen Bahn (DB) für ihr Schulungszentrum in der Herderstraße lief aus. In den Tagen vor Weihnachten waren Handwerker noch dabei, die letzten Einbauten zu entfernen. Betten und andere Möbel hatte die DB schon abtransportieren lassen. Lediglich der nachtblaue Teppich blieb zurück in den kleinen Gästezimmern und auch im Kaminzimmer, gleich rechts neben dem Eingang.

Wie das 1976 erbaute und 1996 renovierte Gebäude künftig genutzt wird, steht in den Sternen. Im Moment gibt es keinen Plan, der sich auch verwirklichen lässt, wie Asset-Manager Stefan Bögl vom Frankfurter Investment- und Asset-Managing-Unternehmen aam2core jetzt bei einer Begehung berichtete. Eigentümerin des Hauses ist eine Familie aus Süddeutschland, die die Verwaltung in die Hände der Frankfurter gelegt hat. Sie haben 2018 auch schon den Ankauf begleitet, als die Familie das Gebäude, das als „nicht bahnbetriebsnotwendige Immobilie“ galt, von der DB erwarb.

Nun suchen die Manager händeringend nach einem Entwickler, der ein passendes Angebot für das schwierige Anwesen in bester Lage hat. „Durch den gültigen Bebauungsplan sind uns die Hände gebunden“, sagt Bögl. Dienstleistung mit zugleich „kurähnlicher Nutzung“ ist für dort festgelegt.

Eine Bauvoranfrage war schon gestellt

Ein Pflegeheim läge auf der Hand - und dafür wäre in Bad Homburg wohl auch die Nachfrage da, zumal in solch ruhiger Lage und in direkter Sicht- und Spaziernähe zum Kurpark. Die Verwalter hatten auch einen Betreiber gefunden und stellten im Sommer dem Magistrat ein ausführliches Konzept für exklusive Pflegeappartements vor. Sie stellten bei der Stadt eine Bauvoranfrage - weil die 127 Zimmer zu klein, die Gänge zu schmal sind und das Haus auch inzwischen wieder marode ist - teils stammen die Fenster noch aus den 1970er Jahren -, hätte das gesamte Gebäude abgerissen und neu gebaut werden müssen.

Doch aus alldem wurde nichts. Der Betreiber - ein europaweit tätiger Anbieter für Pflege und Rehabilitation, der die Immobilie hätte kaufen wollen - zog sein Angebot wegen interner Umstrukturierungen zurück. In der Zeitung äußern will er sich nicht.

Stadt und Kreis suchen neue Unterkünfte für Geflüchtete

So schauten die Asset-Manager, was sonst noch mit der Immobilie möglich wäre. Es war Sommer, und noch immer kamen viele Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland an. Doch die Stadt wandte sich gleich gegen die Möglichkeit, am Rande des Villen-Wohngebiets Flüchtlinge unterzubringen. „Es handelt sich um Kur-Gebiet“, erläutert Rathaussprecher Marc Kolbe diese Entscheidung. Zudem sei das Gebäude nicht ad hoc für diesen Zweck nutzbar, die Betriebskosten seien hoch.

Zum Jahreswechsel mussten planmäßig alle Geflüchteten das „Haus Berlin“ verlassen - das Hochhaus an der Ecke Hessenring/Taunusstraße gehört zum ehemaligen Kreiskrankenhausareal, wo derzeit Bagger am Werk sind. Die Gebäude werden abgerissen, um Platz für ein neues Wohngebiet („Louis“) zu machen. „Haus Pommern“ wurde schon Ende 2021 geschlossen und „Haus Schlesien“ war 2017 nach einem Brand nicht mehr bewohnbar. Laut Stadt konnten jetzt alle 80 Bewohner des „Hauses Berlin“ in anderen Unterkünften untergebracht werden - unter anderem im Porticus in Ober-Eschbach, im Niederstedter Weg und in verschiedenen Wohnungen. Wie viele Geflüchtete derzeit im Kreis und in Bad Homburg leben, lesen Sie am Ende dieses Artikels.

Gleichwohl prüfe die Stadt „in enger Abstimmung mit dem Landkreis fortlaufend verschiedene Möglichkeiten der Unterbringung - von der Schaffung neuer, größerer Unterkünfte über Aufstockung der bestehenden bis zur Anmietung von Wohnungen“.

Was die Immobilie in der Herderstraße betrifft, so glaubt man bei aam2core, dass hier noch nicht das letzte Wort gesprochen sei. Und auch die Eigentümer seien für eine Nutzung als Flüchtlingsunterkunft „aufgeschlossen“. Die 127 Räume seien jedoch so klein, dass sie nur als Einzelzimmer nutzbar wären.

B-Plan spricht gegen Wohnungsbau

Parallel suchen die Asset-Manager bereits nach einer anderen Verwendung für das leerstehende Gebäude. Eine B-Plan-Änderung würde helfen. „Aber wir haben schon mit der Politik gesprochen, das ist nicht gewollt“, erzählt Asset-Manager Stefan Bögl. Dabei sei das Gebiet prädestiniert für Wohnungsbau - „es ist eines der schönsten im ganzen Rhein-Main-Gebiet“, findet Bögl. Junge Familien oder betreutes Wohnen könne er sich hier gut vorstellen. Doch das ist mit dem momentan gültigen B-Plan unzulässig - ebenso wie ein Umbau zum Hotel. Ein Trainingszentrum für eine andere Firma als die DB wäre wiederum okay, weiß Bögl. „Bei der Auslegung des Wortes ,kurähnlich‘ ist die Stadt großzügig.“ So könnte sich Bögl auch die Nutzung durch eine private Hochschule vorstellen. Man spreche mit Investoren und Projektentwicklern, doch im Moment hemmten gestiegene Baukosten, Inflation und schlechte Konjunktur viele Pläne. Bleibt derzeit nur die Leerstandswartung. Und wie sieht man im Rathaus die Chancen auf eine B-Plan-Änderung? „Wir warten erst einmal auf weitere Angebote des Asset-Managers“, so Kolbe.

Knapp 7000 Geflüchtete leben im Kreis - Kommen wieder mehr aus der Ukraine?

Rund 4800 Asylbewerber und anerkannte Flüchtlinge sind im Kreis inklusive Bad Homburg gemeldet (neuester Stand ist November). Zusätzlich leben im Hochtaunus zurzeit rund 3000 Ukrainer. Aus dem Land sind im vergangenen Jahr etwa 800 Kriegsvertriebene nach Bad Homburg gekommen; 322 von ihnen sind in der Stadt untergebracht. Zudem, so Rathaussprecher Thomas Steinforth, seien 2022 circa 100 weitere Geflüchtete über die Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen in die Kurstadt weitervermittelt worden, davon etwa 20 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Insgesamt leben in Bad Homburg zurzeit rund 850 Geflüchtete. In den vergangenen Monaten seien aber nur noch vereinzelt Menschen angekommen; auch aus der Ukraine kamen nicht mehr so viele Menschen wie noch im Sommer. „Oft waren es Familien oder Nachzügler zu ihren Familien. Neue Unterkünfte wurden nur vereinzelt und kleinteilig angemietet“, so Steinforth.

Ob in nächster Zeit wieder mit einer größeren Zahl an Flüchtlingen gerechnet werden muss, wird derzeit innerhalb der hessischen Ausländerbehörden diskutiert. Es besteht die Annahme, dass sich nach dem orthodoxen Weihnachtsfest am 6. Januar wieder mehr Menschen aus der Ukraine auf den Weg nach Deutschland machen, nachdem sie noch das Fest mit ihren Angehörigen im Land gefeiert haben. Wie Kreissprecher Alexander Wächtershäuser berichtet, ist der Landkreis deshalb in Gesprächen mit der Stadt Bad Homburg, wo möglicherweise Flüchtlinge unterkommen könnten. „Dabei sind verschiedene Gebäude thematisiert worden. Zu einer Entscheidung ist man noch nicht gekommen.“

Blauer Teppich, aber klein und schlicht: die Gästezimmer.
Blauer Teppich, aber klein und schlicht: die Gästezimmer. © ahi
Auch das Kaminzimmer, in dem Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn gern saß, ist ausgeräumt.
Auch das Kaminzimmer, in dem Ex-Bahnchef Hartmut Mehdorn gern saß, ist ausgeräumt. © ahi

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