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Im Oberurseler Rathaus wurde gestern den Opfern der Novemberpogrome gedacht.

Opfer der Novemberpogrome

Landrat Krebs will die Erinnerung wach halten

Auch im Taunus wurden im November 1938 Synagogen niedergebrannt, Wohn- und Geschäftsgebäude zerstört, jüdische Mitbürger misshandelt und verhaftet. Auf einer Gedenkveranstaltung in Oberursel wurde gestern an diese dunkle Stunde unserer Geschichte erinnert.

Still ist es im Hause Rothschild am Vormittag des 10. November 1938. Während die Eltern sich kurz hingelegt haben, sitzt Tochter Marianne konzentriert vor ihren Büchern. Laute Geräusche dringen von der Straße, die 19-Jährige wendet ihren Blick durchs Fenster und sieht mit Äxten und Schlagstöcken bewaffnete Männer. Gewaltsam verschafft sich die Gruppe Zutritt zum Wohnhaus der angesehenen Bad Homburger Bankiersfamilie, durchstreift einen Raum nach dem anderen und schlägt alles kurz und klein.

Mehrfach stockt und bricht die Stimme von Madeleine Gerrish, als sie die Lebenserinnerungen ihrer mittlerweile 99-jährigen Mutter Marianne Schwab, geborene Rothschild, verliest. Der Bruder und die Eltern überleben den NS-Terror nicht, werden im Konzentrationslager umgebracht. Stille erfüllt den bis zum letzten Platz belegten Sitzungssaal des Oberurseler Rathauses. Das Publikum ist sichtlich bewegt vom Vortrag, den die Chicagoerin im Rahmen der gestrigen Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Novemberpogrome hält.

Auch im Taunus seien grölende Horden durch die Städte gezogen und hätten Synagogen, Wohnhäuser und Geschäfte zerstört, erklärt Angelika Rieber, Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ), welche die Gedenkveranstaltung gemeinsam mit dem Hochtaunuskreis organisiert. In ihrem Vortrag beschäftigt sich Rieber auch mit den antijüdischen Hetzkampagnen der NS-Presse. „Der Blick auf die NS-Manipulationsstrategien lehrt uns, alle Meldungen kritisch zu hinterfragen“, mahnt die GCJZ-Vorsitzende.

„Was damals auch in unserem Kreis geschah, erfüllt uns mit großer Scham und Trauer“, sagt Oberursels Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD). Für Landrat Ulrich Krebs (CDU) sind die Ereignisse von 1938 eine bleibende Mahnung. Es sei wichtig, „die Erinnerung an diese dunkle Stunde unserer Geschichte wach zu halten“, so Krebs. Engagierte Schüler

Neben den verschiedenen Grußworten und Ansprachen gibt es im Rathaus einen „Markt der Möglichkeiten“ und ein kulturelles Programm. An mehreren Ständen präsentieren sich GCJZ, die Initiative Opferdenkmal Oberursel und die verschiedenen Stolperstein-Initiativen des Hochtaunuskreises. Ebenso zeigen Stellwände Projektarbeiten aus der Oberurseler Erich-Kästner-Schule und dem Homburger Kaiserin-Friedrich-Gymnasium (KFG). Schülerinnen und Schüler des KFG und des Königsteiner Taunusgymnasiums spielen klassische Werke, und Josephine Jäger (12), Liliane Seipel (13) sowie Emma Volkwein (12) lesen Auszüge aus dem Buch „Kultur macht stark – Jeder ist anders, und das ist gut so“. Das Buch haben die drei gemeinsam mit 17 weiteren Kindern und Jugendlichen unter Anleitung der Usingerin Ursula Flacke im Rahmen einer Schreibwerkstatt verwirklicht. „Dabei haben wir uns intensiv mit Verfolgung und Vertreibung der jüdischen Mitbürger in Usingen beschäftigt“, erklärt Flacke.

Abgeschlossen wird die Gedenkveranstaltung mit einem Gang zum Oberurseler Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus an der Hospitalkirche, wo Schülerin Marlene Winkler ein selbst geschriebenes Gebet verliest: „Man hat Ihnen das Leben genommen? Ja, die Meinen haben es getan. Soll ich dies vergessen? Nein, denn die Meinen haben es getan.“

Florian Neuroth

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