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Lust an jedem Satz des brennenden Geheimnisses

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Von: Anke Hillebrecht

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Iris Berben im Kurtheater: Die Hände lesen mit.
Iris Berben im Kurtheater: Die Hände lesen mit. © fpp

Iris Berben begibt sich mit Stefan Zweigs Novelle ins Seelenleben eines Kindes

Bad Homburg -Drei Schritte aus dem Off über die Bühne, ein lächelnder Blick - und schon hat Iris Berben ihr Publikum in den Bann gezogen. Ihr wohlwollendes, muss man sagen, denn ringsum ist schon ein wenig Personenkult zu spüren. Brillen werden aufgesetzt (Masken eher weniger), die Schauspielerin trägt einen Anzug in einem frischen Violett, das später zu jedem der wechselfarbigen Hintergründe passen wird. Das lange braune Haar fällt ihr in gefälligen Wellen über die Schulter, leichter Lippenstift. Stürmischer Begrüßungsapplaus. "Wir haben doch noch gar nichts gemacht", sagt Berben und deutet auf die fünf Streicher vom HR-Sinfonieorchester.

Nun setzt sich die Filmdiva, die vor wenigen Tagen noch im rosa Plisseekleid über den roten Teppich von Cannes geschwebt ist, im Kurtheater an den Lesetisch. Sie bittet darum, nicht nach jeder Lesephase zu klatschen, sondern umso mehr am Ende. Auch dies erntet einen kleinen Beifall.

In den folgenden zwei Dreiviertelstunden (mit Pause) wird Berben die nur unmerklich gekürzte Novelle "Brennendes Geheimnis" von Stefan Zweig lesen - "ein Psychothriller der besonderen Art", wie der Künstlerische Leiter des Poesie- und Literaturfestivals, Bernd Hoffmann, angekündigt hatte. In der Tat: Es geht um böse Träume, eine heimliche Verfolgung im dunklen Wald, sich im Sturm knarzend wiegende Föhren, und Blut fließt später auch.

Bis es dazu kommt, muss aber erst noch eine Romanze erzählt werden. Wie ein junger Baron mit der Eisenbahn in den österreichischen Luftkurort kommt, in der Hotelhalle herumstreift, dann eine schöne, vermutlich um einiges ältere Frau mit ihrem zwölfjährigen Sohn erblickt, das trägt die Schauspielerin vor - mit Lust an jedem einzelnen Satz in 100 Jahre altem Deutsch.

Nimmt sie die Perspektive des Barons ein, wird ihre Stimme kernig; spricht sie die Gedanken des Buben aus, weich. Um die schöne Mutter kennenzulernen, freundet sich der Mann zunächst mit dem Zwölfjährigen an. Schön ist die Welt . . . Die Streicher setzen ein mit dem Donauwalzer von Johann Strauß in selten gehörter Leichtigkeit. Auch Iris Berben wiegt sich leicht im Takt.

Schon die "dunkel herumjagenden Augen" des Jungen deuten an, dass hier auch Ungewolltes in Bewegung kommt. Bald kommen die Erwachsenen ins Gespräch, der Baron prahlt mit einer Elefantenjagd, doch genau da wird der Bub ins Bett geschickt. Er träumt schlecht. Dramatisch das nächste Musikstück, "Scherzo" aus Schuberts Streichquintett, die Streicher geben alles.

Wer hier wirklich gejagt wird, versteht der Junge freilich noch nicht. Am nächsten Tag hat sich die Mutter die Lippen angemalt, der neue Freund beachtet das Kind plötzlich nicht mehr. Zwischen der Mama und dem Eroberer hat's gefunkt, doch keiner macht sich die Mühe, es dem Knaben zu erklären. Der braut sich seine Gedanken zusammen, fühlt sich (zu Recht) verraten, wird bockig. Traurige Klänge, Rachmaninows "Vocalise". Ende einer Kindheit.

Wie der Bub die beiden frisch Verliebten heimlich verfolgt, welche Wahrheit aus seinen Worten spricht, als er die Mutter warnt, und wie der Vater noch ins Spiel kommt, das liest Iris Berben nicht nur, sondern sie spielt es. Beide Arme lesen mit. Musikalisch geht es mit Schönberg und Mahler weg von der Romantik.

In der Pause ist die anmutige Schauspielerin Gesprächsthema. Wie alt ist die Berben nochmal? In der Google-Suche ist diese Frage ganz oben - zurecht, denn das Ergebnis (71) ist verblüffend. Die Herren Veranstalter hat sie längst erobert: Die überreichen ihr am Ende einen Blumenstrauß.

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