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Mendl liest den Text nicht - er zelebriert ihn

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Von: Julian Dorn

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Michael Mendel
Michael Mendel © nn

Als säße man mit den Buddenbrooks unterm Weihnachtsbaum: Schauspieler Michael Mendl begeistert mit Lausbuben-Charme und lässt Literatur zum Kino im Kopf werden.

Bad Homburg -Der Zuhörer spürt „die unaussprechlich stumme und zitternde Erregung“ des kleinen Hanno Buddenbrook, als er in seinem Bett aufwacht, auf der Decke knisterndes Flittergold, vom Vater verstreut, aber das weiß der Spross der Lübecker Patrizierfamilie nicht. Das Publikum sieht ihn vor sich, wie er den glänzenden Staub entdeckt und weiß: Etwas Großes bahnt sich an.

Wie ein Märchen fängt es also an, das Weihnachtsfest der Buddenbrooks, das Thomas Mann so sprachgewaltig in seinem Epos beschreibt, das er im Alter von 22 Jahren begann, mit 25 Jahren 1901 beendete und für das er 1929 sogar den Literaturnobelpreis erhielt.

Mehr Kammerspiel als Lesung

Ein Mann in schwarzem Anzug und weißer Krawatte, mit graumeliertem Haar und Brille, der in der St.Marienkirche vor dem mit Kerzen illuminierten Altar sitzt, haucht diesen mehr als Hundert Jahre alten Sätzen, dem kleinen Hanno, der Weihnachten so entgegenfiebert, Leben ein. Doch einhauchen trifft es nicht ganz. Schauspieler Michael Mendl, Jahrgang 1944, entfesselt einen Sprachsturm, der Manns Wortgewalt in nichts nachsteht. Er liest den Text beim 13. Poesie- und Literaturfestival nicht einfach. Er zelebriert ihn. Mendl macht mit seiner dynamischen Stimme, seiner Gestik und Mimik die Wörter zu Filmsequenzen vor dem geistigen Auge.

Die Zuschauer im fast bis auf den letzten Platz besetzten Kirchenschiff schwelgen mit Mendl in der Buddenbrookschen Pracht, die Mann in äußerst kunstvollen Satzgirlanden ausbreitet. Er beschreibt den Heiligen Abend des Jahres 1870 so detailverliebt, dass jeder sein Wohnzimmer nach Manns Vorgaben dekorieren könnte. Der Zuhörer sieht ihn vor sich, den imposanten Tannenbaum mit Silberflittern und großen weißen Lilien, an der Spitze der schimmernde Engel, am Fuß die Krippe. Als säße man mit den Buddenbrooks in deren Landschaftszimmer.

Mendl, der Charakterdarsteller durch und durch, macht die Lesung zu einem intensiven Kammerspiel - und der glockenhelle, erhabene A-Capella-Gesang des ihn begleitenden 20-köpfigen Frauenchors der „pfälzischen Kurrende“ aus Bad Neustadt an der Weinstraße zu einem musikalischen Genuss.

Immer wieder gestikuliert Mendl wild, reißt die Arme nach oben, bläht die Wangen auf - und katapultiert einen in das Lübeck des ausgehenden 19.Jahrhunderts, ins Leben der Kaufmannsfamilie Buddenbrook, das eigentlich das Leben der Familie Mann ist. Im Wesentlichen spiegelt das in elf Teilen erschienene Werk, das als erster deutscher Gesellschaftsroman gilt, die Biografie des Autors wider, der selbst in einer Kaufmannsfamilie aufwuchs. Thomas Manns jüngste Tochter Elisabeth erzählte 2001 in einer Fernseh-Doku, es sei tatsächlich genau so zugegangen im Hause Mann, vom „Stille Nacht“ singenden Chor bis zum Vortrag aus dem Lukas-Evangelium. Die Kinder sollten staunen wie der kleine Hanno, die Erwachsenen hatten ihre festen Rollen.

Eine Choreographie, wie sie im Buche steht: „Singend, geblendet und dem altvertrauten Raum ganz entfremdet umschritt man einmal den Saal, defilierte an der Krippe vorbei, in der ein wächsernes Jesuskind das Kreuzeszeichen zu machen schien, und blieb dann, nachdem man Blick für die einzelnen Gegenstände bekommen hatte, verstummend an seinem Platze stehen.“ Solche atemberaubenden Schachtelsätze bringen Mendl nicht aus der Puste, virtuos bezwingt er einen schier endlosen Satz nach dem anderen.

Und wie er dann dort vorn am Tisch sitzt und keck über die Brille ins Publikum blickt, als würde er seinen Worten wehmütig nachschauen, die im Halbdunkel des Kirchenschiffs verschwinden. Und wie schelmisch er grinst, wenn er die für Manns Werk typische Ironie vermittelt: Als säße da nicht ein 78 Jahre alter, gestandener Schauspieler, der schon Willy Brandt und den Papst verkörperte, sondern der kleine Hanno, der sich fragt, ob er das so sehnlichst gewünschte Papiertheater auch bekommt. Und dank Mendl fiebert der Zuhörer mit Hanno der Bescherung entgegen.

Mendl, der 2013 zuletzt beim Festival gelesen hat, versprüht einen jugendlichen Charme, er hat gar etwas Lausbubenhaftes an sich - und das kommt an. Immer wieder bringt der das Publikum zum Lachen.

Ein 79 Jahre alter Teenager

Doch es ist nicht nur Mendl, der Manns Beschreibungen so greifbar macht. Es sind auch die Krisen, die der 1875 in Lübeck geborene Autor bei allem Glanz und Gloria nicht ausspart und die wohl jeder beim Weihnachtsfest in der Familie kennt. Krisen, die auch die unter Plumcakes und Weingelee sich biegenden Tische nicht kaschieren können: Onkel Christian kommt zu spät und geht zu früh, der Chor singt schief und Hanno verdirbt sich den Magen, so dass er nachts wachliegt. O Pannenbaum, O Pannenbaum. Die vielbeschworene „inbrünstige Fröhlichkeit“ währt also nicht lange bei den Buddenbrooks, es ist der Glanz im Untergang. Der Verfall kündigt sich an; nach dem auf Perfektion getrimmten Weihnachtsfest folgen bekanntermaßen Betriebspleiten und Spekulationsverluste, die in Nervenleiden, Infarkt und Tod münden.

Das Glück ist vergänglich, das lehren uns Manns Zeilen und diese Tage ganz besonders. Vielleicht ist das ja auch die Lehre des Kapitels, dieser Urszene der bürgerlichen Weihnacht: Seid dankbar für die Zeit mit der Familie, genießt das Zusammensein. Es geht nicht um Perfektion, das sei ohnehin die Wurzel allen Weihnachtsübels, so Mendl am Ende. „Warum gibt es Streit an Weihnachten? Weil man alles erzwingen will.“ Und er hat noch eine Anleitung, wie das Fest am Ende gelingen kann. Aber natürlich, fügt er augenzwinkernd hinzu, ohne auf das Publikum „therapeutisch einwirken“ zu wollen. Sein Rat: „Zuhören, nachdenken, handeln.“ In dieser Reihenfolge. „Viel zu oft ist es, gerade an Weihnachten, umgekehrt.“ Und da ist es wieder: dieses schelmische Lausbub-Grinsen.

Vom „Tatort“ zur Oscarnominierung

Michael Mendl kommt am 20. April 1944 in Lünen in Westfalen als Michael Sandrock zur Welt, und zwar als außerehelicher Sohn eines katholischen Priesters und der Studentin Martha Sandrock. 1965 absolvierte er in Mannheim das Abitur. Zuvor hatte er bereits zum ersten Mal auf einer Theaterbühne gestanden - als Statist am lokalen Nationaltheater. Dann verschlug es ihn nach Wien, wo er Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte studierte, später aber dann zum Schauspiel wechselte. Mendl absolvierte 1969 die Prüfung an der Folkwang-Hochschule in Essen. Danach spielte er etwa in dem Oscar-nominierten Drama „Der Untergang“ (2004). Seit 2017 ist er in der Rolle des Bernd Doppler in „Dark“ auf Netflix zu sehen. Mendl lebt heute in Berlin. Er hat drei Kinder.

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