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Pflegerin mit Atemschutzmaske auf der Corona-Intensivstation - so sieht es derzeit in vielen Krankenhäusern aus.

Interview mit Pneumologe zu Covid-19

Warum Corona gerade für Männer so gefährlich ist

  • Anke Hillebrecht
    vonAnke Hillebrecht
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Dr. Benjamin Löh, Chefarzt der Pneumologie der Hochtaunus-Kliniken, erklärt die aktuelle Corona-Lage.

Hochtaunus - Die jüngsten Corona-Zahlen machen vielen Angst. Wo kann man sich noch hintrauen? Was erwartet einen, wenn man sich doch angesteckt hat? Wie sieht für Menschen aus dem Taunus die Therapie aus? Fragen wie diese kann vermutlich niemand in unserem Landkreis so gut beantworten wie Dr. Benjamin Löh (39), Chefarzt der Pneumologie an den Hochtaunus-Kliniken. Im Interview mit TZ-Redakeurin Anke Hillebrecht erklärt er auch, warum Männer besonders gefährdet sind.

Wann werden sich die Menschen im Taunus gegen Covid-19 impfen lassen können?
Aktuell befinden sich drei Impfstoffkandidaten bei der europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) im Zulassungsverfahren. Dabei handelt es sich um eine sogenannte rollierende Begutachtung, das heißt, die bisherigen vorläufigen Studienergebnisse werden bereits geprüft. Die entscheidenden Ergebnisse der jeweiligen Phase-3-Studien stehen aber noch aus. Erst hiermit wird die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe bei einer größeren Anzahl an Probanden beurteilt, und die endgültige Zulassung kann dann hoffentlich rasch erfolgen. Mit etwas Glück können so die ersten Impfdosen zum Ende des Jahres verabreicht werden.
Wird der Impfstoff für alle Bürger ausreichen?
Zunächst wird die Impfung wahrscheinlich den medizinischen Berufen und anderen Risikogruppen angeboten. Eine flächendeckende Impfung wird wohl erst Mitte des nächsten Jahres möglich sein.
In welchem Alter sind die meisten Ihrer Corona-Patienten derzeit?
Für die stationär behandelten Patienten liegt der Altersdurchschnitt bei etwa 75 Jahren. Nach unserer Erfahrung trifft gerade in dieser Altersgruppe ein erhöhtes Risikoprofil für einen schwereren Verlauf auf einen gleichzeitig aktiven Lebensstil mit vielen Sozialkontakten. Dies erklärt wahrscheinlich die Häufigkeit gerade in dieser Altersgruppe. Für die ambulanten Fälle haben wir über das Jahr hinweg ein Auf und Ab gesehen. Zuletzt sind wieder mehr jüngere Personen betroffen.
Sind mehr Männer darunter? Woran liegt das?
Ja, Männer sind gerade unter den schwereren Erkrankungen deutlich häufiger. Durchaus nahe liegt die Idee, dass es am Rezeptor liegt, den das Virus zum Eintritt in die Zellen des Körpers nutzt. Das entsprechende Gen für ACE-2 liegt auf dem X-Chromosom, von dem Männer ja nur ein Exemplar besitzen. Hier steht eine definitive Erklärung aber noch aus.
Erklären Sie doch bitte einmal kurz, was das Coronavirus mit unserer Lunge anstellt.
Das Virus befällt typischerweise zunächst die oberen Atemwege. Im Verlauf kann das Virus aber die Oberflächenzellen auch der Lunge befallen. Dies geschieht über den Rezeptor ACE-2. Die Erkältungs-Coronaviren, die wir schon seit Jahrzehnten kennen, nutzen im Unterschied zu Sars-Cov-2 andere Rezeptoren und können so die Lunge nicht infizieren.
Und warum ist das Coronavirus so gefährlich?
Etwas vereinfacht gibt es zwei Mechanismen für einen Lungenschaden. Zum einen wird durch den Untergang von Oberflächenzellen die Integrität der Lungenbläschen direkt geschädigt. Damit fehlen sie oder sind defekt für den Gasaustausch. Sauerstoff kann so nicht mehr gut von der Luftseite auf die Blutseite der Lungenbläschen wandern. Der zweite Mechanismus ist die Reaktion des Immunsystems. Eindringende Entzündungszellen und fehlgerichtete Reparaturvorgänge verstärken den Schaden an der Lungenstruktur.
Das klingt ja schon kompliziert. Wie informiert sind Ihre Patienten über die Krankheit?
Patienten und Angehörige wissen bereits viel über Covid-19 und stellen Fragen über differenzierte intensivmedizinische Therapien, die im letzten Jahr nur unter Fachleuten diskutiert wurden. Angesichts der großen Spannbreite zwischen zum Glück vielen mild bis moderat Betroffenen und wenigen sehr schweren Fällen ist eine seriöse Information wichtig, um sich nicht auf ein Extrem der Erkrankung allein zu fokussieren.
Was ist anders heute im Vergleich zum März, was die Situation für Corona-Patienten im Taunus betrifft?
Wir sind definitiv aktuell besser auf die Versorgung von Corona-Patienten vorbereitet, allein durch die gesammelte Erfahrung, Studienergebnisse und die Strukturen zur Zusammenarbeit zwischen den Krankenhäusern.
Wie sieht die derzeitige Therapie aus?
Die Beatmungstherapie wird aktuell deutlich differenzierter durchgeführt. So wird beispielsweise auch die nicht-invasive Beatmung über eine Beatmungsmaske unter speziellen Sicherheitsvorkehrungen mittlerweile eingesetzt. Regelmäßig werden zwei Medikamente für Covid-19 eingesetzt: Remdesivir und Dexamethason. Remdesivir ist ein Virostatikum, das den Verlauf der Erkrankung verkürzen kann. In zwei kürzlichen Studien war der Therapieeffekt insgesamt aber bescheiden. Dexamethason ist ein Kortisonpräparat, mit dem man die überschießende Reaktion des Immunsystems dämpfen kann. Es ist insbesondere schweren Verläufen vorbehalten.
Remdesivir hat doch auch Donald Trump erhalten?
Stimmt: Bei dem amerikanischen Präsidenten wurden Remdesivir, Dexamethason und ein Antikörpercocktail kombiniert. Die ersten zwei Komponenten zusammen sind vereinzelt in der britischen Dexamethason-Studie gegeben worden, aber nicht in einer Frequenz, dass man hiervon was ableiten kann. Erst recht nicht diese Dreier-Kombination. Hier dürfte Trump der weltweit einzige Patient sein.
Zurück in den Taunus: Raten Sie zur Pneumokokken-Impfung?
Ab 60 Jahren sollte man sich gegen Pneumokokken, den wichtigsten Erregern der bakteriellen Lungenentzündung impfen lassen. Für die saisonale Virusgrippe, die Influenza, gibt es hier einen zusätzlichen Schutz, da beide Infektionen auch kombiniert auftreten können. Für Covid-19 hat man einen solchen Zusammenhang noch nicht festgestellt.
Und ist auch eine Grippe-Impfung sinnvoll - sofern man noch eine Impfdosis bekommt?
Gegen die saisonale Grippe (Influenza) sollten sich Personen mit chronischen Erkrankungen, Schwangere und alle ab 60 Jahren impfen lassen. Wir wissen nicht, wie sich die Schutzmaßnahmen gegen Covid-19 auf den Verlauf der Grippe-Saison auswirken werden. Mit der Influenza kann bis in den März gerechnet werden. Man sollte daher bis März die Impfung nachholen, wenn man nicht zuvor den Impfstoff schon erhalten hat. Zudem gibt es auch eine gewisse kumulative Schutzwirkung, wenn man sich in den vergangenen Jahren hat impfen lassen.
Was raten Sie generell den Menschen im Taunus? Die kalte Jahreszeit steht vor der Tür ...
Nichts ist so schädlich für die Lunge wie Rauchen und ein passiver Lebensstil! Daher sollte man vor die Tür gehen, körperliche Aktivität im Freien suchen, etwa durch Radfahren oder Laufen. Problematisch bleiben leider Menschenansammlungen in kleinen und schlecht gelüfteten Räumen. Solche Zusammenkünfte sollte man unbedingt vermeiden.
Dr. Benjamin Löh, Chefarzt der Pneumologie der Hochtaunus-Kliniken.

14 Corona-Patienten in Hochtaunus-Kliniken – Inzidenz am Montag bei 101,3

14 Covid-19-Patienten werden derzeit an den Hochtaunus-Kliniken behandelt. Wie Klinik-Chefin Dr. Julia Hefty berichtet, liegen sie auf einer Isolierstation im Krankenhaus Bad Homburg, die jetzt Covid-19-Patienten vorbehalten ist. 32 Betten stehen dort zur Verfügung. Eine Person ist auf der Intensivstation. In Usingen werden keine Corona-Patienten behandelt.

Unterdessen lag die Zahl der Personen im Kreis, die sich seit März mit Corona angesteckt haben, am Montag bei 1005 (Sonntag: 979, Samstag: 949). 819 Infizierte wurden laut Kreis-Gesundheitsamt aus der häuslichen Isolation entlassen. Acht Personen sind an den Folgen von Covid-19 gestorben. Die Inzidenz (Fälle je 100 000 Einwohner, auf den Zeitraum sieben Tage gesehen) stieg gestern laut Robert-Koch-Institut (RKI) im Hochtaunuskreis auf 101,3 (Sonntag: 97,9, Samstag: 90,7).

Wegen des Infektionsgeschehens sind Aufenthalte im öffentlichen Raum nur allein, mit höchstens fünf Personen oder mit den Angehörigen des eigenen und eines weiteren Hausstandes gestattet. Genauere Informationen auf der Homepage des Hochtaunuskreis.

"Es muss uns unbedingt gelingen, die Infektionsketten schnellstmöglich zu unterbrechen", sagt der Erste Kreisbeigeordnete Thorsten Schorr (CDU), "es liegt in der persönlichen Verantwortung eines jeden Einzelnen, dieses Ziel zu erreichen." Im Kreis gebe es "breit gestreute Fälle in Schulen, Kindergärten und Pflegeheimen". Schorr wendet sich zudem gegen Kritik in sozialen Netzwerken. "Zu viele fühlen sich dazu berufen, ihr angebliches Wissen, ihre Kritik weiterzugeben." Der Kreis halte sich strikt an die Vorgaben von Land und Bund und hat ein Bürgertelefon für Fragen zum Coronavirus eingerichtet. Die Hotline ist jeden Tag - montags bis sonntags - von 8 bis 17 Uhr unter der Telefonnummer (0 61 72) 9 99-47 99 zu erreichen.

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