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Heike und Stefan Alles an der Destille in ihrer gläsernen Manufaktur im Gluckensteinweg.

Likör aus 43 Kräutern

Der „Posti“ feiert 175. Geburtstag

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Im Jahr 1843 kreierte Fritz Scheller einen „wohlschmeckenden und wohl bekömmlichen“ Magenbitter für seine Gäste, die mit der Postkutsche in Dornholzhausen Station machten. Postkutschen fahren längst keine mehr, doch der „Reichs-Post Bitter“ ist im Jahr seines 175. Geburtstages mindestens so populär wie anno dazumal.

Wenn Stefan Alles aus der 175-jährigen Geschichte des „Reichs-Post Bitter“ und der „Liqueur Fabrik Fritz Scheller Söhne“ erzählt, ist er in seinem Element. Da werden Ahnentafeln, Baupläne und uralte Werbeschilder herbeigeholt. Auch Werbeanzeigen, alte Etiketten und im Ausnahmefall sogar das „Heiligtum“, nämlich das original Rezeptbuch von Fritz Scheller, zeugen von der Historie des „Braunen“.

Es ist aber auch eine interessante Entwicklung, die vom Gasthaus Scheller in Dornholzhausen über die Fabrik in der Promenade, die Produktion in der Elisabethenstraße bis hin zur gläsernen Manufaktur im Gluckensteinweg führt. Seinen Namen und das postgelbe Postkutschen-Logo verdankt der „Posti“ der Tatsache, dass Friedrich Franz Scheller (genannt „Fritz“, Vater von 13 Kindern, darunter Sophie Opel) den aus 43 Kräutern und Gewürzen bestehenden Likör speziell zur Beruhigung und Erheiterung für die von der Postkutschenfahrt durchgerüttelten Gäste erfunden hat.

Nicht nur denen mundete der „wohlschmeckende und wohl bekömmliche Liqueur“ ausgezeichnet. Auch die Kaiserfamilie und König Edward VII. von England sollen dem wohltuenden Getränk zugeneigt gewesen sein. Der Erfolg führte dazu, dass der geschäftstüchtige und umtriebige Fritz bald 50 verschiedene Spirituosen sowie Senf und Essig produzierte. „Er war ein gewiefter und vorausschauender Geschäftsmann. Beispielsweise hat er sich sofort mit der Einführung des Markenrechts das Patent gesichert. Die Leute sind immer irritiert, wenn wir nach der Patentnummer gefragt werden und ,7‘ antworten, denn darunter wird der Reichs-Post Bitter beim Patentamt geführt“, erzählt Heike Alles eine der vielen Anekdoten, die sich um den „Posti“ ranken.

Dass die ehemalige Pyrotechnikerin und der Veranstaltungsdesigner heute Experten in der Geschichte und der Herstellung des Kräuterlikörs sind und von ihrer kleinen Manufaktur leben können, ist auch so eine Story: Bei einer Familienfeier in Oberursel stieß Stefan Alles 1996 in der Speisekarte zufällig auf den Magenbitter, von dem er noch nie gehört hatte. Seine Oma erzählte, dass sie ihn einst als junge Frau als „lose Ware“ im Fünf-Liter-Behälter beim damaligen Fabrikanten Arthur Becker in der Elisabethenstraße geholt habe. Stefan Alles wollte mehr wissen, machte sich auf die Suche und stieß auf Alfred Fackel, der die Spirituosenproduktion 1968 übernommen hatte. Fackel war Mitte der 1990er Jahre schon recht betagt, die Produktion war so gut wie eingestellt, doch „Alfredo“ belieferte noch höchst persönlich seine Stammkundschaft aus alten Beständen heraus.

Die beiden verstanden sich prächtig, und bald ging Alles bei Fackel „in die Lehre“: „Alfred hat mir alles gezeigt, wir haben uns mit ehemaligen Mitarbeitern zu Workshops getroffen, und so habe ich das Brennen erlernt. Ich produziere bis heute mit den alten Maschinen, beziehe die Rohstoffe von denselben Lieferanten, und das Rezept mit seinen 43 Ingredienzien ist so komplex, dass es garantiert genau so bleibt“, sagt der Homburger, der viel Wert auf Authentizität legt. Fackel, der befürchtet hatte, dass es nach ihm mit dem Reichs-Post Bitter zu Ende geht, war glücklich über den Nachfolger: „Er hat mir gesagt, dass er froh ist, dass ich das im Sinne der Produktion und der Geschichte weitermache“, so Alles.

Zunächst nebenberuflich nahm der Veranstaltungsdesigner in der Steinmühlstraße in Ober-Erlenbach die „Posti“-Produktion auf. „Wir waren auf unheimlich vielen Märkten unterwegs. Es war sehr anstrengend, weil es zu diesem Traditionsgetränk so viel zu erzählen gibt“, erinnert sich Heike Alles. Im Jahr 2009 gaben die beiden ihre Jobs auf und konzentrierten sich voll auf die Spirituosenproduktion und -vermarktung. Mit Erfolg: Die Beliebtheit und der Bekanntheitsgrad stiegen – auch weil das Ehepaar sich bis heute immer besondere Marketing-Maßnahmen einfallen lässt.

Dann traf es sich gut, dass ein Teil des Verkaufsgewächshauses von Stefan Alles’ Onkel in der Gärtnerei Otto am Gluckensteinweg frei wurde. Dort zog die im doppelten Wortsinne „gläserne Manufaktur“ 2012 ein, inzwischen nimmt sie die ganze ehemalige Gärtnerei ein. Herzstück des Ganzen ist die Original-Destille. Außer dem „Posti“ produzieren Heike und Stefan Alles hier einen weiteren Kräuterlikör, das „Taunus Benzin“, und den Gin, den Fritz Scheller eigens für die englischen Kurgäste kreiert hatte – alles nach Originalrezepten, versteht sich. Zudem wird eine kleine Premium-Kollektion des Reichs-Post Bitter offeriert, der in alten Eichenholzfässern reift.

Weil die beiden Quereinsteiger nicht nur viel Liebe zum Detail, sondern auch viel Sinn für Tradition haben, ist ein Besuch im Gluckensteinweg 36 wie ein Museumsbesuch, und gern unterhält sich das Ehepaar mit seinen Kunden über alte Zeiten: „Wir zeigen und erklären gerne alles, die Gäste dürfen probieren, und manch ein Besuch weitet sich ganz schön aus.“ Das Familienunternehmen arbeitet als „Small-Batch-Produktion“, produziert kleine aber feine Chargen. Die 10 000 bis 12 000 Flaschen pro Jahr seien eine gesunde Größe, mit der man zufrieden sei. „Und das meiste liefern wir persönlich zu unseren Kunden – ich muss doch wissen, dass alles gut ankommt. Außerdem lebt das Geschäft auch vom persönlichen Kontakt.“

Viel persönlichen Kontakt zu den Kunden werden die beiden auch wieder an ihrem Stand auf dem Laternenfest und beim Jubiläumsfest am 20. und 21. Oktober in der Manufaktur haben. Und für den Laternenfestumzug haben sich Heike und Stefan Alles im Jubiläumsjahr etwas ganz Besonderes ausgedacht. Mehr wird noch nicht verraten!

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