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Früher gab es vier Phasen des Lebens, heute viele, viele mehr. Welche Auswirkungen das hat und wie eine Stadt wie Bad Homburg das für sich nutzen kann, erläuterte Zukunftsforscher Tristan Horx am gestrigen Sonntag beim Jahresempfang der Aktionsgemeinschaft.

Zukunftsforschung

In der „Progressiven Provinz“

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Digitalisierung, Globalisierung, Generationenwandel – Begriffe, die Ängste schüren, setzt man sie doch mit Vereinsamung und Jobverlust gleich. Aber welche Auswirkungen haben sie tatsächlich auf unser Leben? Darüber sprach der Zukunftsforscher Tristan Horx beim Jahresempfang der Aktionsgemeinschaft. Und hinterließ, entgegen aller Erwartungen, bei den Gästen ein gutes Gefühl.

Nein, Bad Homburg als „Progressive Provinz“ zu bezeichnen, das ging dem Vorsitzenden der Aktionsgemeinschaft, Eberhard Schmidt-Gronenberg, doch gegen den Strich. Allein die Tatsache, dass der Kulturanthropologe und Zukunftsforscher Tristan Horx den Begriff in einem Vorgespräch zu seiner Rede zum Jahresempfang der Aktionsgemeinschaft in den Mund nahm, besänftigte ihn ein wenig. Tatsache war: Er hätte sich gar nicht aufregen brauchen, denn „Progressive Provinz“ zu sein, ist etwas Positives, eine Auszeichnung gar. Sie ist das Gegenstück zur anonymen Großstadt. Und sie wird, davon ist Tristan Horx überzeugt, in den nächsten Jahren eine Renaissance erleben, weil die Sehnsucht nach Heimat – „das ist nicht nur ein Ort, sondern auch ein Traditionsgefühl“ – wieder zunehmen wird.

„Ich habe Freunde“, sagt der 24-Jährige, „die eine Familie gegründet haben und die Nase voll haben von Urbanität und der Anonymität der Großstadt. Sie wollen, dass ihre Kinder dort aufwachsen, wo es echte Nachbarn gibt.“ Das sei nämlich das, was bei der Digitalisierung schiefgelaufen sei: „Man hat nicht bedacht, dass das Netz zwar Verbindungs-, aber keine Beziehungsfragen löst.“ Die Zukunft aber, die bestehe aus gelungenen Beziehungen.

Wissenschaftlicher Hintergrund: „Jeder Megatrend, wie der der Urbanität, auf der Suche nach Intensität, Individualität und Selbstverwirklichung, erzeugt auch irgendwann einen Gegentrend.“ Im Falle der Rückkehr in die „Provinz“, auf der Suche nach Persönlichem und Entschleunigung, bringen die ehemaligen Städter dann aber etwas Neues mit: Weltoffenheit. Das zusammen mit der dörflichen Lebensqualität macht dann die Besonderheit des Lebens in der „Provinz“ aus. Zum einen. Zum anderen sei es – und da seien Politik, Handel, Kultur und Gesellschaft gefragt – wichtig, dass die „Provinz“, um „progressiv“ und nicht „grantig“ zu werden, innovativ sei, sich mithin neu erfinde, an ihrer Stadt als Marke arbeite, aufhöre zu jammern. „Es braucht Menschen, die die Stadt als Marke verkaufen, lokale Visionäre, mutige Projekte und Heimkehrer. Letztere kämen automatisch – so wie Horx’ Freunde. Aber im Gegensatz zu früher, als die Träume von der ländlichen Idylle Träume blieben, werde heute die Rückkehr gelingen, weil die „Provinz“ selbstbewusst sei und Rückkehrer und Neuankömmlinge zu integrieren verstehe. Weil die nämlich auch neue Impulse mitbrächten.

Übrigens egal, wie alt sie sind. Denn das Alter ist heute nur noch eine Zahl. „Tatsächlich verjüngt sich jede Generation um 7,4 Jahre“, sagte Horx, sprach vom „Downaging“ und zeigte Bilder von 40-Jährigen in den 50er Jahren und heute. Tatsächlich wirken die heutigen 40-Jährigen jünger. Horx würde sich allerdings, wie er nach der Veranstaltung sagte, wünschen, dass die „Weisheit wieder einen größeren Stellenwert“ bekommt.

Der Zukunftsforscher machte auch Mut, Globalisierung nicht zu verteufeln, denn: „Arbeiten Sie an der ,Glokalisierung‘, bleiben Sie global verbunden, aber lokal gebunden. Was in Bad Homburg schon klappt, auch durch die Vernetzung von Stadtmarketing, Wirtschaftsförderung, Aktionsgemeinschaft und, seit Januar, der City-Managerin. Sie schien bislang das best gehütete Geheimnis der Kurstadt zu sein, soll erst im April vorgestellt werden. Gestern aber sangen sowohl Eberhard Schmidt-Gronenberg von der Aktionsgemeinschaft als auch Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) ein Loblied auf Tatjana Baric. Der 39-jährigen Frankfurterin war das beinahe ein bisschen zu viel Rummel um ihre Person. Aber, um bei Horx zu bleiben: Als „aktiver Neuankömmling“ aus der Großstadt in die „Progressive Provinz“ ist sie ein gutes Beispiel für angewandte Zukunftsforschung.

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