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Raoul Bracht verhilft Gesundheitsunternehmen durch Digitalstrategie zum durchschlagenden Erfolg

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Von: Sabine Münstermann

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Raoul Bracht stieg ins Familiengeschäft ein und verhalf dem Unternehmen mit seiner Digitalstrategie zu bundesweiter Bekanntheit.
Raoul Bracht stieg ins Familiengeschäft ein und verhalf dem Unternehmen mit seiner Digitalstrategie zu bundesweiter Bekanntheit. © sbm

Wie Liebscher & Bracht vom Familienbetrieb zum Unternehmen mit 150 Mitarbeitern wurde

Bad Homburg -Haben Sie schon einmal von Liebscher & Bracht gehört? Als Leser dieser Zeitung sicherlich, denn Dr. Petra Bracht hat hier, seit fast 20 Jahren, eine regelmäßige Kolumne. Als Bad Homburger vermutlich ebenfalls, denn das Gesundheitsunternehmen, das auf Schmerztherapie spezialisiert ist, ist seit Jahrzehnten in Bad Homburg ansässig. Tatsächlich sind Liebscher & Bracht für ihre gleichnamige Therapie aber in ganz Deutschland bekannt und auch in Österreich und der Schweiz, und zwar nicht zu knapp: Zehn Millionen Aufrufe pro Monat generiert der hauseigene Kanal auf YouTube aktuell.

Schmerztherapie via Youtube? Echt jetzt? Echt jetzt! Denn das, was so viele Unternehmen während der vergangenen zwei Pandemie-Jahre für sich neu entdecken mussten, die Digitalisierung nämlich, das hielt bei Liebscher & Bracht bereits 2015 Einzug.

Großer Berg an Aufgaben

Liebscher & Bracht begann als Familienunternehmen. Roland Liebscher und seine Frau Dr. Petra Bracht hatten eine Schmerztherapie aus Dehn- und Bewegungsübungen (Slogan: "Drücken, dehnen und rollen") entwickelt, die bis heute der Kern der Firma ist - Ärzte und Therapeuten werden in der Methode ausgebildet, Patienten in einer eigenen Praxis in Bad Homburg behandelt. Aber trotz einiger Fernsehauftritte stand der kleine Familienbetrieb mit zwei Mitarbeitern 2013 kurz vor dem Aus: Liebscher & Bracht war beinahe unbekannt, Praxis und Ausbildungsplätze blieben leer.

Und dann trat Raoul Bracht, Sohn des Ehepaars, auf den Plan. Zu jenem Zeitpunkt machte er gerade im Rahmen seines BWL-Studiums ein Praktikum in Wien. "Aber hier ging es um das Lebenswerk meiner Eltern und vor allem darum, Schmerzgeplagten zu helfen, also packte ich meine Sachen, ging zurück nach Bad Homburg - den Kopf natürlich voller Pläne und Ideen, wie ich die Therapie meiner Eltern bekanntmachen könnte."

Und dann sei es ihm zunächst ergangen, wie es wohl einigen Unternehmern am Anfang geht, "zunächst verfiel ich in eine Art Lethargie, weil der Berg an Aufgaben, den wir erklimmen mussten, so unermesslich hoch schien, dass ich gar nicht wusste, wie und wo ich anfangen sollte". Einige Tage habe er am Schreibtisch gesessen und "nichts zustande gebracht". Die Schockstarre ließ nach, nachdem er sich dran gemacht hatte, sämtliche Büroschränke auszuräumen", sagt Bracht lachend.

"Zu diesem Zeitpunkt herrschte gerade ein Riesen-Hype rund um Influencer", erinnert sich Raoul Bracht. Für alle, die's nicht wissen: Als Influencer werden laut Gabler Wirtschaftslexikon Personen bezeichnet, "die aus eigenem Antrieb Inhalte (also Text, Bild, Audio, Video) zu einem Themengebiet in hoher und regelmäßiger Frequenz veröffentlichen und damit eine soziale Interaktion initiieren. Dies erfolgt über internetbasierte Kommunikationskanäle". Bracht recherchierte, welche Influencer sich im Bereich Gesundheitswesen tummelten und formulierte dann individuelle E-Mails an 30 von ihnen, mit der Hoffnung, mit ihnen in Kontakt zu treten und über sie die Therapie seiner Eltern bekannter machen zu können.

"Das Ergebnis war mehr als ernüchternd", erinnert sich Bracht. "29 antworteten gar nicht, einer schrieb eine freche Absage-Mail zurück." Natürlich sei er erst einmal gefrustet gewesen, aber "rückblickend betrachtet, hätten sie mir gar keinen größeren Gefallen tun können, denn so war ich gezwungen, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen." Etwas Eigenes bedeutete: "Ich musste dafür sorgen, dass meine Eltern selbst ein Influencer wurden." Und so sei ihm die Idee mit den Auftritten auf diversen Social Media-Kanälen wie Facebook, YouTube, TikTok oder Instagram gekommen.

Gefragt ist Durchhaltevermögen

"Klar schauten mich meine Eltern zunächst fragend an, ob ich mir das auch gut überlegt hätte. Schließlich gaben und geben sie ihr Wissen kostenlos in diesen Videos weiter. Aber ich kalkulierte damit, dass Bekanntheit nicht nur Reichweite, sondern eben auch Vertrauen schafft. Und das wiederum würde irgendwann dafür sorgen, dass schmerzgeplagte Menschen sich auch persönlich an uns oder unsere zertifizierten Ärzte und Physiotherapeuten wenden oder Produkte in unserem Online-Shop kaufen würden."

Die Rechnung ging auf. "Nicht sofort, man braucht Durchhaltevermögen, anfangs klatschten wir schon in die Hände, wenn unsere Artikel auf Facebook fünf oder zehn Mal geteilt wurden. Der eigentliche Durchbruch sei mit den Übungsvideos gekommen, in denen seine Eltern ihre Schmerztherapie demonstrierten und die er kostenlos auf YouTube stellte. "Unser erstes Video, drei Übungen gegen Rückenschmerzen, wurde binnen Tagen 5000 Mal geliked und 900 Mal geteilt."

Heute ist der Youtube-Channel von Liebscher & Bracht mit über 1,5 Millionen Abonnenten der größte deutsche Medizinkanal der Plattform. Mahr als 10 000 Ärzte und Therapeuten sind in der Liebscher& Bracht-Methode ausgebildet, die Zahl der Mitarbeiter ist von zwei auf 150 gestiegen, Bücher über ihre Methode machten Roland und Petra Bracht nicht nur zu Nummer 1 Spiegel-Bestsellerautoren, sondern auch zu Deutschlands bekanntesten Schmerzexperten.

Raoul Bracht sagt rückblickend: "Es war damals ein Wagnis, aber es wird nicht das letzte gewesen sein." Als nächstes soll auf den englischsprachigen Markt expandiert werden.

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