Der Musikwissenschaftler Michael Günther entlockt auf einem Pantaleon, das Mitte des 18. Jahrhunderts in Thüringen gebaut wurde, herrliche Töne.
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Der Musikwissenschaftler Michael Günther entlockt auf einem Pantaleon, das Mitte des 18. Jahrhunderts in Thüringen gebaut wurde, herrliche Töne.

Pantaleons

Restauratorin und Musikwissenschaftler klären Herkunft eines uralten Klaviers auf

  • vonEvelyn Kreutz
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Eine bemerkenswerte Sonderausstellung im Gotischen Haus ist zu Ende. Unter dem Titel „Ein kostbahr Clavier Instrument von einem der besten Meister . . .“ waren Tasteninstrumente von 1660 bis 1820 zu sehen. Zum Abschluss gab es einen Einblick in das Innere der Instrumente Experten erklärten, wie die Tasteninstrumente restauriert werden und gaben auch gleich noch eine Hörproben, wie die historischen Instrumente klingen.

Das vielleicht älteste Tafelklavier überhaupt ist ein sogenanntes Pantaleon, das unter Vorbehalt dem „Fürstlich Hessen-Homburgischen Hof-Orgelmacher“ Johann Georg Bürgy zugeschrieben wird. Das Exemplar steht im Stadt- und Kreismuseum Dieburg, war aber für die Sonderausstellung im Gotischen Haus ausgeliehen worden. Wie das Instrument für die Nachwelt gerettet wurde, war unter anderem Gegenstand eines Vortrages zum Ende der Ausstellung.

Hätten Restauratorin Isolde Zipperer aus Darmstadt und Musikwissenschaftler Michael Günther aus Homburg am Main nicht den kunst- und kulturhistorischen Wert dieses „klavierähnlichen Objektes“ geahnt, es wäre mit großer Wahrscheinlichkeit auf dem Sperrmüll gelandet. Als sich die beiden Experten das total verwahrloste Instrument zum ersten Mal anschauten, ließ nur die Bauart auf die Entstehung im ausgehenden 18. Jahrhundert schließen. „Es war in einem katastrophalen Zustand, der Hohlraum unter dem Resonanzboden war mit Blättern, Baumsamen sowie Mäusekot gefüllt und von Schimmelpilz befallen“, berichtete die Restauratorin und sagte: „Die Freude über die Entdeckung wurde überschattet von dem Entsetzen über den Zustand.“

Für Zipperer war von Anfang klar, dass man dieses Instrument, das auf einem Gestell mit fünf Beinen und exotischen Drechselarbeiten befestigt war, erhalten kann und erhalten muss. Nach der Reinigung stabilisierte die Restauratorin das Gesamtgebilde, verleimte die einzelnen Teile und dokumentierte dabei jeden einzelnen Schritt.

Die Klaviatur bestand aus Untertasten mit Buchsbaumbelag, mit Beinbelag ebonisierten Obertasten und Stirnfronten aus weißem Leder mit gestanztem Ornament und hinterlegtem roten Textil. Unter der Klaviatur war die Verwendung der frühen einfachen Stoßmechanik mit Hämmerchen erkennbar. „Wenn die Taste vorne gedrückt wird, geht sie hinten hoch“, erläuterte Zipperer das Prinzip.

Die Prellzungenmechanik

, die diese Technik verbesserte, wurde erst 1777 in Augsburg erfunden, aber hier schon verwendet.

Ob die vorgefundene Prägung 1779 überhaupt das Herstellungsdatum ist, sollte erst noch herausgefunden werden. Die Zusammensetzung der roten Lackierung im ostasiatischen Stil entsprach denen, wie sie vor 240 Jahren verwendet wurden und konnte nachgemischt werden. Den letzten Jahresring des Holzes datierte das Holztechnologische Institut in Hamburg auf das Jahr 1776. „Nach einer angemessenen Trockenzeit ist die Verarbeitung 1778 oder 1779 durchaus realistisch“, schloss Zipperer daraus.

Doch wieso glaubt man, dass Johann Georg Bürgy der Klavierbauer war? Die Aufklärung dieser Frage wurde zur Puzzlearbeit. Denn eine Signatur gab es auf dem Instrument nicht. Aber der Musikwissenschaftler wusste, dass bis 1810 größere Instrumente nicht im weiten Umkreis gehandelt wurden, denn der unbeschadete Transport der wertvollen Stücke waren ein großes Problem. „Meist wurde nur der heimische Markt bedient.“ Für den Musikwissenschaftler Günther sprechen mehrere Gründe dafür, dass das Instrument, das zur Silvesterfeier im Dieburger Schloss gespielt wurde, von Bürgy stammt. Bürgy war ein Zugewanderter und hat wahrscheinlich die Prellzungentechnik aus dem Süden mitgebracht. Vergleichsinstrumente aus der Werkstatt des renommierten schweizerisch-deutscher Orgelbauers zeigen die gleichen, eher bei sakralen Orgeln verwendet Tastenfronten.

Schließlich stellte Günther noch einen Bezug zu den musikalischen Vorlieben der damaligen Gesellschaft her. So konnte er über eine ominöse Silvesterfeier des Jahres 1779 mit illustren Gästen im Dieburger Schloss berichten. Auch das spreche für Bürgy als Klavierbauer.

Über die Restaurierung weiterer Instrumente berichteten zudem noch Jan Großbach aus Frankfurt und Werner Fuchs aus Salzburg. Wie die frühen Tasteninstrumente geklungen haben, zeigte Günther, der von Barock bis Mozart dafür die passende Literatur ausgesucht hatte.

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