+
Saalburg-Direktor Carsten Amrhein mit Legionären am Lagerfeuer, wie es vor 1800 Jahren ausgesehen hätte. Nur seine Kleidung ist ungewöhnlich.

Sonderausstellung

Römisches Leben als Selfie-Motiv

  • schließen

Blutrot tropft beim römischen Gelage der Wein über den Bildrand. Drunterlegen, Mund auf – auf einem Handyfoto sieht das wie echt aus. Bei der neuen Sonderausstellung „Rom lebt – und wir mittendrin!“ in der Fabrica bieten sich diverse Fotomotive mit antiken, mitunter lustigen Alltagsszenen an. Im Mittelpunkt stehen die Besucher selbst.

Der freundlich grüßende Antoninus Pius ist der meistfotografierte aller römischen Kaiser auf der Saalburg. Kaum ein Besucher, der sich nicht selbst vor dem Eingang des Römerkastells ablichtet. Drinnen geht das so weiter, hat Saalburg-Direktor Dr. Carsten Amrhein beobachtet. Diesem „geänderten Besucherverhalten“ begegnet das Museum bis zum 28. Oktober mit der Ausstellung „Rom lebt – und wir mittendrin!“

19 verschiedene 3-D-Gemälde erzählen Szenen aus dem römischen Alltag. Auch wenn die realen Fundstücke auf der Saalburg teils atemberaubend gut erhalten sind, braucht es doch Fantasie, um sich das Leben der Römer vor rund 1800 Jahren im Vicus (Dorf) vor der Saalburg oder in Rom vorzustellen. Mit den Gemälden ist man gleich mittendrin: in der Arena, wo ein Tiger seine Zähne fletscht, auf der Galeere oder in den Thermen.

Die Bilder sind so gestaltet, dass die Besucher selbst Teil des Bildes werden. Neben dem eigentlichen Motiv gibt es viel Weißraum; dort kann der Betrachter sich hinstellen und so tun, als zöge er an der Kette, die den Tiger bändigt. Ein zweiter Besucher knipst die Szene mit dem Handy oder Tablet – und dank der Beleuchtung wirkt es, als fletsche der Tiger vor dem Gemälde seine Zähne und der Tierbändiger sei Teil der Szene. Verblüffend.

Die Idee zu den „Trictures“ (ein Wortspiel aus Trick und picture = Engl.: Bild) hatten der Marketingmann Karsten Stingl und die Kulturanthropologin Maren Allmers – beide sind in einer Königsteiner Agentur tätig. Ein Jahr lang geht ein solches Bild durch viele Hände, bis es fertig ist. Zunächst fertigt die Agentur eine Grafik an. „Dabei ist uns wichtig, dass historisch alles stimmt“, erklärt Stingl. Beim Bild eines Marktstandes etwa hätte er gern rote Akzente gehabt, Tomaten oder Paprika – „aber die hatten die Römer damals noch nicht“. Da die Schau gemeinsam mit der Saalburg entwickelt wurde, konnten die Historiker helfen. Nun baumeln Rebhühner und Schinken im Bild.

Zwei Gruppen „künstlerischer Handwerker“ in Bayern und Shenzhen bei Hongkong setzen die Bilder nach genauen Vorgaben aus Königstein mit Acrylfarbe um. Beim Malen von Tieren setzt man auf die Chinesen; die Bayern seien indes bei Landschaften unschlagbar, so Stingl. Abschließend kommt ein Lack drauf, denn Anfassen ist im Museum sogar erwünscht. „Wir wollen zeigen, dass eine Ausstellung nicht ,unberührbar’ heißen muss“, erklärt Stingl.

Bei dem Angebot habe man „dankbar zugebissen“, erklärt Amrhein. Denn die Saalburg als Besuchermagnet ist kein Selbstläufer: Regnet es viel, bleiben die Besucher weg. Zum Konzept dazu gehören ja die Originale, die sich jeweils in den Bildern wiederfinden: die römische Zahnzange aus dem 3. Jahrhundert nach Christus etwa, die Archäologen auf der Saalburgkuppe aus der Erde gezogen haben, einen erstaunlich benutzbar wirkenden Grillrost aus derselben Epoche, gefunden im Rheingau, oder den Terra-Sigillata-Krug vom Kleinen Feldberg. Diese Originale ruhen in einer Vitrine nebenan und machen das Ganze authentisch.

Apropos Grillrost: Wer mag, kann die Schuhe ausziehen und sich in eine Ecke zu Legionären ans Lagerfeuer setzen. Während bei der Illusionsmalerei sonst mit Schatten und Fluchtpunktperspektiven gearbeitet wird, ist man hier von gleich drei Seiten (inklusive Fußboden) vom Motiv – Flammen und nächtlichem Taunuswald – umgeben.

Lustig wird’s auf der Latrine, wo man sich dazusetzen oder den Xylospongium (antike Klobürste; Papier gab’s nicht) schwingen kann; makaber beim Zahnschmied, wo besagte Zange zum Einsatz kommt. Karies war bei den Römern weit verbreitet, erfährt man im Beitext. Aua.

Saalburg lädt zu Gewinnspiel

Man kann nicht nur Selfies machen, man soll es auch: Die Saalburg ruft zu einem Gewinnspiel auf. Seine originellsten Motive mailt man bis 30. September an presse@saalburgmuseum.de. Zu gewinnen gibt’s Karten für Kochkurse, Schlemmerabende oder einen Kindergeburtstag im Kastell.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare