Demonstrierende am Montagabend, 10. Januar, in der Dietigheimer Straße.
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Demonstrierende am Montagabend, 10. Januar, in der Dietigheimer Straße.

Impf-Kritiker in Bad Homburg

Rund 300 Demonstranten ziehen durch die Innenstadt

  • VonFlorian Neuroth
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Abendlicher Protestzug mit Impfgegnern bleibt weitgehend friedlich

Bad Homburg -Es ist ein lautstarker Demonstrationszug, der die Kaiser-Friedrich-Promenade entlangkommt. "Alle zusammen für die Freiheit, für unsere Kinder" und "Schließt euch an" rufen rund 300 Personen. Dazwischen ertönt Musik aus einer tragbaren Box - "What's going on" von Marvin Gaye und John Lennons Klassiker "Imagine" - und immer derselbe Text: "Hallo, liebe Mitmenschen. Alle, die bei den regelmäßig angebotenen Impfungen auch künftig selbstbestimmt entscheiden wollen, sind herzlich eingeladen sich uns anzuschließen." Darum geht es dem Trupp.

Wie in anderen Städten auch, haben sich in Bad Homburg am Montagabend jene versammelt, die Corona-Maßnahmen und Impfstoff ablehnen. Im Rahmen einer als öffentliche Versammlung in Form eines "Abend-Spaziergangs" angemeldeten Veranstaltung zieht die Gruppe quer durch die Stadt. Organisiert wird der "Spaziergang" von einer regional vernetzten Gruppe von Gegnern der Corona-Politik, die regelmäßig Proteste in Frankfurt und Umgebung veranstalten. In Bad Homburg sind die Corona-Protestler das 12. Mal am Start, gehen stets am Montag und mittlerweile auch am Donnerstag auf die Straße. "30 Personen gehören zum engeren Kreis", erklärt eine Organisatorin. Größtenteils handele es sich um mittelständische Unternehmer, die ob der Pandemie-Bestimmungen in ihrer Existenz bedroht seien. "Das ist allerdings nicht der Grund dafür, dass wir hier sind", meint sie. Vielmehr gehe es darum, auf das angeblich "größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte" aufmerksam zu machen. Die Corona-Vakzine - jene meint die 63-Jährige - seien nämlich "keine Impfung, sondern eine Genspritze", ist sie überzeugt.

Von einem größeren Aufgebot von Landes- und Stadtpolizei begleitet, geht es vom Startpunkt am Rathaus ausgehend über Kaiser-Friedrich-Promenade, Dietigheimer Straße, Hessenring und Schöne Aussicht durch die Stadt. Glücklicherweise bleibt die Demonstration relativ friedlich. Ein 22 Jahre alter Mann leistet jedoch bei der Identitätsfeststellung Widerstand gegen Polizeibeamte. Verletzt wird dabei niemand. Gegen den Mann wird nun ermittelt.

Grundsätzlich halten sich fast alle Teilnehmer an die Pflicht zum Tragen eines Mund- und Nasenschutzes. "Wir sind ein Protest der bürgerlichen Mitte. Jede Form der Gewalt ist fehl am Platz. Nazis und deren Sympathisanten haben hier nichts verloren", stellen die Organisatoren klar. "Wenn Neonazis mitlaufen würden, wären wir längst weg", betonen zwei Herren im Rentenalter. "Mir geht es im Wesentlichen um die generelle Impfpflicht, das mache ich nicht mit", sagt ein 64-Jähriger. Jeder solle selbst entscheiden dürfen. Er selbst sei nicht geimpft. "Ich habe unheimlich dickes Blut. Eine Impfung wäre viel zu gefährlich", sagt er und meint: "Die Diskriminierung und Stigmatisierung von Ungeimpften muss aufhören. Das ist ein Angriff auf die Menschenwürde."

Nahestehende beenden den Kontakt

Dass vielen der öffentliche Gegenwind zu schaffen macht, wird in Gesprächen mit den Demonstrierenden schnell klar. "Ich bin jeden Tag auf Protesten. Da schlägt einem oft Hass entgegen, Leute zeigen den Vogel. Seit 20 Jahren bin ich Unternehmer und verliere jetzt viele Kunden, weil ich ungeimpft bin", sagt ein Mann. "Menschen, die einem nahestehen, beenden den Kontakt. Und das nur, weil man nicht geimpft ist", sagt ein anderer. Wer nicht für die Maßnahmen der Regierung sei, gelte als Wirrkopf. "Dabei bin ich kein Impfgegner, sondern Impfkritiker", wirft ein anderer ein. Keiner wisse, wie sicher die Impfstoffe seien, keiner kenne die Langzeitschäden, sagt er.

Geimpfte lassen sich im Kreis der Demonstrierenden kaum finden. "Das Entscheidende ist das Immunsystem und nicht die Impfung", sagt eine Dame. Sie gehe fünfmal in der Woche wandern und habe keine Angst vor einer Ansteckung. "Ich bin gesund. Warum soll ich mich also impfen lassen?", fragt eine andere. "Ich gehe mit, weil ich selbst darüber entscheiden will, was ich mit meinem Körper mache", sagt sie. Sie habe "die Nase voll, wie Ungeimpfte gedisst" würden. "Wir haben Meinungsfreiheit", sagt die 58-Jährige, der besonders übel aufstoße, dass sie als Ungeimpfte nicht mehr an den Proben ihres Kirchenchors teilnehmen dürfe. "Ich bin gläubige Christin und darf nicht mehr in die Kirche. Das ist ohne Worte", meint sie.

"Als Ungeimpfte dürfen wir nicht mehr in den Zoo nicht ins Schwimmbad und nicht zum Friseur", zählt ein Mann, der seinen Sohn mitgebracht hat, auf. Er sei heute hier, "weil wir frei sein wollen". Eine Frau ergänzt: "Wir wollen alle nur unser altes Leben zurück." Sie sei vor allem da, um mal mit Leuten zu sprechen, die eine ähnliche Meinung hätten. "Sonst wird man immer sofort als Querdenker eingestuft und mundtot gemacht", sagt die 50-Jährige. Sie sei zwar keine generelle Impfgegnerin, wolle mit einer Impfung aber mindestens fünf Jahre warten: "In die Impfung reinjagen lasse ich mich nicht." flon

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