Das Fachgebiet Restaurierung hatte vor der Wiedereröffnung reichlich Arbeit. Hier ist Restaurator Berthold Engel beim "Ablasieren" zu sehen.
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Das Fachgebiet Restaurierung hatte vor der Wiedereröffnung reichlich Arbeit. Hier ist Restaurator Berthold Engel beim "Ablasieren" zu sehen.

Renovierung

Schloss Bad Homburg: Königsflügel wird bald wiedereröffnet

In vier Wochen wird der Königsflügel nach langer Sanierung im Schloss wiedereröffnet. Die TZ konnte vorab schon einen Blick hinein werfen.

Bad Homburg -Das Baugerüst um die Außenanlage ist vor ein paar Tagen abgebaut worden, die Innenräume sind fast vollständig wieder eingerichtet, nur hier und da sind die Restauratoren der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen noch damit beschäftigt, letzte Arbeiten auszuführen. Nach der rund zehnjährigen und aufwendigen Sanierung des Königsflügels im Bad Homburger Schloss sollen am 1. September die Räumlichkeiten der Wohnung von Kaiser Wilhelm II. und seiner Frau, Kaiserin Auguste Victoria, wieder für Besucher geöffnet werden.

Dass nach der langen Sanierungszeit nun auch alle Objekte wieder an ihren Platz in den 17 musealen Räumen kommen, dafür sorgen fünf dicke Inventarbücher aus den vergangenen Jahrhunderten. Auf eng beschriebenen Listen sind hier alle Objekte verzeichnet, die jemals in den Räumlichkeiten standen - angefangen vom größten Ölgemälde über das gesamte Mobiliar bis hin zur kleinsten Kleinigkeit.

"Neben den Objekt-Aufzählungen sind in den Büchern auch die Nummern der jeweiligen Räume eingetragen, in denen die Gegenstände hingen oder standen", erklärt Yannick Schwarz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, "das erleichtert natürlich die Zuordnung."

Ursprungssituation wiederherstellen

Wie kein anderer kennt er die Inventarlisten, weiß dadurch, welcher Gegenstand wo stand und nun nach der Rückkehr aus dem Depot wieder hingestellt oder hingehängt werden muss. Durch das genaue Studium der Verzeichnisse konnte er aber auch den Weg einiger Objekte nachvollziehen, die im Laufe der Jahrzehnte entweder innerhalb des Schlosses irgendwann einmal einen anderen Standort bekommen haben oder sogar aus dem Schloss weggebracht wurden.

Ein Beispiel dafür ist der Tisch im Speisesaal. Bis vor der Renovierung dominierte eine lange Tafel den klassizistisch ausgestalteten Raum in warmen Gold- und Gelbtönen. Heute steht hier in der Mitte ein Eichentisch, knapp zweieinhalb Meter lang und einen Meter breit. Obwohl der Tisch wundervoll mit Geschirr, Silberbestecken und Blumenschmuck eingedeckt ist, wirkt er beinahe etwas verloren in dem großen Raum. Und doch ist es der Original-Frühstückstisch, an dem das Kaiserpaar noch im letzten Kriegsjahr 1918 gemeinsam gesessen hat. Anhand der Inventarlisten und dem Vergleich mit weiteren Unterlagen stellte Yannick Schwarz fest, dass der Tisch in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ins Büro der Gartenabteilung des Schlosses gekommen war.

Natürlich freut es Schwarz, dass der Tisch nun wieder an seinem ursprünglichen Platz steht. Gleichzeitig weist der Tisch mit seiner Größe aber auch weit über seine eigentliche Funktion hinaus und beschreibt die Lebenssituation des Kaisers kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges. Nur sechs Personen können an dem Tisch Platz nehmen. Dadurch wird klar: 1918 gab es nicht mehr viele Personen, die den Kontakt mit dem Kaiser suchten, nur wenige besuchten ihn in seiner ehemaligen Sommerresidenz, in der er vom 13. März 1917 bis zum 11. März 1918 ein Jahr lang auch das kaiserliche Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Es war einsam um ihn geworden.

Eine Gabel mit Doppelfunktion

Neben dem Tisch erzählt noch ein weiterer Gegenstand in diesem Raum eine Geschichte. Rechts neben dem Teller des Kaisers liegt eine silberne Gabel. Auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich, erkennt man bei genauerem Hinsehen, dass die linke Zinke der Gabel wie ein Messer geschliffen ist. Wilhelm II. hatte seit seiner Geburt einen gelähmten linken Arm. Damit er leichter selbst mit einer Hand essen konnte, soll seine Mutter die Idee zu dieser Gabel mit der Doppelfunktion Schneiden und Essen gehabt haben und entsprechend herstellen lassen. Nur drei Gabeln dieser Art soll es heute noch geben. Die Gabel hier ist eine Dauerleihgabe aus Haus Doorn in den Niederlanden, wo Kaiser Wilhelm II. nach dem Ersten Weltkrieg bis zu seinem Tod am 4. Juni 1941 lebte.

Ein paar Räume weiter kommt man in das Schreibzimmer der Kaiserin, das durch den warmen Ton der grüngestreiften Seidentapeten, den Goldleisten an den Wänden und der goldumfassten Sitzgarnitur einen ausgesprochen anheimelnden Eindruck vermittelt. Auf dem Ofensims in einer der Zimmerecken steht eine knapp 35 Zentimeter hohe sogenannte Kratervase aus Porzellan, die einen vergoldeten Fuß hat und auf ihrem Vasenkörper zwei Landschaftsmalereien mit einem Fasan und einer Ente zeigt.

Erst fotografieren, dann restaurieren

Restauratorin Dorothee Schulz-Pillgram hat für diese um 1820 entstandene Vase ein komplettes Restaurierungskonzept erarbeitet. "Schon im Depot war beim Verpacken und Verlagern der Vase klar, dass Probleme auftauchen würden", sagt die Spezialistin für kunsthandwerkliche Objekte aus Glas, Keramik und Metall. Vasenfuß und Vasenkörper waren mit einer Verschraubung verbunden, die im Laufe der Zeit korrodiert war und sich weder lösen noch fester anziehen ließ. Beide Vasenteile saßen locker und wackelig aufeinander.

In der Werkstatt wurden zunächst einmal sogenannte Vorzustandsfotos von der Vase angefertigt. Bei den Restaurierungen der Vase in der Vergangenheit wurden verklebte Bruchstellen einfach großzügig übermalt: Die Vase sollte einen intakten Eindruck machen. Im Laufe der Jahre dunkelte diese Übermalung jedoch stark nach, und die Bruchstellen wurden dadurch erst recht sichtbar.

In vielen einzelnen Arbeitsschritten löste Dorothee Schulz-Pillgram die alten Verklebungen am Boden des Vasenkörpers, säuberte Bruchstellen und Übermalungen und verklebte dann die Bruchstücke neu. Anschließend wurden die ergänzten Fugen farblich einretuschiert. "Wir haben heute eine andere Restaurierungsethik als früher", beschreibt die Restauratorin ihre Arbeit. Ziel ist es, in der Ausstellung eine Kratervase zu präsentieren, die auf eine gewisse Entfernung intakt wirkt. Schaut man sie sich jedoch genauer an, dürfen die Restaurierungsarbeiten gerne erkannt werden. Von ulrike koberg

Blickfang: Auch diese wertvolle Vase wurde vollständig restauriert.
Restauratorin Dorothee Schulz-Pillgram bearbeitet hier das Zifferblatt einer historischen Wanduhr.

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