Schritte zurück ins Leben

Dass Annemarie Dommsch wieder laufen kann, hat sie auch der Therapie mit dem sogenannten Exoskelett zu verdanken. Damit trainiert die 23-Jährige, die an den Folgen eines bösartigen Hirntumors leidet, regelmäßig im Neuroneum, dem Bad Homburger Rehabilitationszentrum für Hirnverletzte – mit Erfolg.

Es hat etwas von Science Fiction. Auf dem Parkplatz gleich hinter dem Ärztehaus am Homburger Gesundheitscampus läuft eine junge Frau. Auf ihrem Rücken trägt sie wie einen Rucksack eine Art Steuerungseinheit. Ihre Beine stecken in Schienen und Schnallen. „Jetzt kommt der nächste Schritt“, kündigt Therapeutin Stefanie Fischer an und gibt über das Gerät, ein sogenanntes Exoskelett, einen entsprechenden Impuls. Annemarie Dommsch, so heißt die Patientin, macht einen Schritt nach vorne, dann noch einen und noch einen.

Das wäre vor anderthalb Jahren nicht denkbar gewesen. Damals konnte die heute 23-Jährige so gut wie gar nicht laufen. Das Aufrichten des Rumpfs fiel ihr extrem schwer genauso wie das Sprechen. Die Ursache dafür ist ein bösartiger Hintumor, ein Medulloblastom, an dem sie als 13-Jährige erkrankte und der 2016 als Tumor an der Wirbelsäule zurückkam. Mit Operationen, hochdosierten Chemotherapien und intensiven Bestrahlungen wurde der Krebs bekämpft. Das alles ging nicht spurlos an ihr vorüber. Sie fiel zwischenzeitlich ins Koma. Mit dem Shunt in ihrem Kopf, über den Hirnwasser abgeleitet wird, damit der Druck nicht zu groß wird, hat sie noch Probleme.

Trotzdem kommt sie mit dem Hol- und Bringdienst des Neuroneums vier Mal pro Woche aus Büttelborn zur mehrstündigen Therapie, zu der neben Ergotherapie und anderen Maßnahmen auch das Training mit dem Exoskelett gehört. „Ich laufe damit aufrecht. Dabei muss ich mich von selbst in die richtige Richtung bewegen, denn nur dann macht es den nächsten Schritt“, sagt Annemarie. Und weiter: „Beim ersten Mal habe ich mich wie ein Fallschirmspringer gefühlt, und ich hatte Angst, umzufallen. Mittlerweile weiß ich, wie ich mich bewegen muss, damit es klappt.“

150 000 Euro kostet ein Exoskelett, von dem ein bestimmter Typ zurzeit im Neuroneum getestet wird. Für Physiotherapeutin Sandra Poremba ist das gut investiertes Geld: „Ich habe damit ein Instrument, um mit den Patienten im freien Raum zu laufen. Sie bekommen dadurch wieder eine Vorstellung davon, was Gehen ist, und können die Bewegungsabläufe üben und von Anfang an neu und richtig lernen. Das verhindert Fehlhaltungen.“ Das Exoskelett wirkt wie ein Gerüst und sorgt zusammen mit den Therapeuten für die nötige Sicherheit beim Patienten.

Im Falle von Dommsch, die wegen der noch schwachen Muskulatur beim Laufen schwankt, gehe es auch darum, das Gleichgewicht zurückzubekommen. „Bei ihr sind wir jetzt so weit, dass sie vieles schon selbst macht und das Exoskelett sie unterstützt, dass sie auf der richtigen Bahn läuft“, so Poremba.

Ziel ist es, dass sich Annemarie irgendwann ohne Gehhilfen wie einen Rollator bewegen kann. Auch an ihrem Sprach- und Konzentrationsvermögen und an der Feinmotorik wird im Neuroneum gearbeitet. Und auch wenn nicht jeder Tag gleich gut ist, kommt für die freundliche und offene junge Frau Aufgeben nicht in Frage. „Ein verstorbener Freund von mir, Jonathan Heimes, hat die bekannte Initiative ,Du musst kämpfen‘ ins Leben gerufen, und genau das tue ich.“ Wenn alles wie geplant läuft und sie weiter Fortschritte macht, dann könnte sie bald mit einer Ausbildung beginnen.

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