Künstler Gunter Demnig bringt die ersten fünf Stolpersteine der fünften Verlege-Aktion am Durchgang von der Louisenstraße zur Dorotheenstraße ein. Sie erinnern an ehemalige Bewohnerinnen der Louisenstraße 23. Vier von ihnen überlebten die Nazi-Zeit nicht. Foto: Reichwein
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Künstler Gunter Demnig bringt die ersten fünf Stolpersteine der fünften Verlege-Aktion am Durchgang von der Louisenstraße zur Dorotheenstraße ein. Sie erinnern an ehemalige Bewohnerinnen der Louisenstraße 23. Vier von ihnen überlebten die Nazi-Zeit nicht.

Neue Stolpersteine für Bad Homburg

Sichtbare Spuren im Herzen der Stadt

Auch in der oberen Louisenstraße wird die Erinnerungen an das Schicksal jüdischer Bewohner in der NS-Zeit wach gehalten.

Die Stadt, und mit ihr die Menschen, wandelt sich. Im Bereich der oberen Louisenstraße, zwischen der ehemaligen Markt-Apotheke und einem der wenigen alteingesessenen Ladengeschäfte, wurde vor 25 Jahren das "Dorotheenquartier" geschaffen, Wohnungen, Büros, Praxen und zwei große Einzelhandels-Bauten ersetzten die alte, verwinkelte Bausubstanz. Modern, den Blick nach vorne gewandt.

Seit gestern erinnern fünf kleine, glänzende Steine auf dem Boden am Durchgang von der Louisenstraße zur Dorotheenstraße an frühere Bewohner dieses Areals und deren Schicksal. Die fünf Stolpersteine für Louise und Thekla Dinkelspühler, Frieda und Hedwig Sandberg sowie Minna Dörnberg, die zusammen mit acht weiteren von Künstler Gunter Demig im Herzen der Stadt verlegt wurden, bildeten den fünften Teil der Aktion, mit der seit 2016 an das Leiden Homburger Bürger jüdischen Glaubens zur Zeit des Nationalsozialismus erinnert wird. "Dieses Jahr findet die Verlegung mitten im Geschäftszentrum statt. Jüdische Geschäftsinhaber wurden so lange gedemütigt und entrechtet, bis sie ihre Geschäfte verkauften", verdeutlichte Wolfram Juretzek von der Initiative Stolpersteine. Das Andenken an die Menschen und ihr Leid, ist nicht mehr nur untrennbar mit der Stadt verbunden, es ist künftig auch sichtbar.

Imrich Donath brachte es auf den Punkt, bevor an jeden Stein eine weiße Rose gelegt wurde: "Mit den Steinen erhalten die Toten ihre Würde zurück", sagte er vor einem kurzen Gebet auf Hebräisch.

Die Zeremonie wurde groß begangen. Zum Auftakt auf dem Marktplatz hatten sich am Vortag des jüdischen Neujahrsfestes nicht nur Aktive der Initiative und Honoratioren versammelt. Auch zahlreiche Schüler aller Bad Homburger weiterführenden Schulen waren gekommen.

Auf sie, beziehungsweise ihre Altersgenossen, komme es besonders an, machten die zahlreichen Redner klar und verdeutlichten damit, dass der Staffelstab der Erinnerung von der Kriegskinder- und Enkelgeneration langsam aber sicher an diejenigen weitergereicht wird, die kaum mehr die Möglichkeit haben, sich mit Zeitzeugen dieses dunkelsten Kapitels der Deutschen, und eben auch der Homburger, auszutauschen.

Das hob auch Bürgermeister Dr. Oliver Jedynak (CDU) in seinem Grußwort hervor und sprach von der "Aufgabe und Pflicht zu erinnern". Insbesondere die junge Generation, zu der er sich auch zählt, müsse das Thema aufgreifen. Die Stolperstein-Aktion könne ganz konkret dazu beitragen, Erinnerung und Neuanfang zu verbinden, betonte Stadträtin Lucia Lewalter-Schoor (SPD). "Der Mensch rückt in den Mittelpunkt, der Baum der Erinnerung wächst."

Die Aktion verdeutlicht auch: Diskriminierung, Verfolgung, Gewalt und Deportation waren eben keine Phänomene, die nur weit weg passierten. Sie fanden auch dort statt, wo heute unbeschwert flaniert, eingekauft und gefeiert wird. In der Mitte der Stadt, in der Mitte der Gesellschaft.

Pfarrer Andreas Hannemann von der evangelischen Erlöserkirche wandte sich stimmgewaltig an die über 100 Gäste. Die Stolpersteine sind Teil des weltweit größten Denkmals und sollen zum Nachdenken anregen. Angesichts von Antisemitismus, Fake-News und Rassismus appellierte an die Schüler: "Da zähle ich auf Euch! Habt den Mut, in sozialen Netzwerken und Foren den Unwahrheiten zu widersprechen!"

Wolfram Juretzek dankte den Schülern für ihr Engagement. Durch ihre Putzaktionen trügen sie dafür, dass die Steine gepflegt sind und lesbar seien. Und Juretzek gab sich zuversichtlich, dass im kommenden Jahr die nächsten Steine verlegt werden können. "Wegen des Neujahrsfests und Corona war es für Nachfahren der Überlebenden nicht möglich, heute hier her zu kommen", für das kommende Jahr haben sich jedoch bereits Besucher angekündigt.

Von den fünf Frauen, derer vor dem Durchgang zur Louisenstraße 23 gedacht wird, hat nur eine, Louise, die Shoah überlebt, weil sie in die USA floh.

Die TZ wird die Schicksale der 13 Homburger, für die jetzt Stolpersteine an den Häusern Louisenstraße 10-12, 23, 40 und 46 verlegt wurden, in einer der kommenden Ausgaben vorstellen.

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