Der Schriftsteller Peter Henning auf einer Bank im Gustavsgarten, im Hintergrund der Archiv-Anbau der Villa Wertheimber. Oben in der Villa befindet sich die neue Stadtschreiber-Wohnung, die der 61-Jährige mit seinen Hunden schon bezogen hat.
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Der Schriftsteller Peter Henning auf einer Bank im Gustavsgarten, im Hintergrund der Archiv-Anbau der Villa Wertheimber. Oben in der Villa befindet sich die neue Stadtschreiber-Wohnung, die der 61-Jährige mit seinen Hunden schon bezogen hat.

Stadtschreiber in Bad Homburg

Spurensucher hofft auf neue Einsichten

  • Anke Hillebrecht
    vonAnke Hillebrecht
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Der Schriftsteller Peter Henning schreibt einen "Deutschland-Roman". Darin wird es um das noch immer nicht aufgeklärte Herrhausen-Attentat gehen. Der 61-Jährige lebt in der Hölderlinwohnung, will sich vom Ort inspirieren lassen und sucht Zeitzeugen, vor allem eine ...

Bad Homburg -Mit seinen Hunden und 30 Schmetterlingspuppen - ein Hobby von ihm - ist Peter Henning bereits in die neue Hölderlin-Wohnung in der Villa Wertheimber eingezogen. "Da oben" fühle er sich wohl. "Das passt wie die Faust aufs Auge", sagt der 61 Jahre alte Schriftsteller, der sonst "zurückgezogen" in Köln lebt. Zwei Monate wird er die Räume kostenlos nutzen dürfen; in der Ruhe des Gustavsgartens will er an seinem Buchprojekt "Das Ende der Benommenheit" weiterarbeiten.

Ein Roman, der sich um das Attentat auf Alfred Herrhausen herumspinnt: Am 30. November 1989 starb der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank im Seedammweg in seiner Limousine durch eine Bombe. Henning will sich vom "Ortsgeist" inspirieren lassen, in den Archiven auf Spurensuche gehen.

"Die Ermittlungsakte wurde bis heute nicht geschlossen", sagt der Schriftsteller. Es gebe so viele Ungereimtheiten; sie seien ein "Fundus für Verschwörer". Er wolle versuchen, "die Karten neu zu legen wie in einem Memory-Spiel". Entstehen werde kein Sachbuch, sondern ein Roman, der Rückblenden auf 1989 wirft - "ein Deutschland-Roman".

Vor allem aber will er in Bad Homburg neue Erkenntnisse durch das Gespräch mit Zeitzeugen gewinnen - Personen, die die Bluttat hautnah mitbekommen haben - und mit Bürgern, die in einer Stadt leben, in der der Bombenanschlag seit 31 Jahren Teil der Geschichte ist. Allen voran will Henning mit der Witwe Traudel Herrhausen ins Gespräch kommen. "Ich möchte mit ihr drauflos spekulieren, in ihren Bilderkosmos eintauchen und mit ihr über Spurensuche, über Schuld reden."

Der Schriftsteller, der bereits ein gutes Dutzend Romane vorgelegt hat, beschäftigt sich bereits länger mit dem Fall Herrhausen und mit der Wende-Zeit, in der er passierte. Mit der Deutung, der Mord gehe auf das Konto von RAF-Terroristen, mag er sich nicht anfreunden. "Herrhausen war seiner Zeit weit voraus", sagt Henning. Personen und Firmen in beiden Teilen Deutschlands, die durch die Visionen des Bankers Nachteile erwarteten, habe damals "der Atem gestockt". Henning: "Ich habe keine neuen Fakten, aber man darf ja Fragen stellen."

Die Kurstadt erneut als Schauplatz

180 Seiten stehen bereits vom neuen Roman, Titel und Gerüst ebenfalls. Sollte er in der Kurstadt neue Erkenntnisse bekommen, werde er sie einweben. Das Buch spielt im Heute; Protagonisten sind der damalige Täter, der nun in Argentinien lebt, und sein Bruder, der dessen Freundin bei einem Autounfall getötet hat. Beide Männer leben mit dem jeweiligen dunklen Geheimnis, doch es kommt zur Annäherung. Schauplatz: die Kurstadt.

Erfahrung mit der literarischen Umsetzung von furchtbaren Ereignissen der Nachkriegsgeschichte hat der Kölner bereits durch sein Buch über "Deutschlands spektakulärste Geiselnahme" gesammelt: jene 1988 in Gladbeck, bei der eine junge Frau starb und wegen eines Reporters die Öffentlichkeit quasi mit im Wagen saß. Die Geiselnahme floss in Hennings Werk "Ein deutscher Sommer" (2013) ein. In vielen seiner Bücher geht es indes um Beziehungen, die Gesellschaft von heute.

Diesen Ansatz, die Gesellschaft literarisch zu verarbeiten, hat dann auch Kulturamtschefin Dr. Bettina Gentzcke überzeugt. Hennings Bewerbung erhielt sie einen Tag, nachdem veröffentlicht worden war, dass in der Hölderlinwohnung nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Literaten wohnen dürfen. "Bürger sollen für die Literatur begeistert werden", so Gentzcke. Der Stadtschreiber ist übrigens nicht automatisch der neue Träger des Hölderlinpreises. Dessen Jury kommt erst im August zusammen; die Verleihung ist am 1. November geplant.

Lesung, Gewinnspiel, Kontaktmöglichkeit

Sein Buchprojekt wird Peter Henning am Mittwoch, 1. Juli, 19.30 Uhr, in der Stadtbibliothek vorstellen. Der Eintritt ist frei. An dem Abend will er auch mit den Zuhörern ins Gespräch kommen. Wegen der Abstandsregeln werden aber nur wenige Gäste kommen können. Diese müssen sich per Mail an stadtbibliothek@bad-homburg.de oder Telefon (06172) 92136-0 anmelden. Name, Anschrift und Telefonnummer müssen dabei angegeben werden.

Kulturamtsleiterin Dr. Bettina Gentzcke plant zudem weitere Veranstaltungen für ein größeres Publikum im Kurhaus, möglicherweise mit einer Literaturkritiker als Moderator. Auch ein Gewinnspiel ist geplant.

Da Henning seine Zeit hier auch nutzen möchte, um mit Bad Homburgern über sein Buchprojekt und das Herrhausen-Attentat zu sprechen, appelliert er, über kultur@bad-homburg.de Kontakt zu ihm zu suchen.

VON ANKE HILLEBRECHT

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