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Der Vater der Stolpersteine: der Künstler Gunter Demnig

Die Stolpersteine kommen

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In absehbarer Zukunft wird es auch im Bad Homburger Straßenbild Stolpersteine geben. Das Kunstprojekt erinnert an die Opfer der NS-Zeit. Das hat der Kulturausschuss einstimmig beschlossen.

Die Intention, da sind sich alle einig, ist auf jeden Fall richtig und wichtig. Doch die Frage nach der Form ist es, um die auch im Kulturausschuss am Donnerstag gerungen wurde. Wolfram Juretzek hatte der Politik noch mal die Stolpersteine-Aktion vorgestellt und dafür geworben, diese Form der Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit auch in Bad Homburg zu etablieren.

Juretzek, Sprecher der „Initiative Stolpersteine“ in der Kurstadt, warb für eine städtische Erinnerungskultur, die den Blick auf alle Deportierten – also auch Homosexuelle, Sinti und Roma, Euthanasieopfer oder politisch Verfolgte – ausweite. Er konnte auch von einem großen Interesse der Schulen an dem Projekt berichten. „Wir wollen die Stolpersteine dauerhaft betreuen und Paten suchen. Deswegen denken wir auch über eine Vereinsgründung nach“, so Juretzek. Alles, was man von der Stadt brauche, sei das Okay, den öffentlichen Raum zur Verlegung der Steine nutzen zu dürfen. Weitere Kosten entstünden nicht.

Margret Nebo, Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hochtaunus (GCJZ), steht den Stolpersteinen kritisch bis ablehnend gegenüber. Zwar werde ihre Gesellschaft nicht gegen das Projekt stimmen, aber auch keine Initiative ergreifen, erklärte Nebo den Ausschussmitgliedern. In Gesprächen mit Mitgliedern habe sie in Erfahrung gebracht, dass manche Nachfahren die Vorstellung, dass Menschen – „wohlmeinend oder nicht“ – über die Namen ihrer Angehörigen laufen, „unerträglich“ sei.

Nebo sagte aber auch, dass es in der GCJZ zwei Meinungen zum Thema gebe. Sie persönlich glaubt, dass in der Kurstadt mit dem Mahnmal an der VHS oder der Plakette am Bahnhof bereits Plätze für das Gedenken vorhanden sind. „Wir sollten nicht immer nur auf die 12 Jahre Holocaust zurückblicken, sondern uns auch an die wertvollen Beiträge jüdischer Mitbürger zur Entwicklung unserer Stadt erinnern“, so Nebo weiter. Sie würde sich daher eine entsprechende Info-Tafel in der Stadtmitte wünschen.

Imrich Donath, Bevollmächtigter der jüdischen Gemeinde Frankfurt in Bad Homburg, ist ein Freund der Stolperstein-Idee. Er sieht eine positive Wirkung davon ausgehen: „Es ist ein markantes Mahnmal, zu dem man sich runter beugt, sich quasi vor den Opfern verneigt“, erklärte Donath im Ausschuss. Es gebe viele NS-Opfer, die nie ein Grab erhalten hätten, deren Nachfahren das Bedürfnis hätten, ein Ort des Gedenkens zu haben. Und so forderte Donath: „Geben Sie den Opfern ihre Namen zurück.“

Nun kamen auch Politik und Verwaltung zu Wort. Und wie bei den „Experten“ gingen auch hier die Meinungen weit auseinander. Während beispielsweise Kulturamtsleiter Dr. Matthias Setzer sich nicht als Unterstützer der Stolpersteine („Steine alleine langen nicht“) outete, sprach sich die Ausschussvorsitzende Sibylle Raquet (FDP) für das Projekt aus („Die Vorteile überwiegen“). Manfred Heckelmann hat Probleme damit, dass Menschen über die Steine hinweg laufen und würde sich lieber ein Gedenken auf Augenhöhe wünschen. Das sieht Peter Braun (fraktionslos) genauso („Die Steine widersprechen meinem Pietätsempfinden“). Okan Karasu von der Linken erwartet sich von den Stolpersteinen, dass die Menschen davor stehen bleiben und sich mit der Thematik auseinandersetzen.

Für die Grünen signalisierte Bardo Röhrig, dass man die Initiative nach wie vor unterstütze. Die im ganzen Stadtgebiet verteilten Steine würden dokumentieren, wie die jüdischen Mitbürger zur NS-Zeit aus der Mitte der Stadt herausgerissen worden seien. Bert Worbs (CDU) gestand, zunächst skeptisch gewesen zu sein. Worbs: „Auch wenn es die allein richtige Meinung nicht gibt, unterstütze ich mittlerweile die Stolpersteine-Aktion.“ Die Steine würden ins Auge springen, die Menschen sich daher mit ihnen auseinandersetzen. Und auch Heinz-Peter Curdts (SPD) sprach sich – nicht zuletzt wegen deren Bekanntheitsgrad – für die Stolpersteine aus. Ihm sei vor allem wichtig, dass man sich vorab mit den Hinterbliebenen und den in Frage kommenden Hauseigentümern in Verbindung setzt.

Auch wenn einige Ausschussmitglieder noch ein wenig zögerlich wirkten, brachte Raquet einen „Initiativantrag“ ein, der den Magistrat beauftragt, die Stadt an der „Aktion Stolpersteine“ zu beteiligen. Hierfür soll der öffentliche Straßenraum zur Verlegung der Steine (jeweils vor dem letzten, frei gewählten Wohnort der Opfer) zur Verfügung gestellt werden. Nach einer intensiven, emotionalen, aber dennoch sachlich geführten Diskussion stimmte der Ausschuss schließlich einstimmig für diesen Antrag.

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