1. Startseite
  2. Region
  3. Hochtaunus
  4. Bad Homburg

Auf der Suche nach Selbstverwirklichung

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Maria Frisè las in der Stadtbibliothek aus ihrer Autobiographie.
Maria Frisè las in der Stadtbibliothek aus ihrer Autobiographie. © Yvonne Späne

Maria Frisé – Schriftstellerin und ehemals Redakteurin der F.A.Z – erzählte in der Stadtbibliothek aus ihrer Autobiografie „Meine schlesische Familie und ich“. Darin schreibt sie von ihrer Kindheit, der Vertreibung aus der Heimat und ihrem neuen, selbstbestimmten Leben. TZ-Mitarbeiterin Svenja Denter besuchte die Lesung, die weit mehr als eine Abhandlung des Vergangenen war, sondern bis in die Gegenwart hineinreicht.

Eigentlich hätte sie lieber aus einer Erzählung gelesen, die noch nicht veröffentlicht sei, „doch wer so alt ist wie ich, der hat einiges erlebt“, beginnt Maria Frisé – die mittlerweile 90 Jahre alt ist – ihre Lesung. „Wir leben immer mehrere Leben“, lautet ein Buchtitel ihres verstorbenen Mannes Adolf Frisé. Gerne hätte sie den Titel für sich gehabt, doch habe sie ihn damals ihrem Mann geschenkt.

Rückblickend kann man nämlich sagen, dass sich auch ihr Leben in vier Abschnitte teilt: Kindheit und Jugend, Hochzeit und Vertreibung aus der alten Welt, Schriftstellerin und Redakteurin sowie Ruhestand und Leben allein.

Auf ihre Kindheit eingehen möchte die 1926 in Breslau geborene Tochter eines Gutshofbesitzers nur kurz: „Lieber erzähle ich von meinem dritten Leben, in dem ich begann, mich selbst zu verwirklichen.“

Das klingt nicht nur spannend, das ist es auch. Selbstverwirklichung das ist heute für mich eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Denn ich entscheide selbst, wie mein Leben aussehen soll. Heiraten und Kinder bekommen? Vielleicht. Mir selbst einen Beruf wählen – auf jeden Fall. Doch was für mich heute normal ist, das war für Maria Frisé ein harter Weg.

„Am 18. Januar 1945, meinem Hochzeitstag, wurden wir durch die Russen von unserem Hof vertrieben“, erinnert sie sich. In Schleswig-Holstein fangen ihr erster Mann und sie ein neues Leben an – entwurzelt und allein. Maria bringt drei Söhne zur Welt, ihr Mann wird Unternehmer. Und als ihre Mutter stirbt, muss sie die Vormundschaft für die Schwester übernehmen. Da bleibt kein Platz für Selbstverwirklichung. Ihr „zweites Leben“ endet nach nur zwölf Jahren.

1957 heiratet sie Adolf Frisé, einen Journalisten. In privaten Unterrichtsstunden erlernt sie von ihm das Handwerk des Journalismus: „Meine unvollkommene Bildung, ich hatte ja nur Abitur, hat er vollendet.“ Maria sieht in dieser Tätigkeit ihre Chance auf ein selbstständiges Leben – auf Selbstverwirklichung. „Ich lernte laufen in einer Welt, die ich nicht kannte“, sagt sie, „aber ich wollte nicht immer zwei Schritte hinter meinem Mann gehen. Ich wollte mehr lernen. Ich war ausgehungert.“ Nach einer Reportage über ihre Kinder wird sie freie Mitarbeiterin der F.A.Z. Zumeist schrieb sie über soziale Themen. „Ich war ein Arbeitstier und hatte immer viel Spaß“, so Frisé. Mit 42 Jahren wird sie Redakteurin im Feuilleton und hat endlich erreicht, was sie immer wollte: irgendwo dazugehören.

Das erste Mal nach Polen zurückgekehrt ist sie 1972 mit einem ihrer Söhne. Zu Hause gefühlt habe sie sich aber nicht, eher fremd, erklärt sie. Das alte Schloss des Vaters sei mittlerweile ein Sanatorium. Und eins ist für Maria Frisé klar: Mit dem Einfall der Roten Armee ist für sie eine Welt untergegangen.

Doch vielleicht ist es gerade der harte Weg, den Maria Frisé beschreiten musste, der sie zu einer beeindruckenden Persönlichkeit heranreifen ließ. Denn nur, wer sich die Selbstverwirklichung erkämpft, mag sie bis in alle Tiefen auskosten. Auch das ist für junge Menschen eine wichtige Erkenntnis aus dieser Lesung

Auch interessant

Kommentare