Die Spitzen von Verwaltung und Gefahrenabwehr von Kreis und Kreisstadt unterstreichen gemeinsam die Bedeutung des Warntags, der am Donnerstag ansteht, und zeigen das Equipment - von der alten Zivilschutzsirene bis zur modernen mobilen Anlage mit magnetischen Lautsprechern. foto: hko
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Die Spitzen von Verwaltung und Gefahrenabwehr von Kreis und Kreisstadt unterstreichen gemeinsam die Bedeutung des Warntags, der am Donnerstag ansteht, und zeigen das Equipment - von der alten Zivilschutzsirene bis zur modernen mobilen Anlage mit magnetischen Lautsprechern. foto: hko

Warntag soll Bürger sensibilisieren

Im Taunus heulen heute die Sirenen

  • Harald Konopatzki
    vonHarald Konopatzki
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Bundesweiter Aktion ist mehr als ein Funktionstest. Bürger sollen ihre Erfahrungen an die zuständigen Ämter melden. In einigen Kommunen gibt es noch

Hochtaunus -In den sozialen Netzwerken, auf Plakatwänden und in der Hochtaunus-App ist der am heutigen Donnerstag anstehende bundesweite Warntag derzeit ein ganz großes Thema. Selbst sechs extra für diesen Tag beklebte Linienbusse weisen darauf hin: Um 11 Uhr sollen die verschiedenen Warnmittel (Sirenen, Infotafeln und Push-Nachrichten der Warn-Apps) ausgelöst werden, um 11.20 Uhr folgt die Entwarnung.

Zu betonen, dass es sich dabei um wesentlich mehr als einen reinen Funktionstest der Infrastruktur handelt, ist Wolfgang Reuber vom Hochtaunuskreis und Branddirektor Daniel Guischard, Leiter der Bad Homburger Feuerwehr, ein großes Anliegen. "Damit soll auch für diese Art der Warnung sensibilisiert werden."

Anders als früher, als die Zivilschutzsirenen regelmäßig überprüft wurden, ist es in vielen Kommunen, die sind laut Gesetz für die Warnung ihrer Bevölkerung zuständig, in den vergangenen Jahren im wahrsten Sinne des Wortes still um das Thema geworden. "Die Zahl der Sirenen ist von 1991 bis 2019 von 145 auf 81 gesunken" weiß Reuber, der beim Kreis als Projektmanagement für Sonderlagen unter anderem mit für den Katastrophenschutz zuständig ist. Einige Kommunen haben gar keine Sirenen mehr. Außer in Bad Homburg, wo die Infrastruktur seit ein paar Jahren komplett erneuert und auf 21 Sirenen-Standorte erweitert wird - die Anlagen können mit Notstrom-Reserve bis zu 30 Tage autark funktionieren - laufen die restlichen Sirenen nur, wenn der Strom nicht ausfällt. Immerhin: Oberursel, zweitgrößte Kommune des Kreises, plant die Ergänzung des Bestandes.

Dabei wird die professionelle Warnung der Bevölkerung in Zeiten der großen Informationsflut wichtiger denn je. "Es kommt ja jetzt schon schnell zu Spekulationen, wenn Einsatzfahrzeuge ausrücken", weiß Guischard. Bei Großschadenslagen wachse durch Spekulationen oder - schlimmer - sogar absichtliche Fehlinformationen die Gefahr, dass es zu Panik kommt. Daher müssten Warnungen zielgerichtet und möglichst mit weiteren Informationen versehen ausgelöst werden. "Mit unseren Sirenen können wir auch Sprach-Durchsagen schalten", sagt Guischard. Gleiches ist auch mit den mobilen Anlagen möglich, über die viele Feuerwehren verfügen. Einzig: Deren Reichweite ist beschränkt. Fährt der Wagen zu schnell, sind die Texte nur schwer zu verstehen. Fährt er langsam, dauert es, bis der ganze Stadtteil informiert ist . . . Das ist bei einer drohenden Wasserknappheit oder war zu Beginn der Corona-Pandemie sicher verschmerzbar. Bei einer akuten Gefahr, etwa durch Schadstoffe in der Luft bei einem Brand oder ein herannahendes Unwetter, dauert das zu lange.

So haben die Warn-Apps, die in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt wurden, einen großen Vorteil: Mit ihnen lassen sich Texte empfangen - bei entsprechender Auswahl sogar genau die, die für den jeweiligen Standort wichtig sind. Und sie können abgestuft warnen - also auch über Ereignisse wie Straßensperrungen informieren, für die niemand eine Sirene auslösen würde. Deswegen sind sie ein wichtiger Bestandteil der Warn-Infrastruktur.

Allerdings sind sie nicht die allein selig machende Lösung. Denn sie haben auch Nachteile: Es braucht einen geeigneten Empfänger (Smartphone), es braucht Netz (ist an manchen Orten keine Selbstverständlichkeit) und die Nachrichten laufen letztlich trotzdem Gefahr unterzugehen.

Denn viele Menschen lassen ihr Smartphone tagsüber, aber vor allem nachts, lautlos geschaltet. Da nützt es wenig, wenn man morgens feststellt, dass man nachts wegen eines Brandes besser die Fenster verschlossen hätte . . .

"Weck-Effekt" nennen Guischard und Reuber das, was den Apps fehlt und das es aber braucht, um schnell warnen zu können. Dass den die Sirenen haben, davon sollen sich die Bürger am Donnerstag überzeugen können. Und sie sollen, wünschen sich Stadt und Kreis, auch ihre Erfahrungen melden. "Wir wollen schauen, ob die Warnungen überall ankommen." Rückmeldungen können für Bad Homburg über die Mailadresse warnung@37.bad-homburg.de geschickt werden. Im Kreis ist unter anderem das Bürgertelefon besetzt, bei dem Bürger in Krisenzeiten Infos bekommen. Das hat wegen Corona bereits etliche Betriebsstunden.

Die Sirenen werden am Donnerstag um 11 Uhr mit einem einminütigen auf- und abschwellenden Heulton ausgelöst. Um 11.20 Uhr folgt die Entwarnung (eine Minute Dauer-Heulton).

Verschiedene Bevölkerungsgruppen (Senioren, Kinder, aber auch Sehbehinderte und Blinde) sollen gezielt auf den Tag vorbereitet werden, um Verunsicherung zu vermeiden. Mehr zu dem Thema gibt es unter anderem unter www.bundesweiter-warntag.de und in der Hochtaunus-App.

KOMMENTAR

Die Kommunen sind in der Pflicht

von Harald Konopatzki

Es ist gut und sinnvoll, diesen Warntag nicht nur durchzuziehen, sondern ihn auch lang und breit auf den unterschiedlichen Kanälen zu bewerben. Dafür ist das Thema einfach zu wichtig.

Sicher ist aber auch: Mit derselben Akribie und demselben Aufwand, der für die Vorbereitungen betrieben wurde, muss der Warntag anschließend kritisch ausgewertet werden. Ansonsten wird das Schulterklopfen der Verantwortlichen mancherorts lauter bleiben als der Klang der Sirenen im Ernstfall. In jedem kommunalen Gremium, in dem über Hilfsfristen für Rettungsdienst und Feuerwehr diskutiert wird, muss nun auch über diesen Aspekt des Bevölkerungsschutzes geredet werden.

Ein (umgesetztes) Konzept zur schnellen, vollständigen und zielgerichteten Warnung der Einwohner ist keine Spielerei oder gar Luxus. Es ist die Erfüllung eines schon vor langer Zeit formulierten gesetzlichen Auftrags.

So wenig wie der Bürger einfach sagen kann, dass er die Pflicht zum winterlichen Räumen, zur fachgerechten Entsorgung von Müll oder der Gewährleistung der Verkehrssicherheit an seinem Haus über längere Zeit ignoriert, weil er "keine Zeit" oder "kein Geld" hat - so wenig darf sich die Kommune aus der Verantwortung stehlen.

Das muss den Verantwortlichen nach dem Warntag klar sein.

Und dazu ist eine entsprechende Rückmeldung wichtig.

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