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Natalie Schwerdtfeger (links), Annika Junck und Olivia Kern springen synchron ab ? perfekt im Takt der Musik. Sportaerobic-Turnerinnen brauchen ein gutes Rhythmusgefühl.

EM-Start

Aus dem Taunus kommen einige der besten deutschen Sportaerobic-Talente

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Sportaerobic – das klingt im ersten Moment nach Turnmatten und Kunststoffbällen. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine explosive Mischung aus Tanzen und Turnen, die den Sportlern vor allem eines abverlangt: Opferbereitschaft.

Annika Junck wirft sich in Pose. Für einen Moment ist es ganz still. Dann fetzt der Bass in atemberaubender Geschwindigkeit los – und mit ihm Annika. „I’m addicted to you“, singt eine Frauenstimme, die anderen Mädchen kreischen im Takt, feuern an. Annika springt hoch, die Beine weit auseinander zur Luftgrätsche, und landet in einer Liegestütze. Als der Lautsprecher ihr die Textzeile „Hooked on your love“ entgegenschallt, ist sie längst wieder auf den Beinen, wirbelt über das Parkett. Beat, Schritt, Beat, Schritt, Beat. Annika wirft die Hände in die Luft. Sie strahlt, tanzt, kämpft sich durch ihren Song: „Like a powerful drug/ I can’t get enough of.“ Weiter, immer schneller, damit am Ende die Höchstwertung steht.

Annika ist eine der besten jugendlichen Sport-Aerobic-Athletinnen in ganz Deutschland. In den letzten Wochen hat sie sich intensiv auf die Europameisterschaften in Karlsbad vorbereitet: Noch mehr Training, noch mehr Verzicht. Wenn die 14-jährige Oberreifenbergerin nicht in der Schule lernt, übt sie ihre Choreographie vor den breiten Spiegeln in der Bad Homburger Sportschule Farnung. Auch wenn kein europäischer Wettkampf vor der Tür steht, trainiert sie hier fünfmal in der Woche – unter den strengen Augen ihrer Trainerin und Sportschulleiterin Michaela Steyer.

Kunstturnen, Akrobatik, Rhythmische Sportgymnastik und Tanz – Sport-Aerobic ist eine knallige Mischung aus alldem. „Der Sport ist dynamisch. Die Musik ist schnell und laut“, schwärmt Steyer. Das gefiel ihr Mitte der 2000er Jahre so gut, dass sie den Sport in den Hochtaunus holte. Die 49-Jährige gehörte einst zum Rhythmische Sportgymnastik-Nationalteam der ehemaligen Tschechoslowakei.

Heute bringt sie rund 160 Mädchen und einem Jungen Spagat und Schuschunova, einen Sprung der direkt in eine Liegestütze übergeht, bei. Zwölf der Mädchen trainieren in einer Leistungsgruppe – die jüngste ist gerade sieben Jahre alt. Die zwölf Jahre alten Olivia Kern und Natalie Schwerdtfeger aus Bad Homburg fahren wie Annika Junck zur EM nach Tschechien.

Dort sehen sich die Mädchen nicht nur einer harten Konkurrenz gegenüber. Gleich acht Kampfrichter mit unterschiedlichen Fachgebieten bewerten die Choreographien der Athletinnen. Wie gut ist ihre Technik? Wie sauber haben sie die Übungen absolviert? Außerdem achten die Experten darauf, wie präzise die Turnerinnen den Takt der Musik treffen. Und ob sie stets ihr Lächeln bewahren.

„Sport-Aerobic ist eine außergewöhnlich ästhetische Sportart“, sagt Steyer. Die knappen Glitzerkostüme und das aufwendige Make-up haben sie schon immer fasziniert. Auch für die Mädchen sei das ein Antrieb. „Wenn sie Fotos sehen, wollen sie natürlich genauso sein und fragen, wann sie auch so ein schönes Kostüm bekommen“, erklärt die Trainerin. Damit diese Faszination erhalten bleibt, scheut sie keine Mühen: Die Kostüme besetzten sie und Kolleginnen selbst mit den funkelnden Steinchen. Die Musik mischt ein Tontechniker extra ab: Der Sport braucht einen klaren Takt, laute Drum-Kicks und eine hohe Rhythmusgeschwindigkeit.

Steyer schaltet die Musik aus. Annika kommt zum Stehen, die lauten Anfeuerungsrufe verstummen. Kommando „Straddle Jump“. Annika, Olivia und Natalie reihen sich auf. „Fünf, sechs, sieben, acht“, zählt Steyer an. Im Takt tippeln die Mädchen zwei Schritte nach vorn und springen ab, die Beine reißen sie in die Luft. „Richtig hoch“, mahnt Steyer. Sie fordert viel von ihren Mädchen. „Harte Ost-Methoden“ nennt sie das manchmal.

Eine gute Sport-Aerobic-Athletin müsse beweglich, flexibel, musikalisch, stark und letztlich auch schlank sein, sagt die Trainerin. Nach einer halben Stunde wisse sie, ob etwas aus einem Mädchen werden kann, sagt Steyer. Wenn jemand den Spagat einfach so beherrscht, dann sei das ein Geschenk Gottes. Aber selbst dann brauche es Geduld, Disziplin und Opferbereitschaft, um richtig gut zu werden.

Annika Junck ist richtig gut. Mit 14 Jahren muss die Sportaerobic-Turnerin jetzt erstmals bei den Junioren und damit gegen ältere Konkurrenz antreten. Unter die ersten Zehn kommen, sei deshalb das Ziel, erklärt ihre Trainerin. Aber Annika will mehr – sie will bis ins Finale, unter die Top Sechs. „Der Druck ist da. Angst, die Erwartungen nicht zu erfüllen, habe ich schon“, gesteht Annika. Ihre Mitstreiterinnen Olivia und Natalie fahren entspannter ins tschechische Karlsbad: Sie stünden zum „Schnuppern“ auf der großen EM-Bühne, sagt Trainerin Steyer.

Ob sie eine Lieblingsdisziplin hat? Annika überlegt. Die Sprünge möge sie am liebsten, sagt sie dann. Im Mai 2016 hatte sich die Athletin im Training eine schwere Kreuzbandverletzung zugezogen. „Bis zum Ende letzten Jahres hatte ich bei jedem Sprung Angst“, gesteht Annika. Es sei schon eine Überwindung gewesen, neu zu starten. Früh hatte sie wieder mit Training und Wettkampf begonnen, muste teilweise vor Schmerzen vorzeitig aufhören. Jetzt ginge es ihr wieder gut. Sie freue sich auf die Europameisterschaft, sagt das Mädchen. Sie freue sich, der Konkurrenz zu zeigen, „wie gut wir geworden sind.“

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