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Auf Kahlflächen wie dieser, entstanden durch die Rodung vom Borkenkäfer befallener Fichten, soll wieder Wald entstehen. Die Natur hilft sich teilweise selbst durch eigene Verjüngung, andernteils müssen jedoch auch klima- und käferresistente Bäumchen gepflanzt werden. Um diese vor Wildverbiss zu schützen, hat das Land Hessen die Jagdzeit auf Rehe verlängert. foto: Schneider

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Taunus: Kritik an längeren Jagdzeiten

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Jäger fühlen sich vom Land Hessen gegängelt - Wildbret kann wieder abgesetzt werden

Die Sorge, wegen der langen Corona-Pause kein Wildbret an Gastwirte absetzen zu können, sind Hessens Jäger seit Donnerstag zwar los. Die Restaurants dürfen am 15. Mai wieder öffnen, dann wird sich sicher auch die eine oder andere Maibockkeule auf den Speisenkarten finden.

Ein Ärgernis aber bleibt: Das Land Hessen mahnt die grüne Zunft nämlich, häufiger "den Finger krumm zu machen". Die Jäger sollen zum Schutz der auf den riesigen Kahlflächen nach den Borkenkäfer-Zwangseinschlägen nachwachsenden Bäumchen verstärkt auf Rehwild anlegen. Die Folge wäre sonst kein neuer Wald in etlichen Jahrzehnten, sondern eher eine Buschlandschaft. Vorausgesetzt, die Baumbabys sterben nicht ganz ab. Um dies zu erreichen, hat Hessen sogar die Jagdzeit auf Anfang April verlängert.

Hinzu kommt für die Jagdausübenden als weitere Baustelle, das Schwarzwild kurzzuhalten, um so einer Verbreitung der afrikanischen Schweinepest entgegenzuwirken. Der milde, um nicht zu sagen ausgefallene Winter 2019/20 hat die Bestände anwachsen lassen. Es sind kaum Frischlinge erfroren, eine natürliche Auslese gab es demzufolge nicht.

Mithaftung für Misswirtschaft

Viele Jäger sehen in der Verlängerung der Jagdzeiten keinen Sinn, andere halten sie sogar im Sinne des Tierschutzes für falsch. Die Gefahr, tragende Tiere zu erwischen, ist zum Beispiel Norbert Auth, er bejagt das Revier Naunstadt, zu groß. Auth sagt, die Jäger würden für die Misswirtschaft früherer Förstergenerationen, aus der die Borkenkäferkalamitäten resultierten, in Mithaftung genommen. Die Ethik der Jagd bleibe dabei auf der Strecke, wenn Forstwirtschaft die Jagd bestimmt.

Klaus Pöhlmann, Pächter des Reviers Merzhausen, hat dagegen Verständnis für den Erlass. "Die Waldbauern sind unsere Partner, denen müssen wir jetzt durch schärfere Bejagung helfen", sagt er, betont aber auch, dass er mit dieser Meinung in Jägerkreisen relativ alleine steht.

Trockenheit ist größeres Problem für den Wald

Kein Absatzproblem beim Wildbret hatte Gisbert Müller, Chef des Bad Homburger Jagdvereins Hubertus. Er sagt, derzeit werde ohnehin kaum etwas geschossen. Im Übrigen wollten die Jäger gar nicht früher jagen. Die jetzt ab 1. April freigegebenen Spießer und Schmaltiere beim Rotwild liefen auch nicht gerade in Scharen herum. Zum Schutz der Pflanzen früher und verstärkt zu jagen, sei "Unsinn", sagt Müller. Was jetzt wachse, drohe eher zu vertrocknen als "angeknabbert" zu werden. Die Jäger sähen das Wild auch nicht als Feind. Es sei Teil des Waldes, müsse artgerecht geschützt und bejagt werden, ohne es auszurotten.

Ähnlich sieht das auch Margarita von Gaudecker, Schriftführerin der Rotwildjägervereinigung. Es habe zwar Absatzprobleme gegeben, die sich für die Zukunft vielleicht durch gemeinsame Vermarktung und Werbung für das Lebensmittel Wildbret lösen ließen. Andererseits seien die Jäger dem Tierschutz verpflichtet, der das sinnlose Töten von Wirbeltieren verbiete.

Bad Homburgs Stadtförster Günter Busch bestätigt das durch den Rehwilddruck auf den viel Futter bietenden Kahlflächen entstehende Problem ebenfalls.

Eine etwas andere Sicht der Dinge hat der Leiter des Hessischen Forstamtes Königstein, Ralf Heitmann. Für ihn gilt das "Gesetz der Geduld". Es sei sinnvoll, zunächst wissenschaftlich zu untersuchen, welche Bäume auf welchen Kahlflächen am besten wachsen, wo man Naturverjüngung ihren Lauf lassen und wo man sie vielleicht mit schnellwüchsigen, klimastabileren Bäumen überstellen sollte, um sie so zu schützen. Idealerweise dauere dies bis zu vier Jahre. Und außerdem: "Es gibt nicht nur den Borkenkäfer, sondern auch den Rüsselkäfer." Der niste bevorzugt in frischen Baumstubben und befalle durch Naturverjüngung aufwachsende Jungbäume, am liebsten Fichten. Drei bis vier Jahre reichen, so Heitmann, etwa aus, um eine Fläche rüsselkäferfrei zu machen. alexander schneider

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