Goethe in Bad Homburg

Der Turm im Morgennebel

Mit Johann Wolfgang von Goethe werden die Namen von Städten wie Weimar, Frankfurt, Straßburg, aber auch Wiesbaden verbunden. Weniger bekannt ist, dass auch Homburg zu den Stationen im Leben des Dichters gehört. Sogar ein Gedicht hat er einer Affäre in der Residenzstadt gewidmet.

Von Wolfgang Rüdell

Der Weiße Turm aus dem 14. Jahrhundert ist eines der markanten Wahrzeichen Bad Homburgs. Er hat alle Landgrafen gesehen, sogar Kaiser Wilhelm II. hat in seinem Schatten Hof gehalten. Und – das ist weniger bekannt – der Turm ist steinerner Zeuge einer der zahlreichen Liebschaften Johann Wolfgang von Goethes (1749 – 1832). In seinem Gedicht „Pilgers Morgenlied“ hat er 1772 nicht nur der Homburger Hofdame Louise von Ziegler (1747 – 1814) ein literarisches Denkmal gesetzt, sondern auch den Weißen Turm nicht unerwähnt gelassen (siehe Box).

Literarisches Soirée

Es war eine kleine Runde, die sich am Donnerstagabend am wiedererrichteten Teehaus an Goethes Ruh im Schlosspark zusammengefunden hatte zu einer historisch- literarischen Soirée, um bei Rheingauer Wein aus der Hessischen Staatsdomäne Kloster Eberbach mehr über Goethes Besuche in Homburg im Allgemeinen und seine Beziehung zu Louise von Ziegler im Besonderen zu erfahren. Der Referent, Dr. Klaus-Dieter Metz, ist vielen Bad Homburgern als ihr Deutschlehrer am Kaiserin-Friedrich-Gymnasium bekannt. Seit über 30 Jahren bearbeitet er auch literarische Themen für das Stadtarchiv.

„Großer Goethe – kleines Homburg“ stellte der Referent den Kontrast zwischen dem gefeierten Klassiker der deutschen Literatur und der kleinen Residenzstadt mit ihren damals rund 3000 Einwohnern heraus. In Bad Homburg wird an Goethe auch nur spärlich erinnert, vielmehr steht Hölderlin im Mittelpunkt der Gedächtnispflege.

Immerhin wurde auf Anregung von Heinrich Jacobi das Plätzchen am Steinbruch im Schlosspark zu einem Erinnerungsort für Goethe auserkoren, obwohl es keine Belege dafür gibt, dass dieser sich tatsächlich einmal dort aufgehalten haben könnte. So müssen auch Gedanken an eine romantische Begegnung des jungen Juristen mit der hübschen Hofdame in dem idyllischen Gärtchen der Phantasie überlassen bleiben.

Insgesamt lassen sich fünf Besuche Goethes in Homburg belegen, berichtete Dr. Metz. In „Dichtung und Wahrheit“ erwähnt der Dichter Homburg zwei Mal. An einer Stelle berichtet er: „So besuchten wir Homburg, Kronberg, bestiegen den Feldberg, von dem uns die weite Aussicht immer mehr in die Ferne lockte.“

Pilgers Morgenlied

Poetisch ist Homburg bei Goethe ein Mal zu lokalisieren: in dem Gedicht „Pilgers Morgenlied“, das der Dichter Louise aus Wetzlar zukommen ließ. Inspiriert hatte ihn der Anblick Homburgs im Vorüberfahren, als er im Mai 1772 auf dem Weg zum Reichskammergericht war, um dort ein halbjähriges Praktikum zu absolvieren.

Johann Wolfgang Goethe – geadelt wurde er erst 1782 – hatte seine Jurastudien in Straßburg beendet und die Beziehung zu Friedrike Brion, der Pfarrerstochter aus Sessenheim hinter sich gebracht, als er im April 1772 mit seinem Freund Johann Heinrich Merck (1741 – 1791) „eine verrückte Reise … bis nach Homburg“ – wie Merck in einem Brief seiner Frau berichtete – antrat. Durch den Darmstädter Heereszahlmeister und Geheimen Kanzler hatte er auch Eingang in den „Kreis der Empfindsamen“ gefunden – einen Zirkel, der sich „ganz dem Naturempfinden, der Naturschwärmerei und dem Freundschaftskult verschrieben hatte“, wie ihn Dr. Klaus-Dieter Metz charakterisiert.

Bei den Treffen flossen die Tränen, die Empfindsamen umarmten und küssten sich, musizierten und sangen, aßen mit Ziegen an einem Tisch und hoben das eigene Grab aus. „Selbsttherapie“ bringt der Germanist die Aktivitäten auf den Punkt.

Diesem Kreis gehörte auch Louise von Ziegler, die Hofdame der Darmstädter Prinzessin und späteren Homburger Landgräfin Caroline, an. Alle Mitglieder gaben sich besondere Namen, Louise wurde „Lila“ – Pate stand der violette Flieder – genannt, Goethe „Pilger“ oder „Wanderer“. Er selbst nannte den Kreis „Gemeinschaft der Heiligen“.

Beidseitige Zuneigung

Der junge Dichter fand an Louise Gefallen, und diese Zuneigung „blieb nicht unerwidert, sie war offensichtlich beidseitig“, berichtete Dr. Metz. Doch bekanntlich wurde nichts daraus. Louise heiratete eineinhalb Jahre später den preußischen Offizier Gustav von Stockhausen. Die Ehe soll unglücklich gewesen sein. Goethe indessen hatte sich schon in Wetzlar bald in Charlotte Buff verliebt.

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