Playmobilfiguren zeigen die Aufteilung und Gleichförmigkeit des 600 Mann starken Heeres. 480 waren davon Fußsoldaten, der Rest Kavallerie.
+
Playmobilfiguren zeigen die Aufteilung und Gleichförmigkeit des 600 Mann starken Heeres. 480 waren davon Fußsoldaten, der Rest Kavallerie.

Fiese Waffen zu Zeiten der Römer

Übermächtig, präzise und meistens tödlich

  • Anke Hillebrecht
    VonAnke Hillebrecht
    schließen

Saalburg zeigt neue Dauerausstellung zur Waffentechnik - Sie wurde didaktisch zeitgemäß aufbereitet: Man kann auch mal etwas anfassen

Bad Homburg -Es ist ein kleiner Raum, die Armamentaria, die Waffenkammer der Saalburg - und doch sind große, beeindruckende Exponate darin zu sehen. 16 Nachbildungen antiker Geschütze - selbst rund 120 Jahre alt - lehren Besucher des Römerkastells jetzt das Fürchten. Eine neue Dauerausstellung, die am Freitag (19.11.2021) eröffnet wurde, befasst sich mit der Bewaffnung und Waffentechnik der römischen Grenztruppen.

Es ist eine weltweit einzigartige Sammlung rekonstruierter antiker Geschütze, wie Saalburg-Direktor Dr. Carsten Amrhein erläutert - erstmals ist sie vollständig zu sehen. Dazu wurden Geschütze aus dem Depot geholt und stehen nun mit Leihgaben eines anderen Museums in der Saalburg. Gebaut hat sie seinerzeit Artillerie-Oberst Erwin Schramm mit großzügiger Unterstützung des waffenbegeisterten Kaisers Wilhelm II.

Was auf den ersten Blick aussieht wie eine große Armbrust, funktioniert aber nicht wie Pfeil und Bogen - die Kunst der Verteidigung war zu hellenistischer und römischer Zeit schon weiter. Bereits seit dem 3. Jahrhundert vor Christus gab es Geschütze wie die hier dargestellten: Durch Torsion - das Verdrehen elastischer Seile, die aus Pferdehaar oder Tiersehnen hergestellt wurden - entstand eine ungeheure Kraft, die in den frühen "Maschinengewehren" gespeichert und zum richtigen Zeitpunkt abgerufen werden konnte. Gefeuert wurden Steinkugeln unterschiedlichen Kalibers. Da die Geschosse punktgenau landen konnten, handelte es sich um Präzisionswaffen.

Wie übermächtig der größte Geschütztyp der Antike wirkte, veranschaulicht ein fünf Meter hohes Wandbild im Ausstellungsraum. Es zeigt ein dreitalentiges Geschütz in Originalgröße - die Reste einer solchen Anlage wurden im Irak gefunden. Drei kräftige Soldaten brauchte es, um sie zu bedienen. Die Geschütze kamen etwa bei Belagerungen zum Einsatz - auch am Limes.

Kettenhemd heben, Maschine selbst drehen

Neu in der Ausstellung sind die zeitgemäßen didaktischen Elemente. "Unsere Besucher, vor allem die jüngeren, mögen gern etwas zum Anfassen", weiß Amrhein. Und so kann man jetzt nicht nur Exponate anschauen, sondern auch an einem Modell selbst Hand anlegen und spüren, wie hoch der Torsionsdruck ist; man kann Schwerter in die Hand nehmen und an einer Replik auch mal erspüren, wie schwer (und ölig) ein Kettenhemd war. Zudem gibt es digitale "Medienstationen", die per Fingerdruck mit bunten Grafiken Näheres über die Historie erzählen.

Möglichst wenig Gedrucktes, dafür mehr fürs Auge war die Maxime für die neue Schau, erläutert Amrhein. So steht man zuerst zwei römischen Soldaten samt ausgestopftem Pferd gegenüber. Wen erstaunt, dass der Söldner blond ist, dem sei gesagt, dass das Römische Reich sich bekanntlich bis nach Nordwest-Europa erstreckte - die Saalburg wurde um 135 n. Chr. von der 2. Raetischen Kohorte ausgebaut. Die Räter lebten nördlich der Alpen; weiteres Fußvolk wurde in unseren Breiten rekrutiert. "Das waren Leute wie du und ich", sagt der Museumsdirektor.

Apropos: Besagtes Heer aus 480 Fußsoldaten und 120 Reitern ist von allen Seiten zu bewundern - als Playmobil-Figuren. Zwei "schlankfingrige" FSJlerinnen brauchten zwei Tage, um die Figürchen exakt in einer Vitrine aufzustellen. Eine Wandgrafik erläutert Näheres. Der Nachbau eines Limes-Wachturms im Maßstab 1:2 aus mutmaßlichen Originalmaterialien zeigt, wie die Soldaten darin lebten. Aus einer weiteren Vitrine fliegen einem gefühlt 150 Geschossspitzen aus den Geschützen entgegen - alles Originale.

Weitere echte Fundstücke werden anschaulich an einem stilisierten Oberkörper präsentiert: ein grünlicher Helmbügel, eine zierliche Gewandfibel, ein Schwertteil - und ein Häuflein Metall, das an ein altes Autoteil erinnert, aber ein zusammengerostetes Kettenhemd aus dem 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr. ist: Diese Exponate, gefunden in der (Taunus-) Erde und seit mehr als 2000 Jahren erhalten, sind es, die am meisten verblüffen.

Beim Eintritt gilt 3Gplus

Die neue Dauerausstellung befindet sich in den Armamentaria, der Waffenkammer der Saalburg - zu finden rechterhand hinter der Halle der Principia.

Das Römerkastell Saalburg hat von November bis Februar dienstags bis sonntags jeweils von 9 bis 16 Uhr, im Sommerhalbjahr täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt: 7, ermäßigt 5 Euro, Kinder/Jugendliche ab sechs Jahre: 3 Euro. Es gilt 3G Plus: Zutritt haben derzeit nur vollständig Geimpfte, Getestete (PCR-Test nicht älter als 24 Stunden) oder Genesene. Kinder unter 6 Jahren sind von der Testpflicht befreit. Für Schulkinder ist die Vorlage des Testhefts ausreichend.

Die Umsetzung der modernen didaktischen Konzeption wurde ermöglicht mit einer Grundfinanzierung von 220 000 Euro vom Land Hessen und Zuschüssen des Fördervereins Saalburg, der die Innenausstattung des Turmmodells, die Anschaffung eines Geschützes sowie der Figurine eines Reitersoldaten mit Pferd mit insgesamt 50 000 Euro finanziert hat. Von Anke Hillebrecht

Saalburg-Leiter Dr. Carsten Amrhein (Mitte) und seine Stellvertreterin Elke Löhnig inmitten der Geschütz-Nachbauten. Rechts ein Wandbild, das die Dimension des größten Geschütztyps der Antike zeigt, einem so genannten dreitalentigen Geschütz.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare