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Unser Olympiasieger Sönke Rothenberger erzählt

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Neulich in der Pizzeria Napoli. Die Rothenbergers gehen spontan gemeinsam aus, nach den ereignisreichen Wochen in Brasilien ein wenig Ruhe, das tut gut.

Neulich in der Pizzeria Napoli. Die Rothenbergers gehen spontan gemeinsam aus, nach den ereignisreichen Wochen in Brasilien ein wenig Ruhe, das tut gut. Als Sönke Rothenberger mit seiner Familie das Restaurant betritt, applaudieren die Gäste.

Neulich im Kinopolis. Sönke Rothenberger möchte sich einen neuen Film anschauen, endlich mal wieder mit Freunden abends unterwegs. Ein Kinobesucher steuert zielstrebig auf den Bad Homburger zu, Rothenberger kennt ihn nicht, aber der junge Mann kennt ihn. Frage: „Sie haben doch die Goldmedaille gewonnen?“ Antwort: „Ja.“ Händeschütteln, ein gemeinsames Foto mit dem Smartphone.

Sönke Rothenberger ist jetzt Olympiasieger. Die Dimension eines solchen Erfolges kann einem 21-Jährigen noch gar nicht bewusst sein. Seitdem er wieder zu Hause ist aus Rio, kann der Dressurreiter es aber zumindest erahnen.

„So richtig realisieren kann ich es immer noch nicht“, sagt der Blondschopf. Er sitzt auf der Terrasse seines Elternhauses. Das Gestüt Erlenhof ist außerhalb von Dornholzhausen malerisch gelegen. Hoch aufgeschossen und gertenschlank ist Rothenberger junior, das wissen Millionen von Fernsehzuschauern spätestens seit der Siegerehrung der Mannschaftsdressur, neben dem Student wirkten seine drei Teamkolleginnen so klein. Groß und schlank ist er, ja, vor allem aber ist er höflich, fast zurückhaltend, und er wirkt trotz seiner jungen Jahre schon sehr geerdet.

An der Frankfurt School of Finance & Management, wo Rothenberger Betriebswirtschaftslehre studiert, wurde er nach seiner Rückkehr aus Brasilien angesprochen, warum er denn vorher gar nichts erzählt habe. Rothenberger hat daraufhin wahrscheinlich erst einmal leicht verlegen gelächelt, wie er es häufig tut, man kann es sich gut vorstellen. Eine Sonderbehandlung habe er nicht gewollt, erzählt Rothenberger. Auch in den intensiven Trainings- und Turnierwochen vor Rio, als er noch gar nicht genau wusste, ob er die sportliche Qualifikation schafft, hielt er den Lehrplan einfach ein.

„Ich habe das nie an die große Glocke gehängt“, sagt Sönke Rothenberger. „Man muss das zeitliche Management eben im Auge haben.“ Er sagt gerne „man“ anstatt „ich“, er drängt sich ungern in den Mittelpunkt.

Wie man damit umgeht, im Fokus zu stehen, hat Sönke Rothenberger, das zweite von drei im Reitsport hochbegabten Kindern der ebenfalls mit Olympischen Medaillen ausgezeichneten Sven und Gonnelien Rothenberger, schnell raus gehabt. So langsam, fast drei Wochen nach seinem Olympiasieg mit der deutschen Dressur-Equipe, werden die Einladungen, Interview-Anfragen, die Fanpost und Whatsapp-Nachrichten weniger. Das mediale Interesse, sagt der Blondschopf, nehme man gerne mit. Es gehöre eben dazu. Schon Routine.

Was den Goldmedaillengewinner aber bewegt, sind Briefe von Menschen, mit denen der Kontakt schon abgerissen schien und die sich jetzt meldeten, alte Freunde aus den USA etwa. Die Nachrichten auf dem Handy – fast 1000 dürften es am 12. August, dem Tag des größten aller möglichen sportlichen Erfolge gewesen sein – hat er immer noch fest vor, zu beantworten. Alle.

*

Gut drei Wochen hielt sich Sönke Rothenberger in Rio auf. Rund die Hälfte der Zeit war Vorbereitung, drei Tage standen im Zeichen seiner Ritte im Grand Prix und „Spezial“, mit denen er sehr zufrieden war und ist. Danach war Genießen vor Ort angesagt, gemeinsam mit seinen Eltern und seinen Schwestern Sanneke und Semmieke. Eine Impression jagte die nächste. Die TZ schildert ein paar davon.

DIE ERÖFFNUNGSFEIER

„Ein einzigartiges Erlebnis“, schwärmt Sönke Rothenberger mit leuchtenden Augen. Als Mitglied der deutschen Olympia-Mannschaft stand er mit den Teamkollegen in der Schleuse des Stadions – im Dunkeln. Ein Vorhang versperrte den Athleten die Sicht nach draußen, die Atmosphäre war schon gut zu hören. Hier wartete eine Gruppe aus Sportlern nach der anderen hinter ihrem Fahnenträger, ganz brav, bis sie aufgerufen wurde.

„Wir kamen glücklicherweise ziemlich am Anfang dran, in Brasilien sind wir ja Alemannia“, erzählt Rothenberger. Als sie dort also warteten, hätten ein paar Sportler womöglich die Handballer die Nationalhymne angestimmt. „Und alle haben mitgesungen“, erzählt Rothenberger. „Das war ein Wahnsinnsgefühl.“

Sehr herzlich habe das Publikum die deutschen Sportler dann empfangen, „in einem Outfit, das nicht so meins war, aber na gut“. Aus Sicherheitsgründen seien prominente Sportler wie Schwimmer Michael Phelps und Tennisspieler Rafael Nadal durch den Hintereingang geschleust worden. Superstars habe er auch im Olympischen Dorf nur in Begleitung von Bodyguards gesehen, erzählt der Homburger.

DAS OLYMPISCHE DORF

Der Fastfood-Riese hatte als einer der Sponsoren eine Filiale in der „kleinen Sportlerstadt“ (Rothenberger) eröffnet. „Ich gehe da auch gerne mal hin“, gibt der Reiter zu, „habe aber eigentlich gedacht, ich würde gleich drankommen.“ Fastfood ist einer sportlichen Leistung bekanntlich eher abträglich. Doch kaum zu glauben: Am ersten Tag sei das Essen nach einer Stunde ausverkauft gewesen. Rothenberger schüttelt immer noch ungläubig den Kopf, als er das erzählt.

Zentraler Treffpunkt der Sportler sei die Mensa gewesen. „Sehen Sie unsere Reithalle da hinten“, zeigt Rothenberger auf ein Gebäude, das nicht klein ist. „Vier Mal so groß war die Mensa, vielleicht auch sechs Mal so groß, so etwas habe ich noch nicht gesehen.“ Mancher Sportler kam ihm bekannt vor, die meisten nicht. Umso interessanter sei manches Gespräch verlaufen, in dem aufgelöst wurde, welche Sportart derjenige betreibe. Anhand des Körperbaus habe man schon Vermutungen anstellen können – ein munteres Ratespiel, das sich jeden Tag wiederholte.

IM SAMMELFIEBER

Mit Teilnehmern aus anderen Ländern kam Sönke Rothenberger leicht ins Gespräch, viele steuerten auch geradewegs auf ihn zu. Der Grund: die Pins. Jeder Teilnehmer hatte vom Deutschen Olympischen Sportbund welche bekommen – und viele Athleten anderer Nationen von ihrem Sportverband auch. So entwickelten sich das Olympische Dorf und die Sportstätten zu wahren Tauschbörsen. An der Reitsport-Arena habe man am besten tauschen können, schmunzelt Rothenberger, da sei das Sportler-Aufkommen überschaubarer gewesen.

Sonst habe er sich – mit Pin oder ohne – zum Beispiel mit dem Schwimmer Paul Biedermann unterhalten und mit der Fechterin Britta Heidemann, die auf Stimmenfang war, um in die Athletenkommission des IOC gewählt zu werden. Rothenberger hört sich eher wie ein Fan denn ein Olympiasieger an, als er das erzählt. Ebenso stolz berichtet er davon, die Stars Michael Phelps und Usain Bolt im Wettkampf live erlebt zu haben.

DIE MANNSCHAFT

Ein Begriff, der durch Jogis Jungs zuletzt geprägt wurde, der aber auch auf die deutschen Dressurreiter zutraf. Denn sie waren eine echte. Dieses Mannschaftsgefühl sei schon beim Abflug in Lüttich aufgekommen, während der Spiele sei man dann fast immer zusammen unterwegs gewesen. Die Altersunterschiede: 21, 29, 47, 47 – laut dem Jüngsten waren sie kein Problem.

„Isa (die sechsmalige Olympiasiegerin Isabell Werth, Anmerkung d. Red. ) hat mir gesagt: Mach einfach dein Ding.“ Er sei vor seinen Ritten nicht aufgeregter gewesen als sonst auch, erzählt Rothenberger. Mit seiner Leistung wäre der 21-Jährige, der als nächstes Ziel die EM 2017 in Göteborg nennt, bei den letzten Europameisterschaften im Team des Siegers, den Niederlanden, der Beste gewesen. In Rio war er der Viertbeste von vier überragenden Deutschen. „Ein Quartett hat bei Olympia noch nie eine so hohe Punktzahl geholt“, ist Rothenberger stolz, „und das mit drei neuen Pferden.“

DAS PFERD

„Cosmo wird vielleicht einmal das beste Pferd der Welt sein. Ohne ihn, das muss man ehrlich sagen, wäre ich nie bei Olympia gelandet“, sagt Rothenberger. Der neunjährige Wallach hatte dann für eine Schrecksekunde gesorgt, als er vor der Siegerehrung scheute und Pfleger Bobbie Sanderson mit einem Tritt verletzte. „Man lernt schon beim kleinen Reitabzeichen, dass ein Pferd links geführt werden soll“, nimmt Rothenberger Pferd, aber auch Pfleger in Schutz. „Der Veranstalter wollte, dass Bobbie rechts läuft. Dadurch und wegen der Aufregung durch die ungewohnte Situation für Cosmo ist es wahrscheinlich dazu gekommen.“

Sanderson, der in einer Klinik behandelt wurde, habe aber im Stadion schon Entwarnung gegeben, so dass Rothenberger die Siegerehrung inklusive Nationalhymne schon wieder genießen konnte. Obwohl kaum Zuschauer da waren.

DIE BRASILIANER

Einerseits kann Rothenberger es nicht verstehen, dass die Ränge mancher Wettkampfstätte nur spärlich besucht waren. Das letzte Rennen des Rekord-Olympiasiegers Phelps habe auf dem Programm gestanden. „Das letzte Rennen“, wiederholt Rothenberger. Doch als der Brasilianer aus dem Becken gestiegen sei, hätten die meisten das Schwimmstadion vorzeitig verlassen. Auf der anderen Seite habe er die Brasilianer als sehr nett und herzlich erlebt, wenn er mit ihnen direkt in Kontakt kam. Wie beim Friseur um die Ecke, den er spontan aufgesucht habe – mitten in der Favela, denn das Armenviertel grenzte direkt ans Reitstadion an.

*

Was für Sönke Rothenberger spricht, ist, dass er in seinem Rio-Rückblick auch das tragische Schicksal von Kanu-Trainer Stefan Henze anspricht, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Die Nachricht des Unfalls habe die Dressurmannschaft am Abend ihres Triumphes im Deutschen Haus ereilt. „Wie schnell so etwas passieren kann. . .“, sagt Rothenberger leise, ob dieser Tragödie immer noch fassungslos. Und wie bemerkenswert es sei, dass der Mann durch seine Organspenden anderen Menschen das Leben gerettet hat.

553 deutsche Olympiasiege hat es seit 1896 bei Sommer- und Winterspielen gegeben. Sönke Rothenberger hat zu einem beigetragen. „Neulich wurde davon erzählt, wie viele Olympiasieger noch leben. Man gehört schon zu einem erlesenen Kreis“, sagt er, immer noch etwas ungläubig darüber, dass er jetzt selbst dazugehört. Doch nicht Olympiasieger hält der junge Bad Homburger für Helden, sondern Menschen wie Stefan Henze.

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