1. Startseite
  2. Region
  3. Hochtaunus
  4. Bad Homburg

Viel erforscht, viele geheilt

Erstellt:

Von: Anke Hillebrecht

Kommentare

"Das könnten doch Brüste sein", sagt Dagmar Giesecke zu Masayuki Kooridas "Twist" vor den Hochtaunus-Kliniken. Die Brustkrebsexpertin mag sowohl die Skulptur als auch ihren langjährigen Arbeitsplatz. Dort hat sie in den vergangenen 35 Jahren viel bewirkt.
"Das könnten doch Brüste sein", sagt Dagmar Giesecke zu Masayuki Kooridas "Twist" vor den Hochtaunus-Kliniken. Die Brustkrebsexpertin mag sowohl die Skulptur als auch ihren langjährigen Arbeitsplatz. Dort hat sie in den vergangenen 35 Jahren viel bewirkt. © ahi

Dagmar Giesecke, Leitende Oberärztin im Brustkrebszentrum der Klinik, geht in den Ruhestand

Bad Homburg -Brüste, sagt die Frauenärztin. Hoden, hält der Urologe dagegen - was die "Blickachsen"-Skulptur des japanischen Bildhauers Masayuki Koorida auf dem Campus vor den Hochtaunus-Kliniken tatsächlich darstellt, ist natürlich Interpretationssache. Dagmar Giesecke, die langjährige Leitende Oberärztin der Gynäkologie an den Hochtaunus-Kliniken, hat da ihre Präferenz. Viele Jahre hat sie zum Thema Brust geforscht, sie operiert und viele Patienten geheilt. Jetzt geht die 64-Jährige in den Ruhestand - nach mehr als 35 Berufsjahren in Bad Homburg.

Die Südhessin wollte nach dem plötzlichen, tragischen Tod des Vaters wieder in die Nähe des Elternhauses ziehen, als sie die Kurstadt für ihren ersten Arbeitsplatz nach dem Studium wählte. 1987 begann sie in der Urseler Straße mit ihrem Praktischen Jahr und dem Schwerpunkt Geburtshilfe und Pränataldiagnostik. Dass sie sich im Laufe der Jahre onkologisch und hierbei auf die Brust spezialisiert hat, hatte mit Zufällen zu tun - und damit, dass sie in der Klinik auch dazu ermuntert wurde. "Es war immer ein toller Arbeitsplatz", sagt sie. Also blieb sie - und entwickelte sich weiter.

Die Klinik und Patientinnen haben aber auch ihr viel zu verdanken. Vor allem durch den Einsatz von ihr und ihrem Team hat Bad Homburg ein von der Deutschen Krebsgesellschaft anerkanntes Brustkrebszentrum, das die Homburgerin leitete. Hier war man in der Region vorndran, als es darum ging, Frauenheilkunde und Onkologie zu verbinden. Während die Erkrankten anderswo zur Chemotherapie in onkologische Tageskliniken gehen müssen, werden sie in Homburg vom selben Ärzteteam weiterbetreut. "Es war mir ein großes Anliegen, dass die Patientinnen nicht abgegeben werden", bekräftigt sie.

Wenn die Medizinerin erzählt, wie sich die Behandlung von Brustkrebs verbessert hat, ahnt man, wie sehr sie ihre Patientinnen beruhigen kann. Vor 35 Jahren wurde bei einem Brustkrebsverdachtsfall operiert, ohne zu wissen, ob der ertastete Knoten überhaupt bösartig war. "Heute weiß man vor der OP alles - das ist ein Riesenvorteil", meint sie.

OP ist eine gestalterische Aufgabe

Für die Chemotherapie hat sie die Medikamente noch selbst gemixt und der Patientin mit Blick auf die Uhr über eine Kanüle verabreicht - heute läuft die individuelle Herstellung in der Apotheke, und die Medikamente werden unter Aufsicht über Infusionspumpen verabreicht. Es gibt eine viel differenziertere Frühdiagnostik, Schwerpunktzentren und Leitlinien-Konferenzen, in denen sich Mediziner austauschen. Manchen Frauen könne sie sagen, dass diese nach absolvierter Therapie zu über 90 Prozent nichts mehr zu befürchten hätten.

Operiert habe sie immer gerne, sagt sie - "Brust-OPs sind gestalterisch vielfältig". In über 70 Prozent der Fälle bleibe die Brust erhalten, und anders als bei internistischen Operationen sieht man das Ergebnis. Zuweilen wird Gewebe von anderen Körperstellen "eingeschwenkt". Giesecke unterstützt im Einzelfall aber auch Frauen, die sich für eine Entfernung der Brust entscheiden. Das sei kein Tabu mehr; gerade manche schlanken Frauen könnten damit "ein ästhetisch ansprechendes Ergebnis erzielen".

Wie kam Giesecke als junge Frau zur Frauenheilkunde? "Es ist ein tolles Aufgabengebiet; ich wollte die Sterblichkeitsrate bei Neugeborenen und Müttern verringern helfen", erzählt sie. Auch finde sie es schön, Medizin für Frauen zu machen und dieses Fach zu verstärken. 72 000 Frauen erkranken in Deutschland jedes Jahr an Brustkrebs - es ist die häufigste Krebserkrankung der Frau. Ein Prozent betrifft auch Männer; Giesecke hat zwei oder drei männliche Patienten pro Jahr. "Für sie muss mehr getan werden", findet sie - Männer werden nicht zur Vorsorge eingeladen und weniger gut versorgt.

Vorstandsarbeit und mehr Sport

Dass sie nicht irgendwann zur Chefärztin aufstieg, mag an ihrem fehlenden Doktortitel gelegen haben - sie habe stattdessen "in Inhalte investiert". Aber sie war in der Klinik die erste Frau, die Oberärztin in einem operativen Fachgebiet wurde - und stellvertretende Chefärztin sei sie auch gern, sagt sie mit einem nachsichtigen Lächeln. So richtig darüber freuen, mehr Zeit zu haben, kann sie sich noch nicht. "Es ist schon ein echter Abschied." Und durchaus emotional. Bleiben wird sie die Vorsitzende des von ihr und Klinik-Geschäftsführerin Dr. Julia Hefty 2018 gegründeten Fördervereins "Onkologie der Hochtaunus-Kliniken - Die Lebensqualität im Fokus". Dort werden Erkrankte ermutigt, Sport zu treiben und kreativ zu sein - beides begünstige die Heilung. Auch privat will Dagmar Giesecke in ihrer freien Zeit zusammen mit ihrem Mann noch mehr Sport treiben - und weiterhin die "Falcons" unterstützen, das erfolgreiche Frauen-Basketballteam der Kurstadt. Eine ganz besondere Brust wird sie in ihrem Büro ihren Nachfolgern überlassen - ein Gemälde einer weiblichen Brust, dessen Glasscheibe beim Umzug ins neue Gebäude 2014 gesprungen ist. Lange bemühte sich die Gynäkologin um Ersatz, befand das lädierte Kunstwerk dann aber als bestes Bild für ein Sprechzimmer: "Trotz des Sprungs sieht man das Schöne."

Schön waren auch die Umstände ihrer letzten OP. Ende April hatte sie es auf Bitte einer Patientin, die an Corona erkrankt war, möglich gemacht, diese noch zu operieren, obwohl sie schon nicht mehr praktizierte. Es war auch eine jener Frauen, denen sie danach sagen konnte: "Zu mehr als 90 Prozent sind Sie geheilt."

Die Ärztin in jungen Jahren mit neuem Erdenbürger.
Die Ärztin in jungen Jahren mit neuem Erdenbürger. © privat

Auch interessant

Kommentare