Auslandssemester von TZ-Mitarbeiterin Judith Alpmann

Vier Lügen über China

„Warum willst du denn ausgerechnet nach China?“ Das habe ich öfter von Freunden, Verwandten oder Bekannten als erste Reaktion auf meine Auslandssemester-Pläne gehört.

„Warum willst du denn ausgerechnet nach China?“ Das habe ich öfter von Freunden, Verwandten oder Bekannten als erste Reaktion auf meine Auslandssemester-Pläne gehört. Die Frage ist durchaus berechtigt, schließlich habe ich bis zu meiner Abreise kein Wort Chinesisch gesprochen. Doch die chinesische Kultur, die Mentalität und die Möglichkeit, für vier Monate in einem mir fremden Land zu leben, haben mich schnell überzeugt. An Ort und Stelle musste ich allerdings erkennen, dass viele meiner Erwartungen nicht oder nur teilweise zutreffend waren. Welchen Vorurteilen ich aufgesessen bin und was ich in China bislang erlebt habe, habe ich in vier Klischees zusammengestellt.

Klischee Nr. 1 : „Englisch ist eine Weltsprache, die hilft einem überall.“ Dass das nicht stimmt, wurde mir ziemlich schnell klar. Als meine Kommilitonin und ich am Pekinger Flughafen ankamen und auf Englisch nach dem Weg zu den Bussen fragten, ernteten wir nur verwunderte Blicke und Kopfschütteln. Ziemlich schnell mussten wir feststellen: Chinesen, die Englisch sprechen, sind eine Rarität. Dennoch funktioniert die Kommunikation mittlerweile recht gut. Mit Gestik und Mimik und ein paar Brocken Chinesisch bin ich bisher immer ans Ziel gekommen. Eine Eigenart der Chinesen, die ich sehr ins Herz geschlossen habe, ist es, mit mir lange Gespräche auf Chinesisch zu führen, auch wenn sie wissen, dass ich kein Wort verstehe. So „unterhalte“ ich mich tagtäglich sehr nett mit der Frau vom Obststand – nur weiß ich immer noch nicht, worüber eigentlich.

Klischee Nr. 2 : „Chinesen vertragen nur wenig Alkohol.“ Das stimmt definitiv nicht, denn in vielen Teilen Chinas gibt es eine ausgeprägte Trinkkultur. Bei der Eröffnungsveranstaltung unserer Universität hieß es deshalb auch erstmal „ganbei“, was sich am ehesten mit „Prost“ übersetzen lässt. Doch während in Deutschland angestoßen und dann ein Schluck getrunken wird, leeren die Chinesen ihre Gläser – egal ob Bier oder 70-prozentiger Schnaps – mit einem Zug. Ausreden wie „ich vertrage nicht so viel Alkohol“ werden nicht gelten gelassen. Gemeinsames Trinken gehört zum guten Ton und ist auch bei Geschäftsessen verbreitet. Ein Chinese erzählte uns: „Wenn man mit seinem Businesspartner getrunken hat, schafft das Vertrauen, denn wer betrunken ist, lügt nicht.“ So wurde auch uns keine Wahl gelassen und unter dem strengen Blick unseres Professors mussten wir den Schnaps leeren.

Klischee Nr. 3 : „Chinesen sind immer höflich und zuvorkommend.“ Chinesen stellt man sich allgemein hin ruhig, freundlich und niemals aufbrausend vor. Das ist auch der Fall – mit einer Ausnahme: im Straßenverkehr. Hier scheinen alle chinesischen Tugenden über Bord geworfen zu werden. Stattdessen gilt das Prinzip des „Survival of the Fittest“. Insbesondere Taxifahrer liefern sich mit Vorliebe eine Verfolgungsjagd nach der anderen. Hupe und Lichthupe sind bei vielen Autofahrern im Dauereinsatz, überholt wird gerne auch mal über rechts. An Zebrastreifen langsamer zu werden oder gar anzuhalten kommt für die meisten Chinesen ebenfalls nicht in Frage.

Klischee Nr. 4 : „Chinesisches Essen ist gesund und fettarm.“ Gerade wir Mädels dachten, dass gesunde Ernährung in China ein Klacks werden würde. Ziemlich schnell folgte die Ernüchterung. In China, zumindest in unserer Provinz, wird mit Vorliebe alles frittiert, paniert und mit viel Öl angebraten. Auch die Esskultur ist anders, als erwartet. Während sich jeder Gast in Deutschland sein eigenes Gericht aussucht, werden in China alle Speisen in die Mitte des Tisches gestellt und geteilt. Während des Essens ist es laut, es wird viel Bier getrunken, anschließend sieht der Tisch meistens wie ein Schlachtfeld aus. Wer nach dem Essen nach einer getrennten Rechnung fragt, tappt ins nächste Fettnäpfchen. Denn die Rechnung wird in China stets von einem Gast beglichen, wie wir bei unseren ersten Restaurantbesuchen feststellen mussten. Noch heute ist es jedes Mal ein riesiges Chaos, wenn 15 Europäer verzweifelt versuchen, doch irgendwie den Rechnungsbetrag zu teilen.

Wahrscheinlich – ich hoffe es zumindest – kann man zwischen den Zeilen lesen, dass mein neues chinesisches Leben ein großes Abenteuer ist und jede Menge Überraschungen für mich bereithält. Wenn es mich eines gelehrt hat, dann, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, flexibel zu sein und stets neugierig zu bleiben. Wenn ich heute die Frage „Warum willst du denn ausgerechnet nach China?“ erneut beantworten dürfte, würde ich antworten: „Weil es das abwechslungsreichste und spannendste Auslandssemester ist, was ich mir vorstellen kann!“

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