Analyse

Warum die Trennung vom Kurdirektor allen schadet

Der Verwaltungsrat der Kur- und Kongreß-GmbH hat Kurdirektor Ralf Wolter fristlos gekündigt. Der Vorwurf lautet Pflichtverletzung. Wolter soll eine Anwaltsrechnung entgegen der Weisung von OB Alexander Hetjes über die Kur abgerechnet haben. Doch das Aus hatte sich bereits in den vergangenen Wochen abgezeichnet. Und dennoch fragt man sich, wie es dazu kommen konnte – denn Wolter hat einige Erfolge aufzuweisen. Eine Analyse von Redakteur Marc Kolbe.

Er selbst bezeichnete sich einst als den „nützlichen Idioten“ des (jeweiligen) Oberbürgermeisters. Das lässt sich zwar schwer mit dem ausgeprägten Selbstbewusstsein von Ralf Wolter in Verbindung bringen, doch was er damit meinte, ist klar: Er macht die Kärrnerarbeit, und wenn es gut läuft, sahnt das Stadtoberhaupt die Meriten ab. Jetzt hat der „nützliche Idiot“ seine Schuldigkeit getan und tritt von der Bühne ab. Als sein Vorgänger Peter Bruckmaier ging, verneigte sich die ganze Stadt vor dem Charmeur, Wolter muss den Hinterausgang nehmen. So ist das bei einer fristlosen Kündigung. Hat er das verdient? Nein! Denn er hat Spuren in der Stadt hinterlassen, die nachwirken werden: Bahnhof, Orangerie und Konzertmuschel – um mal die großen Bauprojekte zu nennen –, die Volksoper zum Bad Homburger Sommer und das Literatur- und Poesiefestival – um mal die kulturellen Höhepunkte zu nennen. Eine Stärke von Wolter war das Auftreiben von Sponsoren, ein Coup war in diesem Zusammenhang die Gründung der Stiftung Historischer Kurpark. Allerdings: Projekte wie der Kino-Komplex am Bahnhof und die Neugestaltung des Kurhauses kann er nun nicht mehr beenden beziehungsweise in Angriff nehmen.

Seine Erfolge hat der ehemalige Zehnkämpfer gestemmt, obwohl er von Anfang an Gegenwind hatte. Die einen ärgerten sich, dass die damalige OB Dr. Ursula Jungherr (CDU) den Bürgermeister von Eppstein im Alleingang in die Kurstadt geholt hatte, die anderen erklärten die Schuhe seines Vorgängers als zu groß. Legendär ist die Fehde mit Ex-Bürgermeister Karl Heinz Krug (SPD). Mehrfach kreuzten die Männer, die beide nicht mit einem zu kleinen Ego ausgestattet sind, die Klingen, es ging ums Geld, die Fronten waren zuletzt sehr verhärtet. Aber auch im FDP-Mann Wolfgang Hof hatte Wolter einen ewigen Widerpart, der dem Kurdirektor unter anderem dessen Vorgänger in den Verwaltungsrat setzte.

Aber es gibt auch „Probleme“, die Wolter selbst verschuldet hat. Sein Networking blieb auf einen exklusiven Kreis beschränkt, ein Volkstribun à la Bruckmaier war Wolter nie. Im Alm-Stadl, beim Laternenfest oder anderen Festen, die das gemeine Volk so liebt, sah man ihn selten bis nie. Das trug ihm schnell den Ruf ein, ein Freund der Hochkultur zu sein, der sich um die Belange des einfachen Bürgers nicht so recht schert. Das erste große Gegrummel handelte er sich schon kurz nach Amtsantritt ein, als er das populäre Fischerstechen im Schwanenteich abschaffte.

Doch all das hat nichts mit seinem Aus zu tun. Offiziell wird seine üppige Altersvorsorge genannt. Es erstaunt aber, dass dafür keine Regelung gefunden werden konnte – offensichtlich waren beide Seiten nicht bereit, aufeinander zu zugehen. Aber welcher Politiker will Wolter die Vertragsinhalte vorwerfen? Zu einem Vertragsabschluss gehören mindestens zwei – oder wie in diesem Fall gleich ein ganzer Verwaltungsrat. Handelt es sich um eine Sollbruchstelle? Man wird das Gefühl nicht los, als würde für ein klares Bild ein Puzzleteil fehlen. Und am Ende kann man es auch drehen und wenden, wie man will, von dem Abschied in dieser Form profitiert niemand – im Gegenteil, es bleibt ein Schatten auf allen Beteiligten zurück, auf dem OB, auf Wolter, auf der Kur. Wie groß die gefühlte Verletzung bei Wolter sein muss, zeigt sich daran, dass er nicht bereit war, die 3000 Euro für die Anwaltsrechnung zu begleichen, die letztlich zu seiner fristlosen Kündigung geführt hat.

Es gibt eigentlich nur noch eine Eskalationsstufe, die über dieser Trennung nach Bad Homburger Art liegt: das Aus für die ehemalige Geschäftsführerin der Königsteiner Kur-GmbH, Almut Boller, die ihr Büro unter Polizeiaufsicht räumen musste. Schlimmer geht’s immer.

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