Die Homburger Feuerwehr kann ihre Einsatzkräfte jetzt selbst auf Corona testen, wie es hier demonstriert wird.
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Die Homburger Feuerwehr kann ihre Einsatzkräfte jetzt selbst auf Corona testen, wie es hier demonstriert wird.

Corona-Tests für Bad Homburger Feuerwehr

Bad Homburg: Auch Retter nicht unverwundbar – Feuerwehr entwickelt Corona-Strategie

  • Harald Konopatzki
    vonHarald Konopatzki
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In Bad Homburg baut die Feuerwehr nicht nur eine eigene Corona-Schnelltest-Infrastruktur auf, sondern ist damit auch Vorbild für andere. Die Impf-Priorisierung kommt bei ihnen jedoch nicht gut an.

Bad Homburg -Kaum ein Bereich der Gesellschaft hat solch eine Doppelfunktion wie die Feuerwehr, wenn es um das Thema "kritische Infrastruktur" geht. Die Brandbekämpfer werden gerufen, wenn es darum geht, diese kritische Infrastruktur - etwa Strom- oder Wasserversorgung, aber auch Straßen und Schienenwege - zu schützen oder um nach einem Zwischenfall "Erste Hilfe" zu leisten.

Doch sie sind auch selbst Teil dieser Infrastruktur, ohne die nichts funktioniert: Ohne vernünftige Fahrzeuge und gutes Material wird's schwer - und ohne ausreichend Personal unmöglich.

Corona-Impfung für die Feuerwehr – niedrige Priorität trotz Einsatz an „vorderster Front“

Umso verwunderlicher ist es nicht nur für den Leiter der Bad Homburger Feuerwehr, Daniel Guischard, dass Feuerwehrleute in der Corona-Impfpriorität relativ weit unten gelandet sind. Zur Einordnung: In der aktuellen Fassung der Impf-Verordnung des Landes fallen auch in die dritte Priorität (unter anderem Menschen zwischen 60 und 70 Jahren) nur Personen, "die in besonders relevanter Position ( . . .) bei der Feuerwehr, beim Katastrophenschutz einschließlich des Technischen Hilfswerks ( . . .)" tätig sind.

Dabei, so betont Guischard, habe auch die Feuerwehr bei Einsätzen einerseits Kontakt zu Infizierten, andererseits sind im Einsatz etwa die Abstandsregeln nicht immer einzuhalten. "Wir sind da oft an vorderster Front, häufig erfahren wir erst nachher, dass ein Patient Corona-positiv war."

Risiko für Corona-Infektionen bei der Bad Homburger Feuerwehr soll minimiert werden

"Es ist schwierig, wenn ich weiß, dass die Feuerwehrleute noch nicht ausreichend geschützt sind, und ich da auch nicht mehr machen kann", sagt Guischard zur Impf-Reihenfolge. So müsse er als Verantwortlicher Menschen, die sich ehrenamtlich für die Gemeinschaft engagieren, einem erhöhten Risiko aussetzen. Dabei gebe es vor allem angesichts der ansteckenderen Mutanten zwei Problemfelder. "Zum einen besteht das Risiko, dass Infektionen in die Feuerwehr eingebracht werden und sich dort ausbreiten können." Was es bedeutet, wenn zu viele Retter gleichzeitig ausfallen, mag man sich nicht vorstellen.

Doch es gibt noch ein zweites Problem: "Soll man es zulassen, dass Menschen durch ihren freiwilligen Dienst nicht nur sich selbst, sondern auch Lebenspartner und Angehörige gefährden? Wir haben Väter und Mütter in unseren Reihen, Angehörige von Risiko-Patienten", sagt Guischard, "und letztlich ist die Arbeit in der Feuerwehr freiwillig - ich kann es niemandem verübeln, wenn ihm das Risiko zu hoch erscheint". Das Argument wiegt umso schwerer, wenn man weiß, dass es bei allen Hilfsorganisationen einen Grundsatz gibt: Eigenschutz geht vor. Dem sind nicht nur die Helfer verpflichtet, auch die Führungskräfte müssen das gesundheitliche Risiko für "ihre" Kräfte so gering wie möglich halten.

Eigene Corona-Test-Infrastruktur für Feuerwehr in Bad Homburg

Um das zu erreichen, kommt den Homburgern eine zweite Weisheit aus dem Einsatzdienst zugute: Man kann nur das tun, was möglich ist - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sprich: Wenn ein Haus in Flammen steht und nicht zu retten ist, wird die Feuerwehr nicht einfach einpacken und abfahren, sondern versuchen, die Nachbarhäuser zu schützen. Übertragen auf Corona bedeutet das, dass die Homburger Wehr ihren Einsatzkräften und deren Familien mit einer eigenen Test-Infrastruktur bereitsteht. Die Einsatzkräfte können darauf zählen, dass sie schnell und unbürokratisch getestet werden, wenn sie das möchten. "Und dieses Angebot gilt auch für deren Familienangehörige", so Guischard.

Hilfreich war, dass bereits seit 2010 im städtischen Haushalt ein Sonderkonto "Pandemie-Prävention" etabliert wurde, über das in den ersten Jahren der Aufbau einer strategischen Reserve für den Ernstfall ermöglicht wurde - ein Grund, warum die Bad Homburger Einsatzkräfte in der ersten Hochphase der Pandemie ausreichend Desinfektionsmittel und andere Schutzausrüstung zur Verfügung hatten.

Corona-Schutz der Feuerwehr in Bad Homburg: 4000 Test-Sets angeschafft

Auch bei der Beschaffung der Tests musste man nicht lange auf die Finanzierungszusage warten. Das sollte jedoch auch selbstverständlich sein. "Man darf sich da als Träger der Feuerwehr nicht zurückhalten", mahnt Guischard. Insgesamt wurden bislang 4000 Test-Sets - 2500 Schnelltests und 1500 Laien-Selbsttests - beschafft und stehen nun zur Verfügung. Damit nicht genug. "Die Tests können nur dann helfen, wenn sie richtig angewandt werden", sagt Kai Rüttger. Rüttger, der quasi im Katastrophenschutz groß geworden ist, als Oberarzt an der Homburger Klinik arbeitet und reichlich Erfahrung als Notarzt und als Ärztlicher Leiter Rettungsdienst hat, berät die Homburger Feuerwehr nicht erst seit der Pandemie.

Er setzt zusammen mit einem Kollegen und 16 Helfern, die eine rettungsdienstliche Ausbildung oder eine Ausbildung als Sanitäter haben, die Theorie in die Praxis um. Es sei sichergestellt, dass innerhalb kurzer Zeit qualifiziertes Personal verfügbar ist, um die Tests durchzuführen.

"Unter anderem ist es wichtig zu sensibilisieren, in welchem Zeitbereich welcher Test sinnvoll ist und wo die Virenlast am größten ist", erklärt Rüttger. Wirklich entscheidend für den Erfolg sei aber die handwerkliche Schulung derjenigen, die die Tests durchführen. Jeder Handgriff muss sitzen.

Feuerwehr in Bad Homburg: Durch Corona-Tests Infektionen frühzeitig erkennen

Es seien bereits einige Infektionen durch die freiwilligen Tests herausgefiltert worden - eine Weitergabe in die Gruppe und die Familien wurde so verhindert. Kein Wunder, dass das Konzept, das in Bad Homburg längst etabliert ist, bald auch andernorts aufgegriffen wird. Guischard: "Das Land beabsichtigt, den Feuerwehren 300 000 Tests zur Verfügung zu stellen" - vor allem Norbert Fischer, Vorsitzender des Kreisfeuerwehrverbands, setze sich sehr dafür ein, dass die Wehren entsprechenden Schutz bekommen. Nicht nur durch Testkonzepte, sondern auch durch ein Überdenken der Impf-Priorisierung.

Mit der Anschaffung allein ist es jedoch nicht getan, "die Tests müssen auch irgendwie eingesetzt werden", erklärt Guischard. Bei der Frage, wie das bei einer Feuerwehr zu organisieren ist, können die Entscheider in Homburg Erfahrungswerte einholen. Und im Zuge der Zusammenarbeit sei man auch für Anfragen von anderen Wehren und Diensten offen. (Harald Konopatzki)

Öffnung mit Corona-Schnelltest: Bad Homburg will Modellstadt werden.

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