Christof Jauernig

Die Welt mit dem Herzen sehen

Was passiert, wenn man seinen Job kündigt, ohne gleich einen anderen zu haben? Was geschieht, wenn man den Alltags-Zug bei voller Fahrt verlässt, wenn man einfach aussteigt? Darf man das überhaupt? Der gebürtige Bad Homburger Analyst Christof Jauernig hat über diesen Fragen gebrütet und für sich eine folgenreiche Entscheidung getroffen.

Darf man auf gutes Geld verzichten? Was ist mit den Rentenzahlungen? Was bedeutet ein „Knick“, eine Lücke, im Lebenslauf? Wird man unter der Brücke landen? Christof Jauernig hat lange darüber nachgedacht. Alle diese Fragen hat er mit sich herumgetragen, hat über sie geschlafen, Pro- und Kontralisten angefertigt. Gerade Letzteres schien für den Analysten, der für eine Unternehmensberatung Analysen zu Bankenthemen durchführte, naheliegend. „Man malt sich aber nur die negativen Konsequenzen aus, all das Schlimme, was passieren könnte. Das Positive ist schwieriger absehbar“, gibt er zu bedenken.

Schließlich habe ihm sein Körper, sein Bauch eine klare Antwort gegeben. Es gab für ihn keinen Zweifel mehr. Er würde kündigen und dann schon irgendwie alles hinkriegen. Jauernig gab sich noch etwas Zeit, um sich zu sortieren. Ende 2014 verließ er dann seinen Frankfurter Arbeitsplatz.

Die Überschrift zu der Geschichte, die nun mit dieser Entscheidung begann, könnte wie folgt heißen: „Vom Analyst, der ging, um die Welt mit dem Herzen zu sehen“. Diesen Satz lesen die Besucher der Webseite von Christof Jauernig, die von ihm und seinem neuen Leben voller Möglichkeiten erzählt.

Der heute 44-Jährige zog seinen Entschluss mit aller Konsequenz durch und ließ sich auf ein großes Abenteuer ein. „Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben Zeit“, erinnert sich der ehemalige Büroangestellte. Das war zunächst nicht ganz einfach, denn das „Hamsterrad“ war einfach stehengeblieben. Jauernig brauchte einen Moment, um „runterzukommen“. Er lernte, die Leere anzunehmen, die da plötzlich war, und auch den großen Raum für Neues.

Ausgestattet mit einem finanziellen Puffer füllte er diesen Raum mit einer sechsmonatigen Rucksackreise durch acht Länder Südostasiens. „Das war keine Selbstfindungsreise“, erinnert er sich, „die hatte ich schon vorher auf dem Weg zu meiner Kündigung.“ Er hat sich auf dieser Reise einfach sehr frei gefühlt, ist eingetaucht in den Moment, war „Gedanken verloren“, nicht mit Zukunftsängsten beschäftigt. Mit einer Kamera hielt er wundervolle Momente fest – Augenblicke wie den, als ein Schmetterling sich auf seiner Hand niederließ.

Bald drei Jahre später ist Jauernig irgendwie immer noch auf einer ungewissen Reise. Es gab die ein oder andere schwierige Zeit. Das zuvor gesparte Geld hat sich nicht wundersam vermehrt. Dennoch erfüllt ihn die Qualität seines neuen Lebens sehr viel mehr als die des alten. Das Vertrauen in den Augenblick und die Zuversicht, dass sich schon alles fügen wird hat ihn bis jetzt nicht im Stich gelassen. Unter dem Motto „Gedanken verloren“ hat Christof Jauernig durch eine Mischung von Zufall, Arbeit und glücklicher Fügung in den letzten Monaten 36 Mal zu Lesungen eingeladen, auf denen er von seinen Erlebnissen erzählt. Dort zeigt er auch seine Bilder in einer Fotoshow, die mit seinen eigens eingespielten, träumerischen Klavierimprovisationen unterlegt sind.

Zunächst hatte Jauernig seine Reisebilder in eine Online-Galerie hochgeladen. Eine Einladung, eine Ausstellung zu veranstalten, folgte. Zur Vernissage hielt der Wahl-Frankfurter einen einleitenden Vortrag. Die Resonanz war überraschend. Der Vortrag – in dem Fall eine sehr persönliche und emotionale Geschichte – berührte die Zuschauer sehr.

So entstand die Lesungsreihe, mit dem der ehemals gestresste Kopfmensch inzwischen durch ganz Deutschland tourt. Er gastiert bei Firmen, in Kirchen, im Tibethaus Frankfurt und in Cafés. Sogar in der Europäischen Zentralbank hielt er seine Lesung, auf Einladung der Ipso, der Gewerkschaft der EZB. Auch hier waren die Zuhörer von der Lesung angetan. Überall trifft der Ex-Analyst auf offene Ohren, auf Menschen, die sich ähnliche Fragen stellen wie die, die Jauernig einst umtrieben. „Viele Menschen merken, dass etwas in ihrem Leben nicht mehr stimmig ist“, sagt Jauernig. So ist sein Vortrag ein Reisebericht der besonderen Art. Er erzählt von einer inneren Reise, und die Bilder aus Südostasien bilden einen passenden Rahmen. Ein Gespräch rundet den Abend ab.

Zwei Lesungen mit Christof Jauernig sind im Bad Homburger Wohlfühlhaus in der Schmidtgasse 8 zu erleben. Der erste Termin ist morgen, Donnerstag, 1. Februar, um 19 Uhr. Der zweite am nächsten Dienstag, 6. Februar, 19 Uhr. Der Eintritt kostet 15 Euro. Eine Anmeldung ist erforderlich unter: reservierung@unthinking.me oder unter der Mobilnummer 0177-6 28 67 44. Infos: www.unthinking.me

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