+
Dort, wo in der Spielbank sonst die Croupiers sitzen, las Hans Sgl aus der Schnitzler-Novelle.

Literaturfestival

Wenn "Der Bergdoktor" Hans Sigl liest, läuft das Kopfkino

  • schließen

Hätte er nur den letzten Zug nicht verpasst. Um Versuchung ging es in Schnitzlers Novelle „Spiel im Morgengrauen“, mit österreichischer Klangfärbung gelesen von Hans Sigl beim „9. Poesie-& Literaturfestival“ im Spielsaal des Kasinos.

„Jeder liegt mal vorn.“ Im großen Spielsaal des Kasinos hat sich schon manches Schicksal entschieden, und Geschäftsführer Lutz Schenkel formuliert eine diplomatische Antwort auf die Frage des Schauspielers Hans Sigl, wer hier denn gewinne. Das gilt für den normalen Spielbankbetrieb wie auch für die Novelle, mit der an diesem sonnigen Sonntagmittag das „9. Poesie- & Literaturfestival“ anhebt. Der Titel „Spiel im Morgengrauen“ klingt nicht zufällig nach einem Drama.

Bis auf eine sind die roten Samtportieren vor den Fenstern geschlossen. Kristalllüster verbreiten abendliche Feststimmung, derart sind auch viele Gäste gekleidet, andere sommerlich, in der Mehrzahl Frauen, denn Hans Sigl ist auch als „Bergdoktor“ Martin Gruber bekannt, der seit 2008 vor der Kulisse des Wilden Kaisers die Menschheit kuriert. Scharen gesetzter Damen schwärmen für ihn.

In schwarzem Tuch und mit der hübschen Lockenfrisur zaubert er ihnen reihenweise das Lächeln ins Gesicht. Sigl, der Österreicher, wird diese in Wien und Baden bei Wien spielende Geschichte von Arthur Schnitzler aus dem Jahr 1926 lesen, deren Handlung kaum 24 Stunden dauert. Er wird ihr einen Hauch Dialekt angedeihen lassen, wie er zum K.u.K-Reich gehört, in das er die Zuschauer nun mitnimmt: in den Plüsch, die Konventionen, zu den Uniformen und den allfälligen Titeln.

Der Protagonist Wilhelm Kasda ist Leutnant; er soll einem ehemaligen Kameraden, der unverschuldet mit Frau und Kind in Not geraten ist, 960 Gulden leihen, die er aber auch nicht hat.

Bernd Hoffmann, künstlerischer Leiter des Festivals, hat sich Musik aus jugendlicher Hand erdacht; der Geigerinnen Josefine Brockmann und Anna-Maria Farnung, die 2017 den Mendelssohn-Wettbewerb gewonnen haben . Sie spielen kurze Stücke, die „weanerisch-melancholisch“ klingen, hinreißend schön und den Zuhörern Gelegenheit geben, die atmosphärischen Eindrücke aus der Umgebung und der Literatur zu vertiefen.

Hans Sigl, 1967 in der Steiermark geboren, gibt hier mit jeder Faser den Leutnant Wilhelm Kasda, der dem Freund Bogner beistehen will. Etwa anderes als das Spiel bleibt nicht, Kasda gerät an den Kartentisch im Café Schopf, hat Glück, einmal und noch einmal, und hätte die Schuld des Freundes, aber auch sein eigenes Auskommen schlagartig verbessern können, wäre nur der Zug gefahren, hätte ihn der starke Wille nicht verlassen. So spielt er sich um Kopf und Kragen.

Vor dem Schauspieler, der erhöht sitzt wie sonst die Croupiers liegt ein kleiner Haufen bunter Chips, (die dem Leutnant aus der Patsche geholfen, aber auch die Novelle überflüssig gemacht hätten). In der Pause strömen die Zuschauer in die Bar, in der überraschenderweise geraucht werden darf. Während der Brezel lassen sich hinter der Glastür andere Herrschaften beim Automatenspiel betrachten. Die Dame vor der Kaskade grüner Bildchen, der Mann im Oberhemd, der in einen Bildschirm schaut.

Der Donau-Walzer der beiden Virtuosinnen kommt herzzerreißend schön und ist doch der Anfang vom Ende. Sigl gelingt es, den ebenso unterhaltsam wie kunstvoll formulierten Text als Kino im Kopf entstehen zu lassen. Lange Szenen, etwa das verhängnisvolle Kartenspiel, setzen Phantasie frei, schüren die Spannung. Sigls Energie reicht bis zum tragischen Ende, seine Erfahrung mit den Klassikern einer Hörbuchreihe ist zu spüren.

Gleichsam emanzipiert wirkt die Wendung, dass die einst schnöde von Kasda verlassene Frau nun zu Geld gekommen ist und ihn hätte retten können. Getragen die Melodie aus „Schindlers Liste“, stürmisch der Beifall, schwungvoll das Autogramm im gelben Reclamheft.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare