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Wenn in der Apsis der Heizlüfter brummt

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Von: Julian Dorn

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Glanz von einst: Wie auf diesem Archivbild soll der barocke Konzertsaal nach der aufwendigen Sanierung wieder aussehen.
Glanz von einst: Wie auf diesem Archivbild soll der barocke Konzertsaal nach der aufwendigen Sanierung wieder aussehen. © Kur- und Kongress GmbH

Schlosskirche und Orgel sollen für 250 000 Euro saniert werden - Benefizkonzert geplant

Bad Homburg -Wo sonst die erhabene Klangpracht von Bach, Chopin oder Liszt die kulissenhaft anmutende Apsis erfüllt, ist die profane Melodie dieses Nachmittags das sonore Brummen des Heizlüfters. Eine provisorische Lösung, denn die Heizungsanlage der Schlosskirche ist so veraltet, dass man sie Tage vorher hätte anheizen müssen und es ebenso lange gedauert hätte, sie wieder herunterzukühlen. Also wurde sie gar nicht erst aktiviert, sondern lieber das zwar geräusch-, aber wenig klangvolle Elektrogerät aufgestellt.

Zweifellos, daraus macht Kirsten Worms keinen Hehl, die Sanierungsbedürftigkeit der Schlosskirche, dieses etwas versteckt im nordöstlichen Seitenflügel des unteren Schlosshofs gelegenen, kulturellen Kleinods der Kurstadt, ist ohren- und augenfällig. 33 Jahre nach der großen Sanierung hat der Zahn der Zeit tiefe Spuren in dem flachtonnengewölbten Saalbau mit risalitartig vorspringendem Chorgeviert hinterlassen. „Man muss sich nur mal umschauen, dann stechen die Schäden unmittelbar ins Auge“, sagt Worms, die Direktorin der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen (SG).

Die Heizung ist nicht die einzige Baustelle

Nils Wetter aus der Bauabteilung der SG zählt die verschiedenen Baustellen der 1697 von Landgraf Friedrich II. im Zuge des Schloss-Neubaus errichteten Kirche auf: Insbesondere sei die Steuerung der Heizungsanlage des barocken Saals veraltet und bedürfe einer technischen Modernisierung. „Gerade das Holzwerk mit den Malereien ist sehr temperaturabhängig“, erklärt Wetter. Die Schlosskirche brauche dringend eine moderne Anlage, die es ermögliche, „eine niedrige Grundtemperatur im Raum aufrechtzuerhalten“. Wenn die hölzernen Einbauten zu stark aufgeheizt werden, dann reißt das Holz. Nach der Sanierung soll bei Veranstaltungen daher nur noch kurzzeitig die Luft erwärmt werden - und eben nicht mehr das Holzwerk. Dazu bedarf es jedoch eines ausgeklügelten Steuerungssystems.

Risse im Holzwerk, abblätternde Farbe

Doch nicht nur die Heizung soll erneuert werden. „Der Innenraum mit seinen hölzernen Einbauten und Vertäfelungen muss restauratorisch überarbeitet werden“, sagt Wetter. Im Holzwerk zeigen sich teils tiefe Risse, und die Farbe blättert an vielen Stellen ab.

Zu guter Letzt schlägt auch das Herz der Schlosskirche nicht mehr im Takt: die majestätische Bürgy-Orgel mit ihren 38 Registern, drei Manualen und Pedal, die etliche Klangvariationen, angefangen bei Solostimmen bis zum majestätischen Tutti-Klang, erlauben. „Die Pfeifen müssen gereinigt, manche wohl auch ersetzt werden“, bilanziert Karl-Heinz Krug, Vorsitzender des Kuratoriums Bad Homburger Schloss. Die 1989 zuletzt sanierte Orgel soll aber mit all ihren Besonderheiten erhalten werden, verspricht Krug, etwa das Echo-Werk. Dessen Windladen und Pfeifen stehen im unteren Teil der Orgel verdeckt, so dass die Töne Umwege nehmen müssen und dadurch wie ein Echo klingen.

Einerseits handelt es sich um die älteste Orgel Bad Homburgs, andererseits um eine der jüngsten. Dem in den Jahren 1782 bis 1787 von dem Orgelbaumeister Johann Conrad Bürgy entworfenen Pfeifeninstrument war nur ein kurzes Leben beschieden, es vertrug die seinerzeit feuchte Schlosskirche nicht. Bereits nach 90 Jahren lohnte sich keine weitere Investition in das Instrument, so dass man 1878 eine Behelfsorgel anschaffte. 30 Jahre später, 1908, wurde die Erlöserkirche eingeweiht, woraufhin die Gottesdienste in der Schlosskirche eingestellt wurden. Von der alten Bürgy-Orgel waren zu dieser Zeit nur noch das Orgelgebläse, das Gehäuse und die Prospekt-Pfeifen erhalten geblieben. 1917 wurden aus den Zinnpfeifen Kanonen.

Viele originelle Ideen für Spendenaktionen

Dank der Initiative Bad Homburger Bürger und der Orgelbaufirma „Förster & Nicolaus“ - der Gründer des Licher Unternehmens, Johann Georg Förster, hat als Geselle übrigens bei Bürgys siebtem Sohn Johann Georg gearbeitet - konnte 1989 das historisch bedeutsame Instrument wieder nach den originalen Plänen rekonstruiert werden. Es ist damit eines der wenigen Instrumente der klassischen Stilepoche, auf dem Werke der Klassik und der Frühromantik klangauthentisch gespielt werden können. Selbst auf das Treten der Bälge durch Kalkanten muss nicht verzichtet werden. Auch die Stimmung (Kirnberger 1771) entspricht der Entstehungszeit und damit den Werken des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Kuratoriums-Vorsitzender Krug, der bis 2018 Bürgermeister der Kurstadt war, erinnert sich gern zurück an die Zeit der ersten Sanierung. Das 1982 gegründete Kuratorium unter Wolfgang Bersch sorgte mit originellen Spendenaktionen - etwa einer Guinness-Buch-würdigen „längsten Tafel“ und Schlosskirchenbällen - schließlich dafür, dass die Orgel saniert und auch die Kirche (Krug: „eine richtige Rumpelkammer“) renoviert und 1989 als Veranstaltungsraum wiedereröffnet werden konnte. Kostenpunkt: insgesamt 6,5 Millionen Mark, 500 000 Mark sammelte das Kuratorium ein.

Und auch 33 Jahre später sei nun wieder bürgerschaftliches Engagement gefragt, um das Mammut-Projekt der zweiten Sanierung zu stemmen, so Krug. Auf 250 000 Euro taxiert SG-Chefin Worms die Kosten, allein mit 100 000 Euro dürfte der Erhalt der Orgel zu Buche schlagen.

Die Hälfte der Kosten trägt das Land. Der Rest muss aus Spenden finanziert werden. Ähnlich wie damals ist man wieder kreativ geworden, um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen, so ist etwa ein hochkarätiges Benefizkonzert mit dem renommierten Pianisten Burkard Schliessmann geplant(siehe Box). Die Gretchenfrage lautet: Wird es auch in den wirtschaftlich angespannten Zeiten gelingen, genug Spenden zu akquirieren? Krug ist zuversichtlich. Es seien sogar schon die ersten eingegangen. „Die Bad Homburger haben die Schlosskirche ins Herz geschlossen.“ OB Alexander Hetjes (CDU) pflichtet ihm bei und betont, dass der Saal einen „festen Platz“ in der Kulturlandschaft habe.

Worms: Bürgern liegt Schlosskirche am Herzen

Nun seien „helfende und vor allem spendende Hände“ gefragt. Und auch Worms betont: „Es ist immer schön zu erleben, wie sehr sich die Bürger bereits für ,ihren’ Schlosskomplex eingesetzt haben.“ Gerade jetzt könne dieses „Engagement der Bürgerschaft nicht genug gewürdigt werden“. Kostenvoranschläge seien bereits eingeholt worden, so Krug. Wenn alles nach Plan läuft, dann könne die Sanierung 2024 begonnen und, so hofft er, noch im selben Jahr beendet werden. Dann dürfte auch die Melodie des Heizlüfters verklungen sein.

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